Die sieben Gruselwunder japanischer Schulen

Der Mai endet für mich, wie er begonnen hat: Krank.

Meine Magen-Darm-Grippe hat mich aber dazu inspiriert, über die “sieben Wunder der Schule” (学校の七不思議 Gakkō no Nana-Fushigi) zu schreiben. Überlegt doch beim Lesen mit, welches der sieben Wunder wohl der Auslöser für diesen Artikel war. 😉

Die “sieben Wunder” sind Gruselgeschichten, die sich Schüler seit Generationen erzählen und die allesamt in der Schule stattfinden. Weil sie im gesamten Land bekannt sind, werden sie oft in verschiedenen Medien erwähnt – Unter dem Verständnis, dass alle die Referenz verstehen.

Da es mehrere Versionen der sieben Wunder gibt, sind es strenggenommen mehr. Aber die Zahl Sieben ist eben besonders magisch. Hier die sieben, von denen ich am meisten gehört habe.

Beethovens Portrait im Musikraum

Dass in den Musikräumen Portraits bekannter Komponisten (meist Beethoven oder Bach) hängen, ist in Japan ziemlicher Standard. Dass diese Portraits einem abends entweder mit den Augen folgen oder ihren Gesichtsausdruck ändern, gehört wohl eher in die Welt der urbanen Legenden.

Außerdem besagt das Gerücht, dass sich Instrumente, meist das Piano, im Musikraum nachts allein spielen. Immerhin steckt dahinter nicht ein längst verstorbener Deutscher, sondern die Seele eines verstorbenen Schülers, der noch zwischen den Welten steckt.

Das Mädchen auf der Schultoilette

Hanako von der Toilette (トイレの花子さん Toire no Hanako-san) ist wahrscheinlich das am häufigsten erwähnte der sieben Wunder. Auch gibt es hier natürlich unendlich viele verschiedene Versionen, die populärste ist aber, dass in der Mädchentoilette auf dem dritten Stock in der dritten Toilette ein Gespenst lebt. Wenn man an der Tür ihrer Toiltte dreimal klopft und fragt, ob Hanako dort ist, antwortet sie – Wenn man dann den Mut hat, die Tür zu öffnen, begegnet man einem jungen Mädchen mit einer weißen Bluse, einem roten Rock und einem Topfschnitt und wird in die Toilette gezerrt.

Hanako hat unendlich viele Hintergrundgeschichten, aber meist ist sie ein armes Mädchen, dem Schreckliches wiederfahren ist. Wie viele Gespenster ist sie eine Jibakurei (地縛霊), sie ist an einen Ort gebunden und kann nicht entkommen.

Das wandelnde Anatomie-Modell

In den Bioräumen Japans steht standardmäßig eine bestimmte Art von Anatomiemodell: Während eine Hälfte des Körpers mit Haut dargestellt ist, sind auf der anderen die inneren Organe sichtbar. Das Modell bildet den gesamten menschlichen Körper samt Armen und Beinen ab.

Klar, dass diese Modelle nachts wahrscheinlich zum Leben erwachen und durchs Schulgebäude wandern. Haben ja auch sonst nichts zu tun.

Die 13. Stufe

Das wahrscheinlich banalste der sieben Wunder: Nachts bekommt ein Treppenaufgang eine zusätzliche, 13., Stufe.

Zusätzlich gibt es auch eine Version, in der plötzlich eine Treppe in einen (nicht-existenten) vierten Stock führt, den man dann nicht mehr verlassen kann.

Geheimnisvolle Spiegel

Wieder ein Toiletten-Wunder: Wenn man zu einer bestimmten Zeit, wahrscheinlich 4:44 Uhr (4 wird im Japanischen wie “Tod” ausgesprochen), in den Spiegel auf der Toilette guckt, blickt einem das eigene Gesicht zum Zeitpunkt des eigenen Todes entgegen.

Alternativ erscheinen in den verschiedensten Spiegeln Geister.

Der laufende Streber

In vielen Schulen stand früher eine Statue von Ninomiya Kinjirō (二宮金次郎). Diese historische Figur wuchs bettelarm auf und arbeitete sich durch Lernen in den Wohlstand. Die Statue zeigt einen Jungen mit Feuerholz auf dem Rücken und einem aufgeschlagenen Buch in der Hand.

Ihr ahnt es: Die Streber-Statue erwacht des Nachts zum Leben und läuft über den Schulhof.

Während des Krieges wurden viele dieser Statuen eingeschmolzen, um Metall zu gewinnen, weswegen die Zahl der Statuen zurückging, und sie wird an neuen oder renovierten Schulen oft auch nicht aufgestellt. Wo keine Statue, da keine nachts wandelnde Statue.

Das verbotene Zimmer

Und natürlich gibt es in fast jeder Schule auch ein Gerücht über einen Raum, den niemand betreten darf. Nicht einmal die Lehrer.

Mein Mann arbeitet an der Renovierung von Grund- und Mittelschulen und garantiert, dass es solche Zimmer nicht gibt. Aber vielleicht steckt er ja mit den Gespenstern unter einer Decke. 😉


Ich erinnere mich nicht daran, dass es in meiner Schulzeit solche Gruselgeschichten gegeben hätte. Allerdings sind japanische Schulgebäude und die Ausstattung der Räume sehr standarisiert, was es zumindest begünstigt, dass sehr ähnliche Gruselgeschichten quasi universal erzählt werden.

Wenn man die Geschichten kennt, fallen sie einem auch in Filmen und Anime immer wieder auf. Manchmal ist das sehr offensichtlich, wie wenn in Dandadadan ein Anatomie-Modell unsere Protagonisten angreift.

P.S.: Während meiner Magen-Darm-Grippe habe ich natürlich Seelenverwandschaft mit Hanako, die nicht aus der Toilette herauskommt, verspürt. 😀

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