Ein Feuerwerk.

Jedes Jahr findet eines der größten Sommerfeuerwerke Japans beinahe direkt vor unserer Haustür statt. Wie schon vorletztes Jahr gab uns eine liebe Freundin meiner Schwiegermutter die Erlaubnis, das Feuerwerk von der Dachterasse ihres Mietshauses zu sehen.

Dieses Jahr war das Feuerwerk für uns ganz besonders wichtig: Der Vater meiner Schwiegermutter lag schwerkrank im Krankenhaus und wir brauchten einfach einen kurzen Moment, in dem wir über etwas anderes nachdenken durften.

Obwohl der Vater meines Schwiegervaters bis zu seinem Tod vor fast acht Jahren im selben Haus wie mein Mann lebte (übrigens genau dort, wo dieser Blogeintrag entsteht), hatten sie nie so eine feste Bindung wie die zwischen meinem Mann und seinem Großvater mütterlicherseits. Dafür gab es gute Gründe, aber um die soll es hier nicht gehen.

Mein Mann ist das einzige Enkelkind der Großeltern mütterlicherseits. Dementsprechend wurde er von ihnen natürlich verhätschelt und bekam auch letztes Jahr, wie jedes zuvor, zu Neujahr einen Geldumschlag – Dabei gilt diese Tradition eigentlich nur für Kinder.

Der Großvater rauchte lang stark, bis zu zwei Packungen „Highlight“ am Tag. Vor 17 Jahren wurde ihm wegen Lungenkrebs ein Teil der Lungen entfernt, anlässlich dessen hörte er auf zu rauchen. Mit 70 Jahren.

Dennoch plagten ihn lange Lungenprobleme, bei einer Routineuntersuchung dieses Jahr stellte der Arzt sich ausbreitende Verhärtung der Lungenflügel fest. Als mein Mann ihn im Juni anrief, um sich für ein Geburtstagsgeschenk zu bedanken, sagte sein Großvater, dass er befürchte nicht bis Ende des Jahres durchzuhalten.

Seit einiger Zeit hatte er zuhause eine Sauerstoffmaschine, weil er auch innerhalb des Hauses sehr schnell außer Atem geriet. Vor zwei Wochen bekam er plötzlich ein Fieber und wurde von seinem Sohn ins Krankenhaus gebracht. Bei einem CT wurde das ganze Ausmaß des Problems klar. Neben einer starken Lungenentzündung hatte er auch immer weniger Spielraum um zu atmen.

Zwar bekam er drei Tage lang starke Stereoide um die Entzündung zu bekämpfen, doch es tat sich nichts. Das Atmen wurde nur schwerer.

Vorletzten Donnerstag besuchten wir ihn, weil der Arzt dazu geraten hatte, dass alle Familienmitglieder ihn sehen sollten. Er wirkte ziemlich stark, bekam zwar Sauerstoff zugeführt, konnte aber mit uns reden und lachen und sich über das Krankenhausessen beschweren. Er sollte am Freitag Morgen von der CCU (das ist die Intensivstation für Menschen mit Atemproblemen) in einen normalen Krankenflügel in einem anderen Krankenhaus verlegt werden.

Am Freitag Morgen hatte sich seine Situation stark verschlechtert. Das Atmen war ihm über Nacht so schwer gefallen, dass er darum gebeten hatte, künstlich beatmet zu werden. Dabei wurde ein Schlauch bis in seine Luftröhre gelegt, was zur Folge hatte, dass er nicht mehr reden konnte. Um die starken Schmerzen ertragbarer zu machen, wurden ihm Betäubungsmittel zugeführt und er schlief ein. Der Arzt auf der Station erklärte uns, dass Großvater wahrscheinlich innerhalb von zwei Tagen sterben würde. Die Betäubungsmittel hatten zur Folge, dass sein Puls lebensgefährlich niedrig wurde. Wenn die Dosis jedoch verringert wurde, erlitt er große Schmerzen. Zum Glück wurde ihm später ein weiteres Betäubungsmittel gegeben, dass ihn dort hielt, wo er idealerweise sein sollte – An der Schwelle zwischen wach und schlafend. In diesem Zustand war es für seine Familie möglich, mit ihm zu kommunizieren, wenn auch er nur nicken oder den Kopf schütteln konnte. Für uns alle war aber klar, dass er komplett bei klarem Verstand war. Unter anderem gestand er uns, dass er sich stärker gab, als er war, wenn wir im Raum waren. Absolut typisches Verhalten für ihn.

Als wir am Samstag wieder im Krankenhaus waren, war die Situation wieder schlechter geworden. Er hatte über Nacht wahrscheinlich seine ganze Kraft zusammengenommen und zwei Zettel geschrieben: Man solle den Schlauch rausnehmen und es ihm und seiner Familie damit einfacher machen. In Japan darf man, wie wahrscheinlich auch in vielen anderen Ländern, nicht einfach lebensnotwendige Maßnahmen beenden, das wäre Mord. So blieb sowohl dem Krankenhauspersonal als auch uns nichts anderes, als zumindest zu versuchen, es ihm einfacher zu machen. In diesem Fall bedeutete das, ihm ein stärkeres Betäubungsmittel zu verabreichen.

Am Abend fand das Feuerwerk statt, was uns einfach mal zwei Stunden an etwas anderes denken ließ.

Dass der Großvater nie wieder nach Hause kommen würde, war an diesem Punkt schon längst klar.

Am Sonntag hatte sich seine Lage auch dank einer Bluttransfusion etwas stabilisiert, aber er war nicht bei Bewusstsein. Natürlich besuchten wir ihn trotzdem.

Am Montag Morgen bekam ich den Anruf von meinem Mann, dass sein Großvater verstorben sei.

Am Donnerstag fand die Totenwache, am Freitag die Abschiedsfeier statt.

Ich bin natürlich unendlich traurig darüber, dass der Großvater von uns gehen musste. Andererseits war es, nachdem klar war, wie die Geschichte enden würde, auch eine Erleichterung. Es gab kein monatelanges Warten und Bangen. Dieser Zustand der Ungewissheit, was den Zeitpunkt, aber der absoluten Gewissheit, was den Endpunkt anbelangt, war für meine gesamte japanische Familie und auch mich unglaublich kräftezehrend.

Natürlich weiß ich, dass der Großvater zum Schluss nicht mehr bei Bewusstsein war, aber ich habe beschlossen zu glauben, dass er seinen Todeszeitpunkt genau so gewählt hat. Genug Zeit, damit sich alle von ihm verabschieden können, aber nicht so viel, dass wir und er lange leiden müssen.

じいじ、ありがとう。

4 Gedanken zu „Ein Feuerwerk.

  1. P.-J. Alexander sagt:

    Ojii-san wird jetzt auf seine 49 Tage währende Reise gehen, bevor er in das japanische Nirwana eingeht – ein sehr schönes Bild, was die Trauerarbeit sehr erleichtert- alles Gute!

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