Der Geburtsort des japanischen Buddhismus: Der Hieizan-Enryaku-Tempel in Shiga

In Japan gibt es um die 55.000 Conbinis, 24-Stunden-Läden. Man findet an jeder Ecke einen, innerhalb von zehn Minuten Laufentfernung von meinem Haus stehen sieben.

Aber: Es gibt in Japan sogar über 77.000 buddhistische Tempel. Die meisten sind klein und eher unscheinbar, aber einige haben große historische Relevanz. Zu letzterer Kategorie zählt der Enryaku-Tempel (延暦寺 Enryaku-ji) auf dem Berg Hiei (比叡山 Hiei-zan) in Shiga an der Grenze zur Präfektur Kyoto.

Er wurde vom japanischen buddhistischen Mönch Saichō (最澄) gegründet, nachdem dieser auf Geheiß des Kaisers in China buddhistische Lehren studiert hatte. Der Enryaku-Tempel gilt als Geburtsstätte des japanischen Buddhismus, da viele Gründer japanischer Lehren dort lernten. Den meisten Japanern ist er aber aus einem anderen Grund ein Begriff: Er wurde vom Daimyō Oda Nobunaga (織田信長) niedergebrannt.

Ein großes Ziel Saichōs war es gewesen, auf dem Berg Hiei Ordinationen, also die Aufnahme in den Mönchsstand, durchführen zu dürfen. Bis 822 mussten die auf dem Berg ausgebildeten Mönche nach Nara reisen, um offiziell ins Mönchstum aufgenommen zu werden. Somit befanden sie sich unter der Kontrolle des Staats, denn Buddhismus und Regierung waren eng verbunden. Nach Saichōs Tod 822 wurde dem Tempel die Ordination erlaubt wurde damit unabhängig.

Wir stellen uns Mönche immer sehr pazifistisch vor, doch nach der Unabhängigkeit und mit Zunahme des Einflusses bildeten sich im Mittelalter auf dem Berg Hiei Fraktionen von Kriegermönchen. Diese Militarisierung war so umfassend, dass sogar der damalige Kaiser gesagt haben soll, dass er drei Dinge nicht kontrollieren könne: Das Wasser des Kamo-Flusses in Kyoto, die Würfel des Spiels Suguroku und die Bergmönche. Auch nachdem die Samurai-Klasse an die Macht gekommen war, stellten die Kriegermönche eine echte Gefahr für die Mächtigen dar.

Zerstörung und Wiederaufbau des Tempelgeländes wiederholten sich, dann gelang Oda Nobunaga an die Macht. Doch die Mönche gewährten seinen Feinden Unterschlupf auf dem Berg und ließen sich von Nobunaga nicht davon überzeugen, sich auf seine Seite zu schlagen. Es geht hier übrigens um etwa 4.000 Kriegsmönche, also durchaus eine kleine Armee.

1571 ließ Nobunaga das Gelände umzingeln und niederbrennen. Das Feuer konnte man bis in die Stadt Kyoto sehen. Die Macht des Tempels schien eingedämmt. Nur elf Jahre später beging Oda Nobunaga beim Honnōji-Zwischenfall in einer aussichtslosen Lage Selbstmord. Sofort nach seinem Tod wurde begonnen, Spenden für den Wiederaufbau des Enryaku-Tempels zu sammeln, zwei Jahre später begannen die Arbeiten.

Dank dieser und vieler folgender Bemühungen kann man die drei Gebiete des Enryaku-Tempels, Tōdō (東塔), Saitō (西塔) und Yokogawa (横川) heute besuchen. Dafür fährt man entweder mit dem Auto auf den Berg – über eine Privatstraße mit Öffnungszeiten (mehr Infos hier) – oder man nimmt die Seilbahn von Sakamoto auf der Shiga-Seite oder Yase auf der Kyoto-Seite. Vorsicht: Der Tempel kostet Eintritt und hat nur von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Außerhalb dieser Zeiten kommt man nicht aufs Gelände.

Außerdem sollte man gut zu Fuß sein. Wenn man alles sehen möchte, muss man einige längere Strecken zu Fuß zurücklegen. Dafür erlebt man aber auch, warum Saichō sich ausgerechnet diesen Standort für seinen Tempel ausgesucht hat: Vom Wald umgeben blickten wir auf den Morgennebel hinunter und erlebten die fantastische Ruhe, die der Ort ausstrahlt.

Eine andere Besonderheit, die man nur noch bis zum Jahresende 2026 zu sehen bekommt, ist eine laufende Tempel-Renovierung. Mein Mann hat Architektur studiert, in meinem Blut ist die Baukunst auch, diese Chance wollten wir uns also auf keinen Fall entgehen lassen.

Das wahrscheinlich wichtigste Gebäude, das Konpon-Chūō-dō (根本中央堂) in dem die Ordinierungen vorgenommen werden, ist derzeit unter einer Gerüstverkleidung versteckt. Innen gibt es Bühnen, von denen aus man bei den Renovierungsarbeiten zusehen kann. Bei denen werden u.a. das Kupferdach des Hauptgebäudes und das Schindeldach des Außenkorridors ersetzt, und das ganze Gebäude neu gestrichen. Übrigens ist der gesamte Tempel Teil vom UNESCO-Welterbe “Historisches Kyoto”.

Eigentlich wollte mein Mann sich an unserem zweiten Tag in Shiga noch mehr anderes ansehen, er entschied sich dann aber dafür, dass wir lieber so viel Zeit wie nötig für den Enryaku-Tempel aufwenden sollten. Eine gute Entscheidung.

Letztendlich machten wir vor unserer Heimfahrt nur noch in einem Restaurant und in einem weiteren Tempel halt.

Der Hyakusai-Tempel (百済寺 Hyakusai-ji) liegt am anderen Ende Shigas und ist ohne Auto nur schwer zu erreichen. Auch hier zahlt man Eintritt und kommt nur zu bestimmten Zeiten aufs Gelände. Es lohnt sich in Shiga im Voraus zu recherchieren, dass die Tempel, die man besuchen möchte, auch geöffnet haben. Wir konnten z.B. den Kyōrinbō (教林坊) wegen schlechter Vorbereitung nicht besuchen.

Der Hyakusai-Tempel gilt als einer der ältesten Tempel des Landes und wurde im Jahr 606 gegründet. Er beherbergt mehrere Bildnisse Buddhas, wir fanden die Anlage selbst aber spektakulärer. Man betritt das am Berghang gelegene Gelände über einen wunderschönen Garten mit einem Teich (natürlich mit Koi-Fischen) und erklimmt dann den Berg bis zum Tempelgebäude. Der Ausblick über die Umgebung ist fantastisch, und der Pfad im Wald erinnerte uns an den Zugangsweg zum Togakushi-Schrein in Nagano.

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Wir hatten aber leider nicht genug Muße um dem Tempel gerecht zu werden. Der Zug zurück nach Tokyo war gebucht und wir hatten noch eine ganz schöne Strecke bis zum Bahnof vor uns. Es empfiehlt sich in Shiga übrigens, mit dem Mitbringselkaufen nicht bis zum Bahnhof Maibara zu warten, dort ist die Auswahl nämlich sehr begrenzt.


Ganz ehrlich: Wir hatten keine großen Erwartungen an Shiga. Aber wie eigentlich immer, wenn wir mit geringen Erwartungen in den Urlaub fahren, wurden wir positiv überrascht. Wir hätten gern noch viel mehr gesehen. Weil Shiga sich weder auf dem Radar japanischer noch dem ausländischer Touristen befindet, wird es eigentlich nie so richtig voll und man kann sich wirklich entspannen.

Als wir am Bahnhof Tokyo ausstiegen und uns durch die Menschenmassen kämpften, wären wir auf jeden Fall am liebsten wieder in den Shinkansen in Richtung Shiga gestiegen.

Veröffentlicht in: Shiga

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