Schwanger in Japan: Schwere Geburt.

In 40 Schwangerschaftswochen hatte ich den tatsächlichen Akt der Geburt immer ausgeblendet. Während der Bauch immer größer wurde, gab es in meinem Kopf nur „schwanger“ und „Kind ist da“, aber kein „gebärend“. Natürlich hatte ich einen Geburtsplan, aber es wirkte für mich immer ein wenig wie etwas, das ich für jemand anders planen würde.

Im Nachhinein war es vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich mich gar nicht erst auf irgendeine Idealvorstellung von Geburt festlegen konnte. Schließlich kommt sowieso erstens alles anders, und zweitens als man denkt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass für uns der Anfang und das Ende der Schwangerschaft sehr anstrengend waren. Überhaupt erst einmal schwanger zu werden hat zweieinhalb Jahre und insgesamt sicher über 10.000 € in Anspruch genommen. Letztendlich hatte es mit einer künstlichen Befruchtung geklappt.

Mehr: Kinderwunsch.

Der Mittelteil der Schwangerschaft hingegen war entspannt. Die ganzen Klischee-Symptome, ob nun andauerndes Erbrechen oder konstant schlechte Laune, hatte ich gar nicht. In den 40 Wochen hatte ich nicht einmal das Verlangen nach irgendeinem richtig komischen Essen. Natürlich fiel mir zum Ende der Schwangerschaft hin einiges schwerer, aber so richtig schlimm war es eigentlich nie.

Da meine Schwangerschaft als risikoarm eingestuft wurde, durfte ich sämtliche Vorsorgeuntersuchungen bei Hebammen durchführen lassen. Das bedeutete im Krankenhaus kürzere Wartezeiten und mehr Zeit zum Reden. Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich wegen Corona an nicht einem Vorbereitungskurs teilnehmen konnte, war das sehr schön und hat mir einige Unsicherheiten genommen.

Beim letzten großen Ultraschall vor der Geburt wurde dann aber festgestellt, dass die Menge des Fruchtwassers ein wenig geringer als wünschenswert war. Nicht besorgniserregend gering, aber so gering, dass ich die weiteren Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt machen sollte. Das CTG in der 39. SSW zeigte dann leider wieder Auffälligkeiten und es wurde festgestellt, dass das Fruchtwasser sich weiter verringert hatte, was Druck auf die Nabelschnur auslöste.

Ich wurde gebeten, direkt zwei Tage später, am Montag, ins Krankenhaus zu kommen um die Geburt einleiten zu lassen. Einerseits war das natürlich nicht, was ich mir erhofft hatte – andererseits hatte ich so aber die Möglichkeit ohne Hetze und mit gut gepacktem Gepäck anzutanzen.

Am ersten Tag wurde mir dann ein Stab eingesetzt, der den Muttermund dehnen sollte. Bei manchen Frauen löst der bereits Wehen aus – so auch bei mir. Bis zum frühen Nachmittag ging es mir noch ganz gut, abends wurden die Schmerzen aber schlimmer und nachts war an Schlaf nicht zu denken. Die Tortur schien sich aber gelohnt zu haben: Am nächsten Morgen war der Muttermund dann 4 cm geöffnet und weich, man entschloss sich also ein wehenförderndes Mittel zu geben und direkt in die Geburt überzugehen.

Wehen sind krass. Das weiß wahrscheinlich jeder, der selbst schon einmal welche hatte und der Rest kann es sich nicht vorstellen. Nach zwei schmerzvollen Stunden hatte sich der Muttermund auf 7 cm geweitet und die Fruchtblase war gesprungen. Leider stellte sich dann aber heraus, dass all das achtsame Atmen und Aushalten umsonst gewesen waren – mit jeder Wehe ging der Puls des Babys herunter und um auf der sicheren Seite zu sein entschlossen wir uns zu einem Notkaiserschnitt.

Um zwölf Uhr wurde mein Mann herbeibeordert, um 13 Uhr ging es los. Wehen sind noch einmal doofer, wenn man sie eigentlich gar nicht mehr braucht, und so war ich unglaublich erleichtert, als die Betäubung für den Kaiserschnitt wirkte und ich nichts mehr mitbekam. Zu dem Zeitpunkt war ich so erschöpft und müde, dass ich während der OP am liebsten eingeschlafen wäre. Schließlich war ich seit gut 34 Stunden wach und hatte die Nacht bevor es ins Krankenhaus ging auch nicht gut geschlafen.

Wenige Minuten nachdem die Narkose gewirkt hatte wurde mir kurz unser Sohn hingehalten, bevor er von einem Kinderarzt untersucht wurde. Dann verschwand er aus meinem Blickfeld und kam nicht zurück. Und ich wurde wieder zusammengeflickt konnte ihn im Hintergrund hören, aber er kam nicht zu mir zurück. Und ich wurde zu meinem wartenden Mann (der wegen Corona natürlich nicht mit in den OP gedurft hatte) geschoben und der Sohnemann kam nicht mit.

Er hatte eine Adaptionsstörung. Das bedeutet, dass er den Wechsel zum Leben ohne Nabelschnur nicht so einfach hinbekommen hat. In unserem Fall waren es Probleme mit dem Atmen und der Lunge, wegen denen er direkt auf die Neugeborenenintensivstation (NICU) verlegt wurde. Ich bin meinem Mann sehr dankbar, dass ihm das Vorhandensein einer NICU bei der Wahl des Geburtskrankenhauses sehr wichtig war. So war der Kleine sofort in sicheren Händen und ich musste nicht mit einem frischen Kaiserschnitt das Krankenhaus wechseln.

Am ersten Tag sah ich mein Kind für wahrscheinlich fünf Minuten. Er wurde in einem „Brutkasten“ in mein Zimmer geschoben und mir in den Arm gelegt, und ich habe ihn einfach angestarrt. Das eigene Kind ist dann doch das faszinierendste und schönste Wesen auf dem ganzen Planeten.

An den nächsten Tagen konnte ich ihn für jeweils eine Stunde sehen, die Besuchszeiten in der NICU waren wegen Corona stark verkürzt. Den Rest der Zeit verbrachte ich damit, mich vom Kaiserschnitt zu erholen und Milch abzupumpen.

Ich hatte Glück im Unglück: Mein Körper erholte sich recht schnell von den Strapazen und dank andauerndem Abpumpen hatte ich kein Problem mit der Muttermilch. Der Kleine (ich denke mir irgendeinen Spitznamen für den Blog aus, versprochen) hing nach drei Tagen auch wie eine Schnappschildkröte an der Brust. Nur diese verdammten Corona-Einschränkungen machten mir wirklich zu schaffen. Besucher waren partout nicht erlaubt.

Und dann wurde mir auch noch eröffnet, dass er nicht mit mir zusammen aus dem Krankenhaus entlassen werden würde. Ich bin förmlich zusammengebrochen. Wenig ist so beschissen, wie zu zweit (wenn auch im Bauch) ins Krankenhaus zu kommen und alleine zu gehen. Auch wenn ich natürlich vom Kopf her verstand, dass es eine unglaublich dumme Idee wäre einen Neugeborenen mit Atemschwierigkeiten nicht im Krankenhaus zu belassen, hätte ich ihn mir am liebsten unter den Arm geklemmt und wäre getürmt.

Zu meiner Überraschung erhielt ich aber direkt am Morgen nach meiner Entlassung den Anruf, dass wir ihn mit nach Hause nehmen können. 🙂 Ende gut, alles gut!

Ich komme nicht umhin mein Krankenhaus, das Katsushika Red Cross Maternity Hospital (葛飾赤十字産院 Katsushika Sekijūji San’in), einmal über den grünen Klee zu loben. Die Krankenschwestern, Hebammen und Ärzte waren allesamt fantastisch, liebevoll und einfühlsam und ich war mir zu jedem Zeitpunkt sicher, dass sowohl das Baby als auch ich in den besten Händen sind.

Das Essen war auch nicht schlecht, auch wenn ich jetzt erst einmal für ein paar Wochen auf weißen Reis verzichten kann.

Wir werden die nächsten Tage und Wochen dazu verwenden, uns an das Leben zu fünft zu gewöhnen. Habt also bitte Verständnis, wenn es hier etwas ruhiger zugeht. 🙂

23 Gedanken zu „Schwanger in Japan: Schwere Geburt.

    • Anika sagt:

      Oh man.. da hattet ihr es ja echt nicht leicht
      Aber schön dass am Ende alles so gut verlief!
      Corona ist echt Mist (wenigstens durfte dein Mann ins Krankenhaus. Auch nicht normal im Moment..) und dann mit NICU..

      Auf dem Bild sieht er meinem total ähnlich irgendwie

      Ich wünsche euch eine schöne Eingewöhnungszeit!!

  1. Peter-J. Alexander sagt:

    Kinder sind ein großes Geschenk von ‚Kamisama‘. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und viel Freude mit dem neuen Erdenbürger…

  2. Christine Schlingloff sagt:

    Oh, wie schön, dass letztlich alles gut ausgegangen ist. Herzlichen Glückwunsch zu eurem kleinen Sonnenschein. Euer Leben wird sich sehr verändern und besonders am Anfang fordert so ein kleines Persönchen einem enorm, aber ein Kind ist und bleibt das Schönste und Beste auf der Welt. Genießt das Leben zu Dritt und freut euch auf alle neuen Erfahrungen, die ihr gemeinsam machen werdet. Alles Liebe, Christine

  3. Jacqueline sagt:

    Ich hatte beim Lesen Gänsehaut, es war alles 1:1 wie bei mir vor 29 Jahren.

    Nochmal alles Liebe und eine schöne Kennenlernzeit Euch 🙂

    LG
    Jacqueline

  4. Tom (Thomas) sagt:

    Ich gratuliere Ihnen und Ihren Mann zur Geburt des Nachwuchses.

    Was Sie beschrieben haben kommt mir sehr bekannt vor, bei meiner Frau wurde auch ein Notkaiserschnitt gemacht und unsere Tochter wurde danach wegen der Sauerstoffsättigung in die Kinderabteilung gebracht.
    Für mich war es nicht angenehm, die Kleine auf der station und meine Frau bekam noch ne Entzündung an der Narbe, Dank einer sehr guten Hebamme musste Sie nicht mehr ins Krankenhaus.
    Unsere Tochter wird im Winter Zwölf und alles von damals ist (fast) vergessen, leider hat sie immer noch kein Interessa an Japan, also fliege ich nächtes Jahr wenn es geht wieder alleine nach nabari.

    Ihnen noch mal viel Glück und Gesundheit, für das Kind und Ihnen, es ist eine sehr schöne Zeit, geniessen Sie sie.

    Grüße aus Bayern

    Tom

  5. Christina sagt:

    Liebe Claudia
    Alles Gute zur Geburt ( auch wenn sie beschwerlich war) Hauptsache am Ende war alles gut. Mein Neffe und seine Frau haben am 21. April eine kleine Tochter bekommen, auch mitten in Corona und sie war schon ein paar Tage vorher im Krankenhaus und es wurde eingeleitet aber nichts geschah, nach 5 Tagen wartens und einleitens ( wo der Mann nicht mit ins Krankenhaus durfte und keine Besucher erlaubt waren und man sich noch nicht mal mit Mitschwangeren unterhalten konnte) gab es dann doch einen Kaiserschnitt.
    Das ist jetzt schon 2 Monate her und hier ist auch Ende gut alles gut.
    Ich wünsche euch eine schöne Kennenlernzeit und dem Kleinen alles Glück dieser Welt.
    Ein Kind ist immer ein Geschenk ( hat meine Nachbarin mit mal gesagt, und da hat sie sowas von Recht mit )
    Herzlichen Glückwunsch an die ganze Familie
    Christina

  6. Berger, Andrea sagt:

    Herzlichen Glückwunsch Claudia!
    Wir kennen uns nicht persönlich aber ich kenne Deine Eltern recht gut.
    Ich habe Ähnliches erlebt. Unser Körper kann so unglaublich viel schaffen wenn die entsprechende Motivation da ist.
    Man wird diesen Moment nie vergessen und er stellt Dein Leben komplett auf den Kopf.
    Bei mir ist es inzwischen schon 35 Jahre her. Das klingt unglaublich lange und es ist aber so gegenwärtige als wäre es gestern gewesen.
    Viele schöne Momente wünsche ich Euch 5.
    Ganz liebe Grüße nach Tokio.
    Andrea Berger

  7. Barbara sagt:

    Liebe Claudia!
    Herzlichen Glückwunsch zur Geburt Eures Kleinen! Möge ein langes und erfülltes Leben vor ihm liegen!!
    Und Dir besten Dank für Deinen tollen Blog! Bin großer Japanfan und Du lieferst so viel Interessantes zum Hintergrund des Landes. Bin gespannt auf Deine weiteren Berichte – über Eure kleine Familie, auch wie Ponzu und Yuzu mit dem neuen Familienmitgliled so klarkommen und über Japan an sich.
    Nun aber erst einmal gute Erholung!
    Liebe Grüße aus Berlin
    Barbara

  8. Nina sagt:

    Herzlichen Glückwunsch! Dann viel Spaß ihr 5 🙂 Wie viel kostet so eine Geburt und einen Krankenhausaufenthalt? Wirst du in Zukunft was dazu schreiben?

    Gut das es doch noch so gut gelaufen ist. Bei meiner Mutter war damals (vor 30 jahren!) das Fruchtwasser so niedrig, dass ich 10 Wochen früher als geplant per Notkaiserschnitt geholt wurde. Aber auch die Zeit im Brutkasten hab ich geschafft – der kleine ist bestimmt auch ein super kämpfer 🙂

  9. Gundi sagt:

    Herzlichen Glückwunsch und alles Liebe für die erste Zeit. Ich möchte trotz aller Anstrengung keinen Tag mit meinen Kindern missen (meine Tochter ist älter als du – ich warte schon sehnsüchtig auf Enkel).
    Herzliche Grüße aus Hamburg! Gundi

  10. Sibylle Otto sagt:

    Liebe Claudia,
    ganz herzlichen Glückwunsch zur Geburt eures Sohnes !!
    Möge er gesund und fröhlich heranwachsen und ein erfülltes, spannendes Leben vor ihm liegen.
    Euch allen zusammen wünsche ich gute Erholung vom aufregenden Start und eine wunderschöne Familienzeit !

    Alles Liebe und viele Grüße aus Berlin-Köpenick,
    Sibylle

  11. Cornelia sagt:

    Liebe Claudia,

    Ganz herzlichen Glückwunsch zu Eurem neuen Familienmitglied! Nehmt Euch Zeit füreinander – es gibt nichts Schöneres als ein Kind auf seinem Weg zu begleiten (auch wenn sie von Zeit zu Zeit riesig anstrengend sind 🙂 )

    Liebe Grüße,
    Cornelia

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