49 Tage später.

Nach der Einäscherung steht die Urne für 49 Tage im Haus des Verstorbenen auf einem Altar. Dort kann sie von Familie und Freunden besucht werden. Nach dem Ablauf dieser Zeit wird die Urne beigesetzt.

Mehr: Wie eine japanische Beerdigung abläuft.

Hier ein kurzer Text über meine Eindrücke von diesem Tag.

Dem Mönch fehlten an der linken Hand bis auf den Daumen sämtliche Finger. Es sah nicht so aus, als wäre er so auf die Welt gekommen, eher, als hätte er sie in einem Unfall verloren. Aber man kann einen Mönch nicht einfach fragen, was denn mit seinen Fingern geschehen ist, wenn er gerade die Sutren für den Schwiegergroßvater gelesen hat. Wahrscheinlich kann man keinen Menschen einfach so direkt nach solchen Dingen fragen.

Sein Mangel an Fingern machte verschiedene Dinge offensichtlich sehr umständlich. Man kann nicht mit derselben Hand das Büchlein mit den Sutren halten um sie zu lesen und gleichzeitig mit einem Schlägel eine Tonschale zum Schwingen bringen. Aber das hielt ihn nicht davon ab, seine Aufgabe sehr gut zu machen. Seine Stimme half dabei sicher.

Mir war schon bei der Abschiedsfeier aufgefallen, dass dieser Mönch eine sehr schöne Stimme hatte. Bei Sutren verstehen auch die meisten Japaner kaum etwas vom Text, aber ob jemand sie schön vorträgt erkennt jeder.

Nach dem ersten Gebet an diesem Tag, als wir alle im Auto auf dem Weg zum Friedhof waren, erzählte mir mein Schwiegervater, dass er den Gesang des Mönchs so entspannend fand, dass er fast eingeschlafen wäre. Auch das wäre sehr unangebracht gewesen.

Nach einer kurzen Fahrt standen wir in der knallenden Sonne auf dem Friedhof, vor dem Grabstein auf dessen Vorderseite wir nicht die beiden Nachnamen der dort beerdigten gravieren lassen durften, Friedhofsregeln. Stattdessen steht dort jetzt groß „Das Grab unserer Vorfahren“.

Auf der Glatze des Mönchs bildeten sich Schweißperlen. Nach und nach nahmen die restlichen Anwesenden ihre Sonnenschirme heraus, weil es sonst unerträglich gewesen wäre. Eine ältere Dame hatte auf ihren Schirm verzichtet und wäre fast ohnmächtig geworden. Schwarze langärmlige Kleidung und die letzten heißen Sommertage vertragen sich einfach nicht.

Manchmal hörte ich in den Sutren Worten, die dort ganz sicher nicht hingehörten: Carbonara, Hansemarie, Amerika. Die Hitze wurde immer unerträglicher. Ich versuchte dem jüngeren, aber deswegen noch lange nicht jungen, Bruder des Toten möglichst unauffällig meinen Sonnenschirm über das schüttere Haar zu halten.

Man bat uns ein letztes Mal für den Verstorbenen zu beten, bevor die Steinplatte über seiner Urne versiegelt werden würde. Die Stimmung war ganz anders, fröhlicher, als bei der Abschiedsfeier und der Einäscherung.
Hatte ich dem Großvater meines Mannes bisher immer eine gute Reise gewünscht, war es jetzt “Das war’s, Jiiji.”

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