Arbeiten in Japan: Einfach versetzt.

Seit einiger Zeit hört man immer wieder das Wort Hatarakikata Kaikaku (働き方改革), oder „Reform der Arbeitsweise“. Wie ich arbeite, darüber habe ich schon oft geschrieben, aber ein Thema, dass für mich in der Diskussion über bessere Arbeitsbedingungen zu kurz kommt sind Versetzungen.

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Innerhalb der japanischen Fernsehsendung „Himitsu no Kenmin-Show“ gibt es eine kleine Serie, deren Prämisse es ist, dass der Mann eines Ehepaars in verschiedene Präfekturen versetzt wird. Am Anfang einer jeden Folge kommt er in einer neuen Präfektur an, am Ende wird er wieder versetzt, worüber vor allem seine Frau jedes Mal entsetzt ist. Mir stellte sich anfangs die Frage, warum er immer wieder versetzt wird, wenn er es doch so schrecklich findet.

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In vielen japanischen Firmen werden Versetzungen einfach beschlossen. Es wird also erwartet, dass die ganze Familie mit ihrem Vater zusammen in einen Ort zieht, den sie sich selbst nicht ausgesucht hat. Manchmal sogar alle paar Jahre an einen neuen Ort. Meist soll das der beruflichen Weiterentwicklung dienen, tatsächlich empfinden das aber Studien zufolge die wenigsten derartig versetzten so.

Dass die meisten Frauen in Japan lange Zeit nicht auswärts gearbeitet haben, war für dieses System natürlich zuträglich: Sie konnten entweder einfach mit Sack und Pack mit ihrem Mann zusammen umziehen, oder sich im ursprünglichen Wohnort um Kinder, Großeltern und den Haushalt kümmern. Von ihnen wurde erwartet, dass sie die Belastung auffangen.

Probleme ergeben sich natürlich, wenn die Frauen plötzlich selbst arbeiten wollen oder müssen, weil ein einzelnes Gehalt auch in Japan meist nicht mehr ausreicht. Dann muss frau entweder aufhören zu arbeiten, oder sie muss sich neben einem Vollzeitjob auch noch komplett alleine um Kinder, Großeltern und den Haushalt kümmern. Alles, weil manche Firmen noch immer glauben, dass so eine unfreiwillige Versetzung positive Folgen hätte.

Inzwischen suchen sich viele junge Leute ihren Arbeitsplatz auch danach aus, ob sie versetzt werden können. Mein Mann z.B. kann nur innerhalb der 23 Bezirke der Stadt Tokyo versetzt werden. Bei mir auf Arbeit geht es meist um Versetzungen ins Ausland, und dafür gibt es einen Bewerbungsprozess, wenn man nicht will, ist man da nicht gefährdet.

Für mich ist diese ganze Versetzungs-Chose der Inbegriff des japanischen Begriffs Shachiku (社畜), Firmensklave oder wortwörtlich Firmenvieh. Von Menschen einfach zu erwarten, dass sie und ihre gesamte Familie ihr ganzes Leben in einer Stadt aufgeben, weil sich die Firma irgendeinen Vorteil verspricht, spricht für mich nicht dafür, dass man den Arbeiter als Menschen außerhalb seines Arbeitsplatzes betrachtet. Fast wie Schüler, die denken, ihre Lehrer würden in der Schule wohnen. 😉

Was denkt ihr? Sollte es Firmen weiterhin möglich sein, Leute ohne ihren Wunsch zu versetzen?

6 Gedanken zu „Arbeiten in Japan: Einfach versetzt.

  1. Holger DRechsler sagt:

    Ohne hier groß politisch werden zu wollen: Das Versetzen innerhalb einer Firme ist, wie imir letztens berichtet wurde, bei vielen Firmen in Deutschland ein Mittel, sich überzähligem Personal zu entledigen. Durch die Dugitalisierung werden immer mehr Arbeitskräfte freigesetzt. Mitarbeiter werden versetzt, müssen pendeln oder gar umziehen. Da ein nicht geringer Teil der Beschäftigten dies nicht will versucht er andere Stellen zu bekommen oder läßt sich mit großzügigen Vorruhestandsregelungen den Einstieg in das Rentenalter versüßen. Goldener Handschlag. Dies ist die marktkonforme Demokratie.

    • Claudia sagt:

      Das ist natürlich auch bitter. Hier gibt es viele Berufe, in denen alle drei oder vier Jahre automatisch gewechselt wird. Wie da jemand ein normales Leben führen soll, verstehe ich wirklich nicht.

  2. Anika sagt:

    Innerhalb der 23 Bezirke Tokyos ist aber auch nicht so toll wenn man ich Chiba wohnt und ganz nach Setagaya oder Nerima muss :/
    Bei mir stand einige Zeit im Raum ob die Firma umzieht. Zum Beispiel nach Ebisu.
    Das ist von Yoyogi nicht weit entfernt, aber mir graute es trotzdem ganz schön. Einfach weil ich dann in der Rushhour in die Yamanote Linie gemusst hätte…

    • Claudia sagt:

      Natürlich ist es nicht toll, aber um Meilen besser, als wenn du in der Präfektur Chiba angestellt bist, bei uns gleich bei Tokyo wohnst und dann plötzlich nach Tateyama versetzt wirst.

  3. Matthias Reich sagt:

    Es gibt Berufe bzw. Positionen, in denen eine Versetzung einfach notwendig ist — aber in geschätzten 95% der Fälle ist sie in Japan eigentlich nicht notwendig.

    Leider muss man jedoch auch hinzufügen, dass die ständigen Versetzungen einen positiven Einfluss auf die ländliche Region haben. Der Niedergang selbiger würde wahrscheinlich noch viel extremer ausfallen, wenn es Versetzungen nicht geben würde. Aber für die Familien ist es jedes Mal eine Tragödie, vor allem für die Kinder. Mein Stiefvater wurde innerhalb von 8 Jahren von Chiba nach Fukuoka, dann nach Miyazaki, dann nach Kobe versetzt. Das ist nicht leicht mit 3 pubertierenden Töchtern… teilweise lebten die Schwestern letztendlich allein in einer Wohnung.

    • Lennart sagt:

      Dasist ja fürchterlich! Es gibt doch sicherlich auch Studien, die belegen, dass dadurch soziale Kontakte zerrissen werden. Ein Hauptgrund, weshalb in Deutschland jemand NICHT in den Auswärtigen Dienst (Botschafterlaufbahn) einsteigen möchte, sind die ständigen Versetzungen.
      Auch da habe ich die Geschichte einer „ehemaligen pubertierenden Tochter“ eines Botschafters gehört: da muss man viel aushalten, anhören, die Kinder gehen lassen (Internat) oder viel Geld in die Hand nehmen, um Flüge zum Freund zu bezahlen.

      Ganz interessant in dem Zusammenhang: hier in Indien gibt es den prestigeträchtigen zentralen Verwaltungsdienst. Wenn man da hineinkommt, wird man einem Bundesstaat zugeschlagen und bleibt dort bis zur Rente. Einmalige Versetzung, dient aber der Vermischung von Kulturen und Ethnien.
      Naja, gut, innerhalb des Bundesstaats kann man auch wieder zigfach versetzt werden, meist nach nur 12 Monaten….

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