Manchmal werde ich gefragt, was man während seines Japanurlaubs machen soll, wenn ein Taifun vorhergesagt wird. Meine Antwort ist für gewöhnlich: Möglichst wenig nach draußen gehen und notfalls einfach einen Tag im Hotel verbringen.
Meist halte ich mich auch selbst an meine guten Ratschläge, aber letzten Montag nicht – Meine Schwiegermutter hatte nämlich Tickets fürs Sumō ergattert. Davon kann mich doch so ein kleiner Taifun nicht abhalten!
Ich war bereits vor acht Jahren einmal in der Sumō-Halle Ryōgoku Kokugikan (両国国技館). Die Regeln des Sports haben sich seitdem nicht geändert, weswegen ich hier einfach auf den alten Artikel verweise:
Mehr: Sumō in Ryōgoku
Vor acht Jahren saßen meine Freundin und ich im Obergeschoss der Halle, diesmal hatten wir Masu-Seki (枡席). Dabei handelt es sich um einen abgetrennten viereckigen Bereich, in dem bis zu vier Personen sitzen können. Auf dem Boden liegen Sitzkissen, Stühle gibt es keine.

Wenn man wirklich mit vier ausgewachsenen Personen anreisen sollte, wird es ziemlich eng. Wir waren zu dritt mit Gepäck schon knapp am Limit. Zwar tut einem nach einigen Stunden im Masu-Seki der Hintern ziemlich weh, dafür ist man aber auch nah am Geschehen.
Näher sind nur die Sitze im Sunakaburi (砂被り) direkt am Ring. Die heißen so, weil man möglicherweise wirklich Sand (suna) auf den Kopf bekommt (kaburu). Außerdem kann es einem in den ersten Reihen tatsächlich passieren, dass ein Sumō-Ringer auf einem landet. Außerdem darf man dort weder trinken noch essen noch fotografieren.
In den letzten Jahren hat die Popularität von Sumō stark zugenommen. Zwar war die Sumō-Halle in Ryōgoku auch vor acht Jahren schon gut besucht, aber heutzutage sind sämtliche Tickets bereits vor den Turnier-Zyklen (in Tokyo kann man Sumō im Januar, Mai und September sehen) ausverkauft. Ohne Fanclub-Mitgliedschaft kommt man kaum an gute Tickets.

Der Sumō-Verband hat über die letzten Jahre viel Energie und Geld in eine Image-Kampagne gesteckt. Der Sport soll nicht mehr durch Skandale auffallen. Im Zuge dessen wurden auch die Trainingsmethoden modernisiert und übermäßiges, teils brutales, Training eingedämmt.
Außerdem wurde die Netflix-Serie “Sanctuary” produziert, die sowohl in Japan als auch im Ausland erfolgreich war und neue vor allem jung Menschen für den Sport begeistert hat. Die Sumõ-Ringer sind nun auch auf Twitter und Instagram unterwegs, um näher an den Zuschauern zu sein. Das erzeugt – natürlich – eine parasoziale Beziehung zwischen Sportlern und Fans, was den Verkauf von Fanartikeln ankurbelt. Früher gab es keine Handtücher mit den Namen von Sumõ-Ringern, mit denen man sie während der Turniere anfeuert. Meine Schwiegermutter hat am Montag locker fünf gekauft.

Die große Begeisterung für die Sportler an sich erzeugt mehr Interesse am Sport und sorgt wahrscheinlich dafür, dass er eine Zukunft hat. Es gibt aber auch interessante Geschichten: Der am schnellsten beförderte Sumō-Ringer seit Anbeginn des modernen Sumō-Sports ist z.B. ein Ukrainer, Aonishiki (安青錦), der 2022 wegen der Invasion seines Heimatlandes nach Japan kam.
Ganz ehrlich: Ich verstehe den Sport nicht zu 100%. Ich weiß nur: Wer zuerst den Ring verlässt oder mit dem Körper auf dem Boden aufkommt, verliert. Das sind dermaßen simple Regeln, dass eigentlich jeder beim Zugucken Spaß haben kann.
Sogar an einem Taifun-Tag.
