Wie eine japanische Beerdigung abläuft.

Wie ich am Wochenende schrieb, ist mein Schwiegergroßvater vor kurzem verstorben. Weil es doch ganz anders abläuft als in Deutschland, und ich einige Aspekte durchaus mag, möchte ich euch kurz erzählen, wie japanische Beerdigungen vonstatten gehen.

Totenwache – Otsuya (お通夜)

Japanische Trauerfeiern bestehen aus zwei Teilen: Der Totenwache und der Abschiedsfeier. Die Totenwache wird am Abend durchgeführt. Dabei wird der Tote in einem Sarg mit Fenster (und Fensterläden) auf Höhe des Gesichts aufgebahrt. Außerdem werden von Angehörigen, aber auch Freunden und Firmen Blumen gekauft, die mit einem Namensschild versehen aufgestellt werden. Symbolisch werden auch Lebensmittel dargeboten.

Zur Totenwache kommt ein buddhistischer Mönch, der etwa 30 bis 40 Minuten lang Sutren liest. Diese sollen dem Toten helfen, die Reise ins Jenseits anzutreten und ein guter Buddhist zu werden.

Währenddessen kommen die Gäste allein oder zu zweit an einen dafür bereitgestellten Tisch. Auf dem befinden sich Weihrauchkörner, oder Makkō (抹香) und ein Weihrauchbrenner. Die Reihenfolge hierbei ist immer gleich: Erst verbeugt man sich vor der Familie, dann vor dem Toten und faltet die Hände wie zum Beten. Dann nimmt man, noch immer ein wenig nach vorn gebeugt, ein wenig Weihrauch zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger, führt es in Richtung (aber nicht bis zur) Stirn, und dann zum Weihrauchbrenner. Das wiederholt man zweimal. Zum Schluss betet man, die Hände gefaltet, für den Toten.

Bei Beerdigungen ist es übrigens von Vorteil, wenn man eine buddhistische Gebetskette oder Juzu (数珠) hat. Diese wird während der ganzen Zeit an der linken Hand getragen.

Gebetskette und Geldumschlag

Wenn man eine Totenwache oder Abschiedsfeier (oder beides) besucht, wird erwartet, dass man ein Beileidsgeschenk (Kōden 香典) in Form von Geld gibt. Das sind meist 10.000 ¥, 30.000 ¥ oder 50.000 ¥, die im Gegensatz zu Hochzeitsfeiern nicht in neuen unbenutzten Geldnoten in einem entsprechenden Briefumschlag stecken sollten.

Nach der Zeremonie essen alle zusammen in einem Nebenraum. Bei der Totenwache geht es natürlich darum, den Toten auf seinem letzten Weg nicht allein zu lassen. Dementsprechend übernachtet jemand, in diesem Fall waren es die beiden Kinder, in einem Nebenraum. Während der Nacht dürfen Kerze oder Weihrauch nicht ausgehen, aber glücklicherweise gibt es inzwischen langsam brennenden Weihrauch, der acht Stunden lang hält.

Abschiedsfeier – Kokubetsushiki (告別式)

Am Morgen nach der Totenwache findet die Abschiedsfeier statt. Es läuft anfangs genau so ab, wie am Tag der Totenwache. Der Mönch liest Sutren, die Besucher beten für den Verstorbenen. Diesmal wird aber statt einem Mal zweimal Weihrauch abgebrannt und gebetet.

Dann wird der Sarg geöffnet, um allen die Möglichkeit zu geben, sich zu verabschieden. Persönliche Gegenstände werden in den Sarg gegeben, in unserem Fall Kleidung inklusive eines Pullovers und eines Huts (der Großvater war immer sehr auf gute Kleidung bedacht) und Notenblätter für seine liebsten Lieder, die er immer mit Freunden beim Karaoke gesungen hatte.

Danach werden die Blüten der Blumensträuße abgeschnitten und in den Sarg gelegt, so dass nur noch das Gesicht zu sehen ist. Dieser Schritt war wahrscheinlich der emotionalste und schwerste.

Es gibt wohl auch eine Tradition, nach der der Sarg von den Angehörigen zugenagelt wird, aber das wurde uns glücklicherweise erlassen. Vielleicht macht man das heutzutage auch generell nicht mehr.

So verabschiedet wird der Sarg ins städtische Krematorium gebracht und dort eingeäschert.

Einäscherung – Kasō (火葬)

Während der Sarg in die Brennkammer geschoben wird, werden wieder Sutren wiedergegeben und die Angehörigen etc. beten, diesmal wird aber nur einmal Weihrauch in den Weihrauchbrenner gegeben.

Nachdem man etwa eine Stunde in einem anderen Raum im Krematorium gewartet hat, wird man aufgerufen, weil die Knochen des Verstorbenen bereit liegen. Je zwei Personen legen in Zusammenarbeit mit Stäbchen einen Knochen in die Urne, wenn alle durch sind, werden die restlichen Knochen durch einen Beamten des Krematoriums in die Urne befördert. Ganz oben auf werden die Knochen des Kopfes angereiht, vom Unterkiefer zur Schädeldecke. Da der Großvater ein Gebiss trug, wurde auch das in die Urne getan.

Dann kommt der Verstorbene in seiner Urne erst einmal nach Hause.

49 Tage – Shijūkunichi (四十九)

Im buddhistischen Glauben glaubt man, dass das Bewusstsein noch 49 Tage nach dem Tod existiert.

Für 49 Tage steht die Urne also auf einer kleinen Art Schrein, zusammen mit Fotos des Verstorbenen, Wasser, Tee und Essen, letztere werden täglich ausgetauscht. Auf der vordersten Stufe des Schreins befindet sich ein Weihrauchgefäß, und jeder Besucher des Hauses nimmt eine Stange Weihrauch, entzündet es, steckt sie in das Gefäß und begrüßt und verabschiedet sich vom Toten.

Im August ist das Totenfest Obon, während dessen die Toten das Diesseits besuchen. Die Verstorbenen, die noch nicht beigesetzt wurden, befinden sich währen dieser Zeit aber sowieso schon zuhause.

Nach diesen 49 Tagen entscheidet sich das Schicksal des Verstorbenen, und um da die Tür ins Nirwana geöffnet zu bekommen, findet erneut eine buddhistische Zeremonie statt, diesmal aber zumeist in einem Tempel. Dabei werden wieder Sutren verlesen und es wird für den Toten gebetet. Erst danach wird die Urne im Familiengrab beigesetzt.

Ich persönlich finde es bei japanischen Beerdigungen schön, wie viel Zeit einem gelassen wird um sich zu verabschieden. Der Tod ist oft plötzlich, da muss es der Abschied nicht auch noch sein.

11 Gedanken zu „Wie eine japanische Beerdigung abläuft.

  1. Rumpelstilzchen sagt:

    Ein sehr schöner Beitrag. Sachlich, aber auch mit sehr viel Gefühl geschrieben. Eine kurze Anmerkung. Obon ist in der Regel in Tokio im Juli. Die Tokyoter_innen 江戸っ子 nennen Obon im August 旧盆 (kyu bon).

    • Claudia sagt:

      Ich weiß. 🙂 Aber Tokyo ist nicht der Nabel der Welt und in meiner Familie wird es trotz tokyoter Herkunft im August begangen.

  2. Anika sagt:

    Du hast das toll beschrieben.

    Meine erste und bisher einzige Beerdigung hier war sehr schwer für mich und ich weiß gar nicht ob ich den Beitrag dazu je fertig geschrieben habe..
    Ich denke nur ungern daran zurück, auch wenn die Stimmung innerhalb der Familie sehr positiv war (was nicht bedeutet, dass nicht getrauert wurde).

    • Olaf sagt:

      Kurze Antwort auf die Frage nach den Kosten:
      Wir hatten leider Anfang Juli das selbe Thema, mein Schwiegervater verstarb im Alter von 78 Jahren.
      Eine kleine Feier im engsten Familienkreis (ca. 25 Personen), Raum für Totenwache, Totenzeremonie, Sarg, Krematorium und Shinto-Priester hat uns insgesamt rd. 1,6 Mio Yen gekostet.
      Ein scheinbar absolut normaler, vielleicht sogar leicht unterdurchnittlicher, Betrag für solch ein Ereigniss.

      • tabibito sagt:

        Noch eine Anmerkung: Ein 戒名 kostet bis zu eine Million Yen… das ist dann zusätzlich zu den obigen Kosten. Und dann gibt es noch diverse andere Kosten später…

        • Olaf sagt:

          Stimmt, wobei ein 戒名 wohl nur die Buddhisten haben (können) und je schöner er „klingt“, umso teurer ist der ausgesuchte 戒名 dann auch.
          Bei einer Shinto-Zeremonien entfällt dies.
          Die späteren Kosten bei den Buddhisten sind m.E. in der Tat nochmals erheblich, denn die festgelgten Gedenktage (z.B. 49ter Tag, 100ter Tag, erster Jahrestag etc.) werden mit einer kostenpflichtigen Prozedur in einem Tempel begangen.
          Das hatten wir vor zwei Jahren bei einer Tante meiner Frau, und wenn ich mich recht erinnere, lagen wir bei dem 49ten Tag, an dem wir anwesend waren, bei etwa 250ts Yen.

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