Shimane, Teil 2: Zwischen Matsue und dem großen Schrein von Izumo.

Das wahre Ziel unserer Reise war natürlich der große Schrein von Izumo, der Izumo-Taisha oder offiziell Izumo-Ōyashiro. Um diesen ranken sich viele Mythen und Zeremonien, aber für mich war allein die Reise von Matsue nach Izumo schon irgendwie mystisch.

Zwischen den Städten Matsue und Izumo liegt der große See Shinjiko. Wenn man in der Bahn zwischen Matsue und Izumo sitzt, fährt man über weite Strecken den See entweder direkt am Nord- oder Südufer entlang.

Weil das Wetter während unseres gesamten Urlaubs nicht sonderlich gut war, konnten wir die andere Uferseite während der Fahrt nicht sehen, und irgendwie fühlte es sich an, als würden wir in diesem fast menschenleeren Bahnwaggon durchs Meer fahren. Was ich sagen will: Ich kam mir vor wie Chihiro in Chihiros Reise ins Zauberland auf dem Weg zu Zenibas Haus. 😀

Direkt in unserer Bahn befand sich übrigens eine Figur des Präfekturmaskottchens Shimanekko. Das Dach auf deren Kopf erinnert an die Bauweise der Schreindächer in Izumo und Katzen ziehen bekanntlich immer.

Nach etwas über einer Stunde fahrt erreichten wir den Bahnhof Izumo Taisha Mae (出雲大社前), von dem aus es nur ein kurzer Weg bis zum Schrein ist. Die Geschäfte auf der Straße zwischen Bahnhof und Schreintor sind unglaublich stylisch – kein Wunder, wo es sich hier doch um ein Reiseziel handelt, das vor allem viele junge Frauen anzieht. Ausländische Touristen sahen wir übrigens kaum, was wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, dass Shimane mit der Bahn nur etwas umständlich zu erreichen ist.

Wir tranken bei Taisha Coffee Kaffee und kauften dort auch beide als Mitbringsel für Freunde und Männer Drip Coffee. Ganz ehrlich, guter Kaffee freut die meisten Leute mehr als Süßigkeiten in mysteriösen Geschmacksrichtungen. Das Verpackungsdesign war auch einfach wirklich gut. Generell hatten irgendwie sämtliche Läden gut designte Logos, ob nun ein modernes Café oder ein Geschäft für traditionelle Süßigkeiten.

Gleiches galt auch für das Geschäft für nichts als Shuinchō (朱印帳) direkt am Schreintor.

An Schreinen kann man gegen ein Entgeld Goshuin (御朱印) erhalten. Das sind rote Stempel mit dem Schreinnamen. Dann werden noch Schreinname und Datum meist per Hand geschrieben und man hat ein Andenken an den Schreinbesuch. Bevor man nach einem Goshuin fragt, sollte man aber beten gehen, denn als Nachweis dafür war das ursprünglich gedacht. Inzwischen ist es vor allem bei jungen Frauen einfach als eine Art Sammelalbum in Mode gekommen und es gibt viele Webseiten, die die schönsten Goshuin auflisten.

Auf jeden Fall sammelt man diese Goshuin in den Shuincho, Büchern extra dafür. Der Laden Shirube (しるべ) verkauft nichts anderes und wir waren der Meinung, wenn man schon einmal einen der wichtigsten Schreine Japans besucht, kann man auch als Andenken einen Goshuin mitnehmen. Tatsächlich wurden es vier.

Aber was macht den nun diesen Schrein so besonders?

出雲大社 – Izumo Taisha oder Izumo Ōyashiro, letztere Lesung ist wohl korrekt, erstere aber populärer

Er wird in den ältesten japanischen Schriften erwähnt. Tatsächlich ist der Schrein zentral in der Gründungslegende Japans.

Das Land war ursprünglich von den Erdgöttern geschaffen worden, die es von Izumo aus regierten. Doch die Himmelsgötter sendeten Vertreter auf die Erde, um das Land durch einen Stärkewettbewerb zu erlangen. Dies gelang ihnen auch und Amaterasu, mythische Vorfahrin der japanischen kaiserlichen Familie, erbaute für den Erdgott Ōkuninushi, dem das Land bisher gehört hatte, einen Palast: Den Izumo-Schrein.

Mehr: Ein Besuch bei Amaterasus Schreinen in Mie.

Sie gab Ōkuninushi dann die Aufgabe, für gute Beziehungen zwischen den Bewohnern des Landes zu sorgen, während sich die Himmelsgötter, und mit ihnen natürlich die kaiserliche Familie, um die politischen Geschicke des Reichs kümmern würden.

Überall in Izumo findet man Hasen

Es gibt auch eine weitere Legende, die etwas mit Beziehungen zu tun hat. Ōkuninushi, damals noch als Ōnamuji bekannt und nicht Herrscher von Izumo, reiste um um die Hand einer Prinzessin anzuhalten. Weil das damals wahrscheinlich einfach so war, hatten seine 80 Brüder die gleiche Idee. Auf ihrem Weg trafen sie auf einen verletzten Hasen, der von einem Hai gebissen worden war. Ōkuninushis 80 Brüder sagten dem Hasen, er solle seine Wunde im Meereswasser waschen und in der Meeresbrise trocknen lassen, was dem Hasen nur noch mehr Schmerzen verursachte. Als Ōkuninushi, von seinen Brüdern als Gepäckträger missbraucht und deswegen langsamer, den Hasen sah, wusch er seine Wunde mit Flusswasser aus und verarztete ihn. Als Dank sagte ihm der Hase voraus, dass Ōkuninushi die Prinzessin heiraten würde – und so kam es dann auch.

Der Izumo-Schrein ist also der Schrein, wenn wenn man ein wenig Hilfe in Sachen Beziehung braucht. Dabei geht es für viele natürlich um romantische Liebe, aber man kann dort für alle möglichen Beziehungen beten.

Jepp, es regnete. Aber wir sind ja nicht aus Zucker!

Der Izumo-Schrein ist wirklich sehr groß und in viele Gebäude aufgeteilt. Vom Tor aus läuft man fast 600 m bis zum Hauptschrein. Den selbst kann man zwar aus einiger Entfernung sehen, auf dem Foto mit den Hasen oben seht ihr seine Rückseite, aber nah heran kommt man nicht. Man betet an einem Tor vor dem eigentlich Schrein. In der Nähe des Hauptschreins bekommt man den ersten Goshuin-Stempel.

Aber sowieso denken Japaner, wenn sie an den Izumo-Schrein denken, an ein ganz anderes Gebäude auf dem Schreingelände und zwar den Kagura-den (神楽殿). Die riesigen entgegen dem Uhrzeigersinn gedrehten Taue aus Reisstroh sind, neben der charakteristischen Dachform, repräsentativ für den Schrein. Hier bekamen wir unseren zweiten Goshuin-Stempel.

Hier fanden übrigens zwei Hochzeiten fast gleichzeitig statt

Der Kagura-den dient der Belustigung und Verköstigung der Götter. Das ist in Izumo auch bitter nötig, denn jeden Oktober (des alten Kalenders, das Datum verschiebt sich jedes Jahr) findet dort das wahrscheinlich wichtigste Meeting aller Zeiten statt, größer als G20: Alle shintoistischen Götter versammeln sich dann in Izumo um Pläne zu schmieden. Während der Oktober traditionell Kannazuki (神無月), Monat ohne Götter, heißt, wird er in Izumo Kamiarizuki (神在月) genannt, der Monat, in dem die Götter da sind.

Wenn die Götter nach Izumo kommen, dann über denselben Weg, den die Himmelsgötter damals bei der Eroberung Izumos nahmen: Über das Meer und den Strand von Inasa (稲佐の浜). Wir stellten leider erst auf dem Weg dorthin fest, dass die Karte vorm Izumo-Schrein, auf der die Entfernung dorthin Pi mal Daumen dieselbe war wie die zum Hauptschrein, offenbar nicht maßstabgetreu war. Tatsächlich liefen wir je anderthalb Kilometer hin und zurück, denn wo in Tokyo alle zehn Minuten ein Bus kommen würde, fahren in Izumo acht am Tag. Tja.

Am Strand dort steht Bentenshima (弁天島), welches nur bei Ebbe zu erreichen ist. Dort wird jedes Jahr eine Zeremonie abgehalten, um die Götter zu empfangen. Wenn es um die japanische Mythologie geht, ist es zwar durchaus ein wichtiger Ort, aber für mich dann eigentlich doch nicht wichtig genug um drei Kilometer zu laufen.

Zur Entschädigung aßen wir, wieder zurück an der Straße zwischen Schrein und Bahnhof, Soba-Nudeln, eine Spezialität in Izumo. Die Freundin, mit der ich da war, hat eine Weizenallergie und obwohl Soba eigentlich aus Buchweizen sein sollten, wird oft Weizen zugemischt.

Bei Sunaya (砂屋) gibt es nur Soba aus 100% Buchweizen. Meine Freundin bestellte warme Soba, ich ein Set mit kalten Nudeln mit verschiedenen Toppings. Das Highlight für mich war allerdings das Sobagaki, eine Masse aus Buchweizenmehl und Wasser, die hier süß mit roten Bohnen, geröstetem Sojamehl und braunem Zuckersyrup. Köstlichst!

Als wir unsere Shuinchō kauften, sagte uns die Verkäuferin, dass es in der Nähe des Izumo-Schreins noch einen weiteren Ort gäbe, bei dem man gleich zwei Stempel bekommen könnte.

Am Schrein Izumo-Kyō (出雲教) fand wie bereits am Kagura-den des Izumo-Schreins eine Hochzeit statt. Ich weiß nicht, ob es viele Leute gibt, die extra anreisen um im Schrein der Liebe zu heiraten, oder ob einfach ganz Izumo im Juni heiraten wollte. 😀

Links das Brautpaar

Auf dem Foto seht ihr einen Chi no Wa (茅の輪), einen riesigen Kreis aus Schilf. Solche findet man manchmal im Sommer in Schreinen und wenn man sie in der richtigen Reihenfolge durchschreitet, soll das mögliches Unglück abwenden.

Im Izumo-Kyō gibt es verschiedene kleine Schreine, an denen verschiedene Götter verehrt werden. Hauptsächlich geht es aber um Ōkuninushi und Sukunabikona, einen weiteren Gott, der bei der Erschaffung Japans geholfen hat. Die zwei Stempel, die man hier bekommt, sind einmal für den Izumo-Kyō insgesamt und dann noch einmal für den Ten-Schrein (天神社), der sich auf dem Gelände befindet. Leider war die Dame, die unsere Sammlerhefte für Erwachsene entgegennahm, irgendwie sehr unfreundlich, was mir den Eindruck vom ganzen Schrein etwas versaute.

Wir setzten uns auf jeden Fall wieder in die verzauberte Chihiro-Bahn und fuhren zurück nach Matsue. Eine Sache wollten wir dort auf jeden Fall noch machen: Eine Rundfahrt durch den Burggraben von Matsue.

Mit den langen flachen Booten kann man einen Tag lang für 1,500 ¥ (ca. 12,70 €) als einheimischer und nur 1,200 ¥ (ca. 10,15 €) als ausländischer Tourist fahren. Genauere Infos findet ihr auf der Seite des Veranstalters.

Da viele niedrige Brücken über den Burggraben führen, sind die Boote mit einem absenkbaren Dach ausgerüstet. Das Kopfeinziehen schien besonders den Kindern viel Spaß zu machen. 🙂 Während der Fahrt erzählte der Steuermann am Heck von Matsue, doch leider in unserem Fall so leise, dass wir ihn erst nach einem kurzen Zwischenstopp, an dem viele ausstiegen und wir uns näher an ihn setzten, verstehen konnten.

Zu verschiedenen Jahreszeiten ist die Aussicht vom Boot natürlich unterschiedlich. Im Juni war alles satt grün und die Hortensien blühten. Eine Burggrabenrundfahrt ist auf jeden Fall ein hervorragender Weg, um Matsue etwas anders kennenzulernen. 🙂

Wir hatten von Anfang an eine kurze Reise geplant, erstens weil weder meine Freundin noch ich einen Führerschein haben und wir nicht sicher waren, wie viel es zu sehen geben würde und zweitens, weil wir das erste Mal zusammen verreist sind. Man weiß ja nie, ob man sich einfach nur normalerweise super versteht und einander auf Reisen aber den Kopf abreißen möchte.

Der zweite Abend in Shimane war deswegen für uns auch der letzte. Auf der Suche nach einem Restaurant stießen wir auf Naniwa Honten (なにわ本店) direkt am Fluss.

Das Restaurant bietet lokale japanische Küche, vom Krustentier bis zum Shimane-Rind. Letzteres brateten wir selbst direkt am Tisch. Dafür wird eine kleine Heizplatte angerichtet, auf der man sein Fleisch und Gemüse ganz nach dem eigenen Geschmack braten kann.

Außerdem gab es natürlich Reis, Suppe und ein paar Beilagen. Bis ein Jumbojet eine Gruppe älterer Damen ins Lokal kam, war es auch sehr ruhig und die Sicht auf den Fluss und die Boote sehr beruhigend.

Ajidokoro Naniwa Honten (味処 なにわ本店)
島根県松江市末次本町21
Shimane-ken, Matsue-shi, Suetsugu Honmachi 21
Täglich von 11 bis 14 und 17 bis 21 Uhr

Apropos Gruppe älterer Herrschaften, bevor ich meine Erzählungen von Shimane beende, muss ich euch den bisher verrücktesten Vorfall bezüglich meines Japanischs berichten. Dass Menschen mich nach drei Sätzen Japanisch über den grünen Klee loben, kenne ich, seit ich drei Sätze Japanisch sprechen kann. In Shimane habe ich die ultimative Steigerung davon erfahren!

Und zwar erzählte mir eine Freundin etwas, wir stiegen in den Aufzug, sie erzählte weiter, ich stimmte ihr zu („Un-un-un“ in etwa), der ältere Herr neben mir fing an darüber zu reden, wie toll mein Japanisch sei. Obwohl ich nichts gesagt hatte! 😀 Natürlich muss er gemerkt haben, dass ich das Japanisch meiner Freundin verstehe, aber die Situation war mir so peinlich, dass ich bis zum Erdgeschoss nichts mehr gesagt habe.

Am nächsten Morgen fuhren wir recht früh zum Flughafen um etwa mittags in Tokyo anzukommen. So war er auch schon wieder vorbei, der Urlaub. Immerhin hatte ich über zwei Monate, um in den Erinnerungen zu schwelgen, bevor ich sie endlich mal aufgeschrieben habe. 😉

Shimane war eine schöne Präfektur. Selbst bei suboptimalem Wetter hatten wir viel Spaß und wenn man sich mit Matsue und Izumo zufrieden gibt, braucht man nicht einmal ein Auto um herumzukommen. Bei einer erneuten Reise würde ich aber meinen Fahrer Ehemann mitnehmen, um noch ein wenig mehr entdecken zu können. Außerdem war er wirklich traurig, dass wir den Izumo-Schrein nicht zusammen das erste Mal besucht haben.

Übrigens waren wir schon einmal in Shimane, sogar dieses Jahr, und zwar in Tsuwano. Wie es dort war, könnt ihr hier lesen:

Mehr: Die Altstadt von Tsuwano.

3 Gedanken zu „Shimane, Teil 2: Zwischen Matsue und dem großen Schrein von Izumo.

    • Claudia sagt:

      Ein schönes Wort für „Filterkaffee“. 😉 Dahinter ist natürlich noch eine ganze Menge Methode, aber ich glaube „Filterkaffee“ ist am verständlichsten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.