Super Kabuki: Zwischen Tradition und “Prinzessin Mononoke”

Der japanische Film mit dem höchsten Einspielergebnis im letzten Jahr war ein Anime-Film: “Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba – The Movie: Infinity Castle” erzielte sagenhafte 210 Millionen Euro an der Kinokasse. Unter den Top 5 befand sich tatsächlich nur ein Realfilm. Auf Platz 2 landete “Kokuhō” mit noch immer stattlichen 105 Millionen Euro.

Dass Anime-Filme zu beliebten Serien viel Geld einspielen ist keine Überraschung. Dass ein 3-stündiger Film über die klassische japanische Theaterform Kabuki (歌舞伎) das gleiche tut, ist sensationell. Der Film lief mehr als ein Jahr lang in den japanischen Kinos und ist der erfolgreichste japanische Realfilm aller Zeiten.

Ein wenig trug ich dazu auch bei, ich war aus reiner Neugier nämlich auch im Kino. Danach nahm ich mir vor, 2026 Kabuki live zu sehen. Und weil ich zumindest meist eine Frau meiner Worte bin, und sich eine gute Gelegenheit bot, setzte ich dieses Vorhaben Anfang Juli um. Es ging ins “Prinzessin Mononoke”-Kabuki.

Aber lasst uns ein paar Schritte zurückgehen.

Was ist Kabuki?

Kabuki gibt es seit dem frühen 17. Jahrhundert. Damals wurden in Kyoto humoristische Theaterstücke mit Tanzelementen von reinen Frauengruppen, die sowohl Männer- als auch Frauenrollen spielten, aufgeführt. Die Kunstform erreichte in allen Gesellschaftsschichten hohe Popularität, vor allem im Rotlichtviertel Yoshiwara im heutigen Tokyo.

So begann die Verbindung zwischen Kabuki und Prostitution. Die Schauspielerinnen boten nach ihren Auftritten sexuelle Dienstleistungen an. Das führte unter Zuschauern aus dem Samurai-Stand regelmäßig zu gewaltsamen Konflikten. Daraufhin verbot das regierende Shogunat es Frauen, im Kabuki aufzutreten. Also wurden alle Rollen von Jungen und jungen Männern besetzt. Die Geschichte wiederholte sich, woraufhin es das Shogunat es Jungen unter 15 Jahren verbot im Kabuki aufzutreten. Ihr dürft dreimal raten, ob das die Prostitution wirklich eindämmte.

Heutzutage besteht die direkte Verbindung zwischen Kabuki und Prostitution natürlich nicht mehr. Was geblieben ist, ist – bis auf wenige Ausnahmen – die komplett männliche Besetzung. Sämtliche Rollen werden von Männern gespielt. Optisch ist Kabuki vor allem am Make-Up zu erkennen. Rote, blaue und schwarze Linien auf geweißten Gesichtern zeigen übertriebene Gesichtsausdrücke und erleichtern es, Charaktere direkt einzuordnen.

Kabuki hat, wie viele japanische Kunstformen, viele Regeln und strenge Traditionen. Viele Kabuki-Schauspieler entstammen Kabuki-Familien und erlernen die Kunst von klein auf.

Vor einiger Zeit sah ich eine kleine Ausstellung zu Kabuki im tokyoter Kabuki-Theater Kabuki-za (歌舞伎座), die die Kunst hinter dem Schauspiel – die Bühnenbilder, die Kostüme und die Musik – näherbrachte. Die handwerkliche Kunst, die hinter so einem Theaterstück steckt, ist unglaublich.

Ein Großteil der aufgeführten Kabuki-Stücke ist traditionell und stammt aus vorhergegangenen Jahrhunderten. Ohne Erklärung sind sie auch für Japaner nicht sofort verständlich. Vor allem für jüngere Menschen ist die Hürde, in ein Kabuki-Theater zu gehen, relativ hoch. Der Erfolg des Films “Kokuhō” hat sicher dazu beigetragen, dass es sich mehr Leute zumindest einmal ansehen.

Ein anderer Ansatz ist das Super Kabuki. Hierbei werden beliebte moderne Medien als Kabuki-Stücke neugedacht. Es gibt z.B. ein Kabuki zum Videospiel “Final Fantasy X” und eines zum Anime “Naruto”. Und jetzt eben auch eins zum Ghibli-Anime “Prinzessin Mononoke”.

“Prinzessin Mononoke” als Kabuki-Stück

Als ich das erste Mal sah, dass es ein “Prinzessin Mononoke”-Kabuki geben würde, lud ich direkt eine japanische Freundin ein. Auch sie hatte noch nie live Kabuki gesehen und war deswegen genauso ahnungslos wie ich. Wir stellten uns darauf ein, dass wir nichts verstehen würden, aber da wir die Geschichte von “Prinzessin Mononoke” kennen, wäre auch das kein Problem gewesen.

Im Film “Prinzessin Mononoke” geht es um den Konflikt zwischen Waldgöttern – in Form von riesigen Wölfen, Wildschweinen, einer hirschähnlichen Gottheit und dem Menschenmädchen San, das von Wölfen aufgezogen wurde – und den Menschen einer eisen- und waffenproduzierenden Stadt, die ihren Wald roden. Der Film hat in den japanischen Kinos mehr Geld eingespielt als “Kokuhō” und ist in Deutschland auf Netflix und anderweitig verfügbar. 🙂

Angesichts des Settings und der auftretenden Figuren hatten wir uns gefragt, wie nah am Film das Theaterstück sein würde. Stellt sich heraus: Verdammt nah. Besonders die riesigen Bühnenbilder, die die im Kabuki typische Drehbühne sehr gut ausnutzten, haben mich wirklich beeindruckt. Bühnenfüllende Kulissen wurden in Windeseile umgebaut, ohne den Fluss des Theaterstücks zu stören. Ein paar Schauplätze wurden verändert, aber im Großen und Ganzen hat nichts gefehlt.

Auch die Darstellung der Waldbewohner war manchmal etwas ulkig, aber irgendwie hat es funktioniert. Wahrscheinlich auch, weil sich das Kabuki-Stück seiner Ulkigkeit an diesen Stellen vollkommen bewusst war. Das bedeutet freilich nicht, dass die Darsteller ihre Rollen nicht ernstgenommen hätten. Vor allem die affenähnlichen Waldbewohner waren wirklich beängstigend, und die Kodama-Waldgeister von Kindern spielen zu lassen war ein absoluter Geniestreich. Jedes Mal, wenn sie die Bühne betraten, konnte man nicht anders, als zu lächeln.

Insgesamt war es viel akrobatischer, als ich gedacht hätte. Die Darsteller machten Saltos und andere beeindruckende Kunststücke auf der Bühne. Ich hatte mir Kabuki starrer vorgestellt, aber das war es wirklich gar nicht. Auch die Dialoge waren nicht abgeändert worden, um sie mehr wie traditionelles Kabuki klingen zu lassen, und waren daher leicht verständlich. Einige eindeutige Kabuki-Elemente waren aber natürlich trotzdem vorhanden: Die eingenommenen Posen, die komplett in schwarz gekleideten Bühnenhelfer, die traditionellen Klanghölzer.

Auch die Kostüme waren wunderschön. Einige waren sehr nah an der Bekleidung im Film, aber fürs Kabuki abgeändert worden, andere von Grund auf neu. Das Kostüm der Wolfsgöttin Moro muss unglaublich schwer sein, sah aber einfach fantastisch aus. Die Ausstrahlung des Darstellers sorgte auch für die richtige Gravitas für die Rolle. Auch die Rolle der Eboshi, der Anführerin der Stadt, war toll besetzt. Der Darsteller des Hauptcharakters Ashitaka spielte gleichzeitig auch den Waldgott Shishigami, was ein logistischer Albtraum sein muss und mir erst nach der Aufführung klar wurde.

Einen kleinen Wermutstropfen gab es: Wir hatten uns für günstige Sitzplätze entschieden und saßen deswegen in den Rängen. Die Kabuki-Bühne ist L-förmig, mit einer Art Laufsteg auf die und von der Bühne. Diesen Laufsteg, die Hanamichi (花道), konnten wir von unseren Sitzen aus nicht sehen. Zwar hatten wir Monitore, um das auszugleichen, aber andere Sitze wären besser gewesen. Wieder etwas gelernt.


Ich weiß nicht, ob ich mir traditionelles Kabuki ansehen würde. Wahrscheinlich einmal, um die Erfahrung gemacht zu haben. Wenn es wieder eine Super Kabuki-Umsetzung von etwas gibt, das ich liebe, wäre ich aber wieder dabei.

Aber erstmal wird das Theaterstück zu “Chihiros Reise ins Zauberland” nächstes Jahr wieder in Japan aufgeführt. Der Animefilm war übrigens 19 Jahre lang der japanische Film mit dem höchsten Einspielergebnis aller Zeiten und wurde erst 2020 abgelöst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert