August in Deutschland

Der japanische August: Heißester Monat des Jahres, Feuerwerke, Sommerfeste, Musikfestivals. Viele meiner europäischen Freundinnen versuchen im Sommer der japanischen Hitze zu entfliehen, ich finde den Sommer inzwischen gar nicht mehr so schrecklich – zumal er dieses Jahr für japanischen Verhältnisse eher kühl war.

Trotzdem waren mein Sohn und ich diesen August für fast drei Wochen in Deutschland. Der Grund war schlicht ein Familienfest, an dem ich teilnehmen wollte. Ganz ehrlich: Zweieinhalb Wochen haben uns auch gereicht. Natürlich freue ich mich riesig, Familie und Freunde zu treffen. Nur das ganze Ringsherum – um nicht zu sagen “Deutschland” – brauche ich nicht wirklich.

Selbstverständlich möchte ich euch nicht euer Land erklären (meins ist es nach 15 Jahren in Japan nicht mehr so wirklich), aber anbei ein paar unsortierte Gedanken zu dieser “Heimreise”.

Warum Berlin für mich anstrengend ist

Berlin ist meine Geburtstadt, ich habe insgesamt 20 Jahre in der Stadt gewohnt. Als solches ist Berlin mir natürlich vertraut. Aber irgendwie auch nicht mehr. Ja, man vergisst tatsächlich, welche Stationen wo auf der Ringbahn sind. Damals hätte ich kein Google Maps gebraucht, um mich zu Treffpunkten mit Freunden zu bugsieren.

Gleiches gilt für die Menschen an sich. Deutsch ist natürlich meine Muttersprache und ich bezweifle, dass ich jemals so gut Japanisch wie Deutsch sprechen werde. Aber ich lebe eben in einer vollkommen anderen Mentalität. Die Reaktion der Menschen ist anders, als ich es gewohnt bin. Das ist überhaupt nicht wertend gemeint, ich mag die Berliner Offenheit generell gern. Aber ich agiere inzwischen eben wie ein typischer Tokyoter.

Dass es in einem anderen Land anders ist, als zuhause, ist klar. Wenn ich in Seoul bin, strengt mich die Andersartigkeit natürlich auch an. Aber: Ich bin einerseits nicht ständig der “Ich sollte das aber können/wissen/kennen”-Frustration ausgesetzt und andererseits sind die Unterschiede zwischen Tokyo und Seoul für mich neu und aufregend. Berlin ist für mich zu vertraut, um aufregend zu sein.

“Mama, da sind Japaner!”

Mein Sohn versteht Deutsch – und spricht Japanisch. Ein paar einfache Dinge kann er auch auf Deutsch sagen und über die zweieinhalb Wochen hat er auch viele neue Worte aufgeschnappt – “Monsterwelle”, “Matschepampe” – aber diese Sprachkenntnisse können natürlich nie den Redebedarf eines Sechsjährigen abdecken. Schließlich muss er die ganze Welt an seinen mentalen Ergüssen teilhaben lassen! Dummerweise geht das aber, wenn wir zu zweit in Deutschland sind, nur mit Mama und Mama hat eine begrenzte Aufnahmefähgikeit für unzusammenhängende Fantasie-Geschichten.

Dementsprechend anstrengend war die Zeit in Deutschland für ihn. Natürlich hatte er viele tolle Erlebnisse: Wir waren am Meer, er ist mit dem rasenden Roland (einer Dampflok) gefahren, er hat mit seinem Opa Schwerter gebaut und Raketen fliegen lassen, wir waren zweimal im Spaßbad Schwapp, … Aber eben alles auf Deutsch.

Als wir dann am Flughafen Berlin (dem ich hiermit den “schlechtester Flughafen Europas”-Award verleihe – obwohl der Weg durch schmale Gänge, um in Wien Terminals zu wechseln, zumindest eine Erwähnung verdient) eine Gruppe Japaner sahen, verwandelte sich sein Gesicht in einen Ausdruck reinster Glückseligkeit: “Mama, Japaner!”

Jetzt, über eine Woche nach unserer Rückkehr, ist er noch immer nicht wieder das ausgeglichene Kind, mit dem ich Anfang August nach Deutschland geflogen bin. Zweieinhalb Wochen volle Aufmerksamkeit von meinen Eltern, alles Deutsch und ungewohnt, und dann plötzlich wieder in Japan und im Kindergarten. Der Wechsel fällt ihm schwer.

Die Japanisierung des Abendlandes

Als Jugendliche war ich komplett japanfixiert. Eine Lehrerin fragte mich einmal, ob ich über nichts anderes reden könne. Ich habe Anime geguckt, Manga gelesen, japanische Musik gehört, japanische Mode getragen. Das Neo Tokyo in Berlin war für mich ein wichtiger Treffpunkt, an dem ich mich mit Freundinnen austauschen und Dinge aus dem gelobten Land kaufen konnte. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass es damals 40 € kostete, eine CD zu importieren. An viele Sachen kam man gar nicht.

Wie leicht es im Jahre 2026 doch ist, in Berlin Japanfan zu sein. Es gibt gefühlt einfach alles: Auf Manga spezialisierte Buchläden, riesige Asialäden mit einer ernstzunehmenden (wenn auch überteuerten) Auswahl an japanischen Lebensmitteln, generell Läden mit japanischen Dingen. Bei Rossmann gibt es Hada Labo und Bioré!

Mich freut es natürlich.

Nur eine Sache: Könnt ihr bitte bitte aufhören, in alles Matcha zu schütten? Ich habe, wahrscheinlich aus reinem Selbsthass, einen “Iced Caramelised Banana Flavour Matcha Latte” getrunken. Er war nicht nur komplett überteuert, sondern schmeckte auch nicht. Insgesamt gibt es in Berlin mehr Matcha-Kram als in Tokyo, und bei uns steigen die Matcha-Preise, weil die ganze Welt das Zeug haben möchte.

Alles auf Englisch

Was mich auch überrascht hat, war, wie viel Englisch vor allem in Berlin verwendet wird. Mir ist natürlich bewusst, dass Berlin eine Stadt ist, die viele Menschen anzieht. Durch die europäische Freizügigkeit ist die Barriere für viele Menschen sehr niedrig. Aber vor allem in Mitte war es teils extrem.

Auch auf einigen Produkten gibt es nur noch eine englische Beschriftung. Ich bin bei Weitem kein Verfechter der Reinheit der deutschen Sprache, aber ich finde, dass solche Dinge bestimmte Bevölkerungsgruppen passiv ausschließen.


Insgesamt war es ein schöner, aber für uns beide auch anstregender, Urlaub. Ich musste bis kurz vor der Abreise sehr viel arbeiten, um meine Abwesenheit vorzubereiten. Direkt am ersten Tag zurück im Büro musste/durfte ich dann einen Flug nach Seoul buchen. Dahin geht es nächste Woche – und ich bin natürlich wieder Vorbereitungsstress.

Aber immerhin werde ich mir auf dieser Reise nicht wie ein Idiot vorkommen, wenn ich alle Wege erst einmal googlen muss. 😉

P.S.: In Berlin nahm ich mit einer Freundin an einer Führung in den Unterwelten teil – große Empfehlung! – und wurde von einer Leserin erkannt! Hallo! 🙂

7 Gedanken zu „August in Deutschland“

  1. czoczo sagt:

    Es muss Spanend sein aus so unterschidliche Kultur wie Japanische , zu hause wieder sein. Auch für den jungen Mann hat es trotz allen bestimmt Spass gemacht.
    Bei uns zu Hause haben die Jungs ein wenig einfacher gechabt( Ich komme aus Polen) ZV läuft zu Hause vast ungebrochen … und meistens auf Polnische . Die Jungs waren jedes Jahr in Ferien in Polen … und dennoch … Polnisch haben Sie nie wirklich gelernt. SSie verstehen alles … aber reden wollen sie einfach nicht … wollen oder trauen sich nicht. Als erwachsene Menschen beräuen Sie ein wenig das sie nicht wirklich sich eingesträngt haben … aber das ist jetzt nicht mein Bier ..
    Deswegen lass nicht locker …es ist schön wen man sich mit der Familie unterhalten kann
    Liebe Grüße
    czoczo

    • Claudia sagt:

      Ich warte auch nur darauf, dass mein Sohn mir mit 18 Jahren vorwirft, dass ich da nicht mehr hinterher war. Aber ich kann nur mein Bestes tun. 🙂

  2. Stefan sagt:

    Liebe Claudia, vielen Dank für Deinen Bericht, den ich hundertprozentig teilen kann, denn ich lebe jetzt auch schon seit über fünfzig Jahren in Berlin, und auch ich finde diese Stadt bisweilen, nunja, anstrengend. 😉 Der Kulturwissenschaftler Florian Coulmas, der ebenfalls mit seiner Familie viele Jahre in Japan gelebt hat (oder immer noch lebt), hat mal ein sehr unterhaltsames, aber auch sehr entlarvendes Buch über seine Erfahrungen geschrieben, die er er gemacht hat, als er und seine Familie aus Japan nach Deutschland zurückkehrten. Das Buch trägt den treffenden Titel “Die Deutschen schreien”, und ich glaube, Du würdest Dich darin ganz bestimmt wiederfinden.
    Viele Grüße aus Berlin — Stefan

  3. Stefanie sagt:

    Und hier mein Hallo Retour! Darüberhinaus kann ich die Empfehlung der Führung durch die Unterwelt nur bestätigen!
    Interessant deine Gedanken zu dieser “Heimreise” , denn ich kann sie gut nachvollziehen, wenn auch in anderer Konstellation und Kontext. Ich habe nämlich fast 30 Jahre in Italien gelebt, einen Italiener geheiratet, und wir sind vor 14 Jahren nach Berlin gezogen. Woanders nach Deutschland hätte ich viele Vorbehalte gehabt, aber Berlin fanden wir spannend und neu (ich bin in Süddeutschland aufgewachsen), sodass wir hier nun leben und das sehr gerne! Aber wir haben noch ein Standbein in Italien und immer, wenn wir dort sind , ist das für mich Nachhausekommen , mehr , als in die umgekehrte Richtung , aber ich genieße dieses “Doppelleben” sehr , da ich dieses Kulturhopping als bereichernd empfinde. Wenn ich mich zurück erinnere an meine anfänglichen “Heimreisen “ von Italien nach Deutschland , da fühlte ich auch eine Distanz, ein “Rausgewachsensein” , einen kritischen Blick auf den bis dahin nie in Frage gestellten “Teller”. Aber man ist eben über den Rand gesprungen und das verändert. Doch wenn man dann nach Jahrzehnten zurückkommt, wie in meinem Fall, sieht man auch die Vorzüge des eigenen Landes, ja vielleicht wird man insgesamt einfach objektiver , nachsichtiger und geduldiger
    Dich getroffen zu haben “ in echt” hat mich gefreut!

  4. Bahar sagt:

    oh, ich wäre dir gern über den Weg gelaufen Claudia. Irgendwie hab ich an dich gedacht und gegoogelt ob du dein Block noch führst .
    schön, dass es dir soweit gut geht & hoffendlich eine viel angenehmere Seoul Reise/Aufenthalt.
    liebe Grüße aus Berlin
    Bahar

    • Claudia sagt:

      Was für eine Überraschung! Es freut mich riesig, dass du an mich gedacht hast. 🙂 Hast du Instagram? Dort bin ich unter 8900km.tokyo zu finden, würde mich freuen, wenn wir uns dort verbinden könnten!

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