Seoul im Spätsommer

Nachdem ich im Januar diesen Jahres beruflich in Seoul war, durfte ich Mitte September noch einmal ins Land der Morgenstille fliegen. Leider wieder beruflich, leider wieder nur drei Tage, aber immerhin.

Um es kurz zu machen: Seoul ist viel angenehmer, wenn man nicht ständig darum bangt, ob man innerhalb der nächsten zehn Minuten erfriert.

Mehr: Kalt, kälter, Seoul im Winter

Die längere Version findet ihr hier:

Mein Flug nach Seoul verspätete sich, weswegen ich erst nach fünf Uhr abends im Hotel ankam. Aber der Flug nach Korea ist zum Glück kürzer als so manche innerjapanische Flüge, daher hielt sich meine Erschöpfung in Grenzen und ich konnte Seoul zumindest ein wenig unsicher machen.

Letztes Mal hatte ich den Schreibwarenladen “Point of View” in Seongsu (성수) verpasst, diesmal war er gleich meine erste Anlaufstelle. Auf mehreren Stockwerken kann man dort verschiedene Schreibwaren kaufen. Viele davon kommen aus Japan – Japan ist für Schreibwaren, was Deutschland für Brettspiele ist – aber es “Point of View” vertreibt auch seine eigenen Produkte.

Ansonsten ist Seongsu das Harajuku Seouls: Viele Geschäfte, viele junge Leute.

Wegen der angenehmen Temperaturen schlenderte ich zum Han-Fluss, der durch Seoul fießt. Die Seiten des Flusses sind für Fußgänger und Radfahrer reserviert und für viele wahrscheinlich das nächste Naherholungsgebiet. Auch an einem Mittwoch Abend waren viele Läufer und Spaziergänger unterwegs, die Atmosphäre insgesamt entspannt. Mit Blick auf die Lichter der Stadt abends am Fluss spazieren zu gehen hat auf jeden Fall etwas.

Diesmal hatte ich mir die Naver-App heruntergeladen, weil Google Maps in Korea nur sehr eingeschränkt funktioniert. Dank des milden Wetters hatte ich auch richtige Freude daran, durch die Stadt zu schlendern. Was mich verwundert hat, war die Wärme in den U-Bahn-Stationen! In Tokyo ist es in den U-Bahnhöfen meist kühl, in Seoul wollte ich mir die Kleider vom Leibe reißen.

In anderen asiatischen Ländern ist es ganz normal, dass die Klimaanlagen so eingestellt sind, als würde man den Südpol simulieren wollen, aber das Problem hatte ich in Korea nirgends. Tatsächlich ist unser Büro in Tokyo wahrscheinlich kälter.

Meinen zweiten Tag verbrachte ich dann auch etwa zehn Stunden im Büro. Schließlich war ich zum Arbeiten dort. Dankenswerterweise musste ich diesmal nur einen kurzen Workshop leiten und konnte mir meine Zeit sonst ziemlich frei einteilen. Zum Essen habe ich mich natürlich mitnehmen lassen: Erst mit meiner Chefin und einer Kollegin aus einer anderen Abteilung in einem koreanischen Restaurant, in dem ich Bulgogi (불고기) aß und abends mit einer Kollegin in bei Kyochon Chicken, einem Hühnchen-Restaurant. Es tut mir leid, aber koreanisches Hähnchen ist einfach besser als japanisches. Allein schon die Vielfalt der Geschmacksrichtungen macht Korea zum eindeutigen Sieger.

Nach dem Abendessen musste ich natürlich wie ein wahrer Tourist bei der Drogerie Olive Young Mitbringsel für sämtliche Freunde und mich selbst zu kaufen. Koreanische Schönheitsprodukte sind fantastisch, dafür aber recht günstig und vor allem haben sie meist keinen starken Eigengeruch. Ich kenne mich zwar nicht aus, probiere aber gerne neue Produkte. So eingedeckt blieb mir eigentlich nur noch, schlafen zu gehen.

Meine zweite Nacht in Seoul war leider schrecklich. Betrunkene Japaner im Zimmer neben meinem machten bis zwei Uhr nachts Krach. Am nächsten Morgen war ich also absolut gerädert. Doch kein Problem: Ich hatte eh nur noch zwei Meetings und konnte sonst eher eine ruhige Kugel schieben. Zwei Kollegen nahmen mich zum Mittagessen mit zu einem wirklich sehr guten Hühnchen-Nudel-Restaurant. Genau wie auch in Japan gilt auch in Korea: Wenn ein Restaurant mittags nur ein Gericht anbietet, ist dieses wahrscheinlich wirklich vorzüglich.

Um halb vier verabschiedete ich mich und besuchte auf Anraten einer Kollegin eine Schönheitsklinik. Schließlich gönnt man sich ja sonst nichts und Korea ist einfach mal das Land der Schönheitsbehandlungen. Ich ließ mich mit verschiedenen Vitamin-Injektionen aufpäppeln und nahm eine Gesichtsbehandlung in Anspruch. Alles lief komplett komplikationslos, die Mitarbeiterinnen waren allesamt freundlich und kompetent und nach zwei Stunden sah die Welt schon wieder viel besser aus.

Die Kollegin, die mir die Schönheitsklinik empfohlen hatte, hatte mir auch ihre Nachbarschaft Jamsil (잠실) nahegelegt. Als ich mich auf dem Weg dorthin kurz bei ihr für ihre Tipps bedankte, stellte sich heraus, dass sie in derselben Bahn wie ich stand und wir verabredeten uns kurzerhand zum Abendessen.

In Jamsil stehen der höchste Wolkenkratzer Südkoreas, ein riesiges Einkaufszentrum mit Konzerthalle, ein Freizeitpark, zwei künstliche Seen – Es ist also auf jeden Fall etwas los. Weil es am Freitag ziemlich illusorisch ist in diesem Komplex in ein Restaurant zu kommen, liefen wir ein paar Meter weiter zu einer von Restaurants gesäumten Straße. Ein wirklich schönes Gespräch, leckeres koreanisches Essen, eine Flasche Makgeolli (막걸리, koreanischen Reiswein) und Dessert später, saß ich dann auch schon wieder im Taxi zum Hotel.

Und das war’s eigentlich auch schon wieder.

Auch bei diesem Besuch habe ich die Koreaner als ein unglaublich hilfsbereites Volk kennengelernt. Sobald ich auch nur so aussah, als könnte ich Hilfe benötigen, konnte ich im Augenwinkel schon jemanden sehen, der drauf und dran war, mir aus meiner Misere zu helfen. Außerdem sprechen Koreaner im Durchschnitt viel besser Englisch als Japaner, weswegen ich nicht einmal mit meinen minimalen Koreanischkenntnissen glänzen musste. Dieser Unterschied hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass jede koreanische Oberschule eine Partnerschule in den USA hat, an der viele Schüler ein Auslandsjahr verbringen.

Außerdem ist mir diesmal aufgefallen, wie viel “Japan” es in Seoul gibt. Die beiden Nachbarländer haben kein einfaches Verhältnis zueinander – überspitzt ausgedrückt war Korea lange Zeit Japans Mobbingopfer und jetzt möchte sich Japan an nichts mehr erinnern – aber Ess- und Popkultur wird rege ausgetauscht. Ich weiß gar nicht, wie viele “Izakaya” (japanische Bars) ich diesmal in Seoul gesehen habe.

Dieser Seoul-Besuch hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich unglaublich gerne mal mit einer Freundin ein langes Wochenende in der Stadt verbringen würde. So ganz ohne Arbeit und ein bisschen mehr Tourismus. 😀

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