„Sprechen Sie Japanisch?“

In letzter Zeit war ich öfter mal im Krankenhaus. Nichts Ernstes, ich möchte mich nur absichern. Am Anmeldeschalter.

Sie: Sind Sie zum ersten Mal hier? Sprechen Sie Japanisch?

Ich: Ja. Ja.

Ich bekomme einen Anmeldebogen.

Sie: Können Sie schreiben?

Ich: Ja.

Dann in der Orthopädie, wo ich wieder einen Zettel ausfüllen muss, diesmal mit Symptomen und Ähnlichem.

Sie: Können Sie das schreiben?

Ich: Ja.

Als ich endlich zum Arzt ins Behandlungszimmer komme:

Er: Packen Sie ihr Gepäck einfach in den Korb. Sprechen Sie Japanisch?

Ich: Ja.

Ich muss zum Röntgen. Diesmal fragt mich keiner, ob ich tatsächlich die Sprache des Landes, in dem ich lebe, spreche. Beim Nachgespräch mit dem Arzt läuft auch alles klar. Als Ausländerin bin ich einfach im Gedächtnis zu behalten. Dann wird noch mit einer anderen Schwester über den nächsten Termin geredet.

Sie: Sprechen Sie Japanisch?

Ich: Ja…

Ich weiß, dass es nicht viele Ausländer in Japan gibt, und noch weniger nicht-asiatische. Es gibt bestimmt auch viele, die gar kein Japanisch sprechen. Aber für mich ist es ein wenig frustrierend, wenn immer davon ausgegangen wird, dass ich nicht kommunizieren kann. Ich will Teil der japanischen Gesellschaft werden. Als Deutsche. Japanerin will ich nicht werden, das erfordert das Tragen von zu hohen Schuhen, aber ich will irgendwann als gleichwertiger Gesprächspartner, sofern es denn mein Vokabular zulässt, gesehen werden. Nicht als Möglichkeit Englisch zu reden.

Das versuchen dann nämlich auch viele, und bei vielen darf man in Japan davon ausgehen, dass mein Japanisch besser ist als deren Englisch. Die Schwieger-Großmutter glaubt mir auch noch nicht so ganz, dass ich Japanisch spreche. Was denken die ganzen Leute denn, wie ich hier durch die Weltgeschichte komme? Eine deutsche Parallelgesellschaft haben wir hier schließlich noch nicht.

Die Ärzte müssen aber (teilweise) im Studium noch immer Deutsch lernen. Beim Testen meiner Nervenreaktion war ein ganz witziger Arzt. So ein Test dauert ein wenig, da ist das praktisch. Woran er sich noch aus dem Deutschunterricht erinnert:

Er: Eins, zwei, drei. Prost. Das ist doch „Prost“, oder? Oh, und „Ich liebe dich.“

Ich: Dann haben Sie sich ja alles Wichtige gemerkt.

Er: Natürlich!

Vielleicht denken sie auch, dass alle Ausländer die gleichen Fremdsprachenkenntnisse haben wie sie selbst*…

* Es gibt natürlich Japaner, die unglaublich tolles Englisch sprechen. Oder auch Französisch. Oder sogar Deutsch! Aber im Durchschnitt würde ich sagen, dass hier weniger Leute eine Fremdsprache sprechen als in Deutschland.

Ich sollte mal ausprobieren, was passiert, wenn ich behaupte, ich würde die Sprache nicht sprechen. Panik wahrscheinlich.

0 Gedanken zu „„Sprechen Sie Japanisch?“

  1. calichino sagt:

    Ich habe ähnliche Erfahrungen in Russland gemacht, sobald ich den Mund aufgemacht habe und nicht mehr verbergen konnte, dass ich keine Muttersprachlerin bin. Es ist wirklich sehr frustrierend, wenn man so gern mal die eigenen Kenntnisse in der Praxis prüfen will und man immer wieder auf’s Englische reduziert wird. Da hilft nur dran bleiben und am besten die Sache in den ersten 5 Sekunden des Gesprächs durch tolle Sprachkenntnisse klarstellen. 😉 Viele Grüße, Cali

    • 西の魔女 sagt:

      Bei mir hat es gar nicht so viel mit meinem Japanisch zu tun, sondern einfach damit, dass man mir sofort ansieht, dass ich keine Japanerin bin. Ich habe eine halb-indische Bekannte, die in Japan aufgewachsen ist, die wird auch immer gefragt – und sie spricht nun wirklich perfekt Japanisch. 😉 Es gibt hier einfach nicht wie in Deutschland viele Menschen, die vom Aussehen her nicht Deutsch sind, die Sprache aber beherrschen. Wenn die in Berlin jeden Türken oder Vietnamesen fragen würden, ob er deutsch spricht, hätten die bald ein Problem.
      Grüße,
      Claudia

  2. jakob sagt:

    was mich mal interessieren würde: wie würdest du den Anteil der japaner schätzen, die koreanisch verstehen oder sprechen? immerhin ist die größte Einwanderergruppe in Japan koreanisch und Japan ist der größte Außenhandelspartner der KR nach BRT (und der zweite nach Handelsvolumen). Ich im Westen kriege koreanisches Leben in Japan höchstens als kriminalstatistik mit…

    • 西の魔女 sagt:

      Ich weiß nicht, wie viele Japaner koreanisch lernen, aber es ist in den letzten Jahren mehr geworden. Korea ist im Moment ziemlich beliebt, vor allem bei Frauen – viele koreanische Sendungen mit unglaublich tollen koreanischen Männern (die mich nicht die Bohne interessieren) werden japanisch synchronisiert und laufen im Fernsehen, koreanisches Make-up ist angesagt, koreanische Musik auch. Wenn man sich in Cafés umschaut, sitzen die meisten Sprachlerner, die nicht Englisch lernen, vor einem Koreanischlehrbuch. Die Sprache ist von der Grammatik dem japanischen sehr ähnlich, das Land kann man günstig besuchen und es ist im Moment einfach ziemlich angesagt.
      Mein Schwiegervater arbeitet auch mit Koreanern (in Korea) zusammen, aber da es eine japanische Firma ist, sprechen die Koreaner dort Japanisch. Generell würde ich, vom Bauchgefühl her, sagen, dass der Anteil der Koreaner, die Japanisch lernen, höher ist als umgekehrt.

  3. zoomingjapan sagt:

    Wilkommen in der Realität!
    Du wirst nie ganz Teil der Gesellschaft sein. Sie werden dich nie als „dazugehörig“ empfinden oder behandeln.
    Selbst in einem kleinen Kaff, in dem ich so lange gelebt habe, fange ich jeden einzelnen Tag wieder bei 0 an, bis auf die wenigen Personen (Postamt, Verkäuferin im Supermarkt), die wissen, dass ich Japanisch sprechen kann.
    Du wirst immer wieder von 0 anfangen müssen. Jeden einzelnen Tag.
    Auch noch in 5 oder 10 Jahren!
    Du wirst dir immer Sachen anhören müssen wie:
    „Wo kommen Sie denn her?“
    „Oh, nicht aus Amerika? Woher denn dann?“
    „Wow, Sie können ja soooooooooooooo toll Japanisch sprechen!“
    „Unglaublich, Sie können mit Stäbchen umgehen??!!“

    Ich habe eine Arbeitskollegin. Sie ist blauäugig, blond und dick. Sie ist aber Japanerin.
    Naja, nicht dem Pass nach, aber sie ist in Japan geboren und in Japan aufgewachsen. Sie spricht fließend Japanisch (logischerweise) … und trotzdem muss sie sich jeden Tag mit oben genannten Fragen rumschlagen.

    Jetzt frag dich mal, wie frustriert sie manchmal ist?!

    Ich sag’s nochmal: Wilkommen in der Realität.
    Besser du findest dich möglichst schnell damit ab, bevor es dich kaputt macht!

    • 西の魔女 sagt:

      Oh, da spricht aber die Frustration.

      Mir ist klar, dass ich, ohne größere plastische Chirurgie an mir vornehmen zu lassen, nicht als Japanerin angesehen werde. Mir ist auch klar, dass das erstmal so bleiben wird, bevor sich hier noch ein bisschen mehr ändert. Aber träumen kann man doch noch. 😉 Dass das gleich so ein Kommentar von dir provozieren würde, damit habe ich nicht gerechnet.
      Ich lasse mir nicht den ganzen Tag davon verderben, es war im Krankenhaus einfach nur etwas auffällig. Im normalen Alltag werde ich selten gefragt, woher ich komme, aber ich glaube, dass das den meisten Leuten, mit denen ich zu tun habe, auch einfach egal ist – zumal es hier in Tokyo eh ein paar mehr Ausländer gibt als im Kaff.

  4. fragola sagt:

    ja, wie paradox: da sprechen sie mit dir ohne probleme japanisch, weil sie selbst kein englisch können, und trotzdem bleibt man bei vielen älteren menschen immer „der ausländer, der kein japanisch spricht“, denn „ausländer“ (was im übrigen eher „nicht-asiate“ bedeutet) und „japanisch sprechen können“ schließt sich beides kategorisch aus.

    aber vielleicht ändert sich das ja langsam: es gibt fernsehsendungen, wo japanisch sprechende „ausländer“ zu wort kommen oder gar comedy machen, und viele ausländer geben sich ja extra noch mühe, die sprache perfekt zu beherrschen oder mit wortspielen zu beeindrucken. und das hilft vielleicht ein wenig: japanisch besser zu beherrschen als japaner.

    aber kann man es ihnen wirklich übel nehmen? der ausländeranteil ist dermaßen gering, und der „ausländer“-anteil, denen man das „ausländersein“ ansieht, ist sogar noch viel viel geringer. deshalb kann man japan schlecht mit deutschland vergleichen, denke ich: viele werden kaum mit ausländern in kontakt kommen, und wenn dann vielleicht eher mit touristen.

    für medizinstudenten in japan war früher deutsch obligatorisch – kein latein, kein englisch. die beziehungen zwischen england und japan wurden ende des 19. jahrhundert schlechter, und deutschland wusste das auszunutzen und bediente den wissensdurst des nun offenen japans mit deutschen spezialisten aus u.a. jura und medizin.
    mittlerweile wurde deutsch im medizinstudium allerdings durch englisch ersetzt.

    deutsch ist nicht mehr so populär wie noch in den 60er jahren. wäre mal interessant zu sehen, wie sich das image so langsam gewandelt hat..

    • 西の魔女 sagt:

      Das weiß ich doch alles. =) Ich nehme es den Japanern auch nicht übel, dass sie bei einem Ausländer nicht gleich denken „Oh, der spricht bestimmt Japanisch!“, aber es ist etwas anstrengend, wenn man fünf Mal am Tag dieselbe Leier aufsagen muss.

  5. Sem sagt:

    Ich muss gestehen, dass ich es den Menschen schon nach einer Weile übel genommen habe. Das lag aber auch an meiner Gesamtsituation – ich war Wochen in Japan unterwegs, müde und meistens schwer bepackt.

    Nach einer Weile hätte ich die Gespräche aufnehmen und abspielen können. Besonders auffällig war dies in Touristeninformationen. Sobald ich den Raum betracht, sah ich diesen panischen Blick nach dem/r KollegIn, die wohl besser Englisch konnte, als die sich panisch gebärende Person. Das stimmte meiner Ansicht zwar nie, denn das Englisch war selten berauschend. Lustig war dagegen, dass etwa 4 1/2 ausgetauschte Sätze lang konsequent ignoriert wurde, dass ich auf Japanisch antwortete. Mit sichtbarer Erleichterung wurde dann mitten im Satz einfach in die eigene Sprache umgestellt; und das ohne Kommentar. Das erlebte ich dann auch bei den volunteers, die mich in Museen begleiten wollten. Ich nahm die Expertise gern an, denn auf Japanisch wurde mir einiges von dem Gesehenen noch einmal klarer.

    Ich fürchte – und da stimme ich zoomingjapan zu -, dass sich das so schnell nicht ändern wird. Dass es so wenige Menschen in Japan gibt, die sich nach japanischer Lesart von den Einheimischen unterscheiden, liegt auch an den Einwanderungsgesetzen, an den stereotypen Darstellungen von ausländisch aussehenden Menschen im Fernsehen und dem Unwillen anzuerkennen, dass JapanerInnen auch nicht alle gleich sind und aussehen. Das wiederum – so hart das klingt – sind gesellschaftliche Probleme. Ich liebe Japan ungemein. Und doch fürchte ich, das wird sich in den nächsten Jahren verschlimmern, denn die Zahlen der ins Ausland reisenden und Fremdsprachen lernenden Jugendlichen nimmt aufgrund der wirtschaftlichen Situation ab. Ich finde es richtig, dass sich Japan für die unmittelbaren Nachbarländer interessiert. Die Aussage des Bürgermeister von Nagoya vor Kurzem, das Massaker von Nanking hätte es nicht gegeben, zeigt das ganz deutlich. Doch wird die Exotisierung des „Westens“ damit nicht aufhören. Leider.

    • 西の魔女 sagt:

      Dass Leute einfach ignoriert haben, dass ich Japanisch spreche, habe ich auch schon erlebt und war arg verwirrt. Warum nehmen die denn nicht die Möglichkeit wahr, in ihrer Muttersprache mit mir zu sprechen, wenn ihr Englisch so grausig ist?

      Ich erlebe das so, dass immer noch viele in Ausland gehen, vor allem in der Uni, weil es sich schön anbietet. Leider gibt es natürlich auch immer noch genug Leute, die noch nie aus ihrem Land rausgekommen sind – oft weil sie kein Englisch sprechen. Und weil sie nie aus ihrem Land rauskommen, lernen sie auch kein vernünftiges Englisch. Teufelskreis.

  6. kallisto73 sagt:

    Ja, Panik würdest Du auslösen. Ist uns passiert, aber das geschah schon, bevor wir was sagten. „Wir“ gingen zu einer Autovermietung (hatten uns angemeldet und über das Internet gebucht.) „Wir“ waren zu dritt, und sahen alle drei europäisch aus. „Wir“ wurden nicht einmal gefragt, ob wir Japanisch sprechen. Beim Eintreten fiel uns auf, daß ALLE 3 Mitarbeiter (männlich) zuerst uns entsetzt ansahen, dann sich gegenseitig entsetzt ansahen und alle panikartig aufsprangen und das Büro nach hinten verließen. Wir nahmen Platz. Wir warteten. Dann kam eine 140 cm große Office Flower auf hohen Absätzen und vor Angst flackernden Augen von hinten an den Tresen. Wir standen auf, sie überreichte uns eine gedruckte, laminierte Karte, auf der Stand „Die Person, die Englisch spricht, ist heute nicht im Büro.“ Was natürlich blöd ist, wenn man einen Termin zur Abholung eines Mietwagens hat, denn man kann nicht mal fragen, wann sie wieder da wäre, und wann es der Firma genehm wäre, uns den bestellten und bezahlten Wagen denn auszuhändigen.
    Die Gute kippte dann auch aus den Latschen, als mein Begleiter ihr auf Japanisch unser Anliegen vorbrachte, meine Begleiterin den Ausdruck des Mietvertrages aushändigte und ich ihr meinen japanischen Führerschein in die Hand drückte.

    Gelernt habe ich dabei vor allem, daß japanische Männer so verängstigt sind, das Gesicht zu verlieren, daß sie für alles, was möglicherweise peinlich ist, die rangniedrigste Person (immer eine Frau, so es eine gibt) vorschicken.

    • 西の魔女 sagt:

      Dass jemand sofort davon ausgeht, dass ich kein Japanisch spreche, ohne zu fragen, passiert mir eigentlich sehr selten. Wenn ich mir die Englischkenntnisse von vielen Japanern anschaue, verstehe ich aber, warum sie in Panik ausbrechen, wenn sie der Annahme sind, Englisch sprechen zu müssen 😉

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