Spirituelles Japan: Von Ikigai, Shinrinyoku und dem Wa.

Bei meinem Deutschlandbesuch in Berlin machte ich einen Abstecher zum Bücherkaufhaus Dussmann und fand dort einen ganzen Tisch voller Bücher über die japanische Praxis des Waldbadens oder Shinrinyoku (森林浴).

Im Internet findet man lange ausladende Berichte über den Ikigai (生き甲斐), den angeblichen geheimen Weg zu einem langen und erfüllten Leben und eine Suche auf Amazon.de zeigt, dass auch darüber viele Bücher veröffentlicht wurden.

Und letztendlich wurde ich vor kurzem von einer Leserin gefragt, wie man in Japan das Wa (和) im täglichen Leben mitbekommt.

Waldbaden ist so etwas wie bewusstes Spazieren im Wald. Es ist nachgewiesen, dass es das Stresslevel senkt, was vor allem für Großstädter wie mich natürlich fantastisch ist. In Japan gibt es etwa 14 Wälder, die wissenschaftlich erwiesen gesund für die Besucher sind. Waldtherapien in Japan sind übrigens wohl an Kneipp-Therapien angelehnt. Als ich Japaner danach fragte, musste ich übrigens meist noch kurz erklären: „Na wenn man in den Wald geht…“ „Oh ja, da war in den 80ern mal etwas“.

Fazit: Gibt es wirklich, macht nur keiner (bewusst).

Der Ikigai ist der Lebensinhalt. Das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen. Wenn Japaner das Wort hören, ist die erste Reaktion meist etwas verwundert, weil sie gar nicht verstehen, worum es geht, aber es ist ein richtiges japanisches Wort, genau wie „der Grund, morgens aufzustehen“ richtiges Deutsch ist.

Fazit: Gibt es wirklich, kennt nur keiner.

Und zum Schluss haben wir das Wa. Dem Wa begegnet man in Japan ziemlich oft, ob man nun Wagashi (japanische Süßgikeiten) oder Washoku (japanisches Essen) isst, oder Wafuku (japanische Kleidung) trägt. Der alte Name für Japan, Yamato, beinhaltet das Zeichen für Wa, 和. Letztendlich bedeutet das Zeichen einfach nur Harmonie oder Ausgeglichenheit, man sieht es in Frieden (Heiwa 平和), Entspannung (Kanwa 緩和), oder Harmonie (Chōwa 調和). Das Wa ist also die Harmonie zwischen allem, und es gibt den Ausdruck „Wa wo midasu“ oder „das Wa zerstören“, was nichts anderes heißt, als nicht kooperativ und harmonisch zu sein. Oft geht es aber auch einfach darum, keine Unruhe zu stiften.

Fazit: Gibt es wirklich, heißt auf Deutsch Harmonie.

Das heißt, es sind alles Konzepte, die es so wirklich gibt. Sie sind nur weder Japan-exklusiv noch allgegenwärtig. Was mich immer etwas stört, wenn so etwas aufgebauscht wird, ist, dass dadurch die Annahme ensteht, Japaner seien sehr spirituell oder verfügen über geheimes Wissen, dass sie nur nicht mit euch teilen. Sorry, aber vor allem junge Japaner sind in etwa so spirituell wie ihr.

Während viele Japaner gern mal in den Wald gehen, natürlich ausgerüstet, als würden sie den Himalaya besteigen, tun sie das nicht aus einer tiefen spirituellen Verbindung mit dem Wald heraus. Es geht ihnen einfach nach einem Waldspaziergang besser.

Das, was ihrem Leben Erfüllung bringen soll, suchen Japaner genau so, wie viele andere. Was soll ich studieren? Was will ich später mal machen? Welcher Beruf macht mich wirklich glücklich? Macht mich ein Beruf überhaupt glücklich? Das wissen Japaner genau so sehr oder wenig wie Deutsche. Manchmal vielleicht sogar weniger, weil sie weniger Zeit haben, um sich auszuprobieren.

Und die Harmonie, die wünschen sich alle ein wenig, zumindest in ihrem eigenen Leben. Manchmal kann das Harmoniegehabe aber auch sehr anstrengend werden, wenn z.B. wichtige Entscheidungen einfach immer weiter verzögert werden, damit bloß nicht die heilige Harmonie gestört wird. Aber es ist ja nicht so, als wäre Deutschland nicht auch eine Konsensgesellschaft.

Ein paar Anekdoten zu solchen Konzeptexporten habe ich übrigens noch:

„Das Magic-Cleaning Buch“ von Marie Kondo, das ich übrigens auch gelesen habe – beide Teile! – wurde in Amerika als „die japanische Art des Aufräumens“ beworben. In Japan wurde es damit beworben, dass die Times Marie Kondo vor einigen Jahren auf ihrer Liste der 100 einflussreichsten Personen gehoben hat, und dass es auf der Bestsellerliste der New York Times stand. Die Magie des Auslands zieht einfach, auch wenn es sich um ganz alltäglichen Konzepte handelt. Ich stelle vor: Ofuro! Die japanische Kunst des Badens! 🙂

Und dann war da noch die Antwort meines Mannes, als ich ihn fragte, wann er das Wa spürt.

Wenn ich mit Stäbchen Reis aus einer Schüssel esse.

Okay. Entweder steckt dahinter etwas sehr spirituelles, oder Reis, Schüssel und Stäbchen sind für ihn einfach der Inbegriff des Japanischseins.

4 Gedanken zu „Spirituelles Japan: Von Ikigai, Shinrinyoku und dem Wa.

  1. D. sagt:

    Schöne Anekdote zu dem Buch von Marie Kondo 🙂 Auf Chinesisch sagt man übrigens 外國的月亮比較圓, im Ausland ist der Mond runder. Ich denke, die Sehnsucht nach dem Anderen findet sich in fast allen Sprachen.

  2. Lennart sagt:

    Ich kann es nicht beschreiben, aber wenn ich Sehnsucht nach Japan habe, dann habe ich oft Bilder im Kopf, die dem 和 recht nahe kommen. Wie das Essen angerichtet wird, wie man auf den tatami sitzt, wenn man sich ordentlich und ein bisschen feierlich fühlt, während man etwas mit Bedacht und Ruhe tut. So stelle ich es mir zumindest vor. Das fehlt hier in Indien sehr 😀
    Dafür sind die Inder schon sehr an Spiritualität interessiert. Erst vorgestern auf einem Berg einem Sikh mit Turban begegnet, der mir von einem israelischen Autor erzählt hat, der sein Leben verändert habe. Er sehe plötzlich das Leben ganz anders, sei Atheist geworden, trägt aber noch den Turban aus Respekt vor Kultur und Familie. „Und was machst du beruflich“ frage ich. „Ich … arbeite bei einem Hedgefonds…“
    Tadaa, Indien im Jahre 2018

    Übrigens: 森林浴 ist vermutlich das schönste, vielleicht sogar sinnlichste Kanji das ich je gesehen habe! 😀
    Kam gerade gestern aus „dem Wald“ zurück, weil ich das dringend gebraucht habe

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