Kunst draußen: Pavilion Tokyo 2021.

Wäre Corona nicht seit inzwischen über einem Jahr ein bestimmender Teil unseres Lebens, wäre Tokyo bereits 2020 Schauplatz der Olympischen Spiele geworden und hätte tausende zusätzliche Touristen empfangen. Daraus wurde leider nichts, zwar sind Athleten und die Leute um sie herum im Land (und halten sich nicht immer an die Corona-Vorschriften), aber der große Touristen-Ansturm fiel natürlich aus.

Trotzdem findet noch bis zum 5. September – ich bin aktuell wie eh und je – ein Event statt, das den Besuchern Tokyo als Stadt der Kultur und Kunst näher bringen sollte: Das Pavilion Tokyo 2021.

Dabei wird an neun Orten in Tokyo das Stadtbild verändert – als Gegenbewegung dazu, dass Tokyo jedes Jahr ein wenig aalglatter wird und alte Kanten und Charakter wegfallen.

Die meisten dieser Projekte habe ich mir an zwei verschiedenen Tagen angesehen – einmal mit meiner Freundin Susanne (@hallo.hello.moshimoshi) und einmal mit meinem Mann.

Yayoi Kusama – The Obliteration Room

Die bekannteste an dem Event teilnehmende Künstlerin ist sicher Yayoi Kusama. Die meisten kennen sie wahrscheinlich durch ihre gepunkteten Kürbisse, unter anderem auf der Insel Naoshima. Bis vor kurzem konnte man ihre Arbeiten auch im Gropius Bau in Berlin bestaunen.

Mehr: Kagawa, Teil 1: Naoshima.

Das Thema dieser Installation ist, wie der Name schon andeutet, die Auslöschung oder Verwischung.

In mehreren Räumen voller weißer Gegenstände können die Besucher verschiedenfarbige Punkte anbringen. Je mehr Punkte das Weiß übertünchen, umso mehr geraten die Gegenstände in den Hintergrund, werden also ausgelöscht.

Nicht nur, dass der Effekt sehr interessant war, ich fand es auch spannend, wie koordiniert verschiedene Besucher Punkte angebracht haben. Da schlängelten sich ganze Reihen von Punkten durch die Zimmer oder waren kreisförmig aufgeklebt worden.

Meine Freundin wollte übrigens ein paar der Punkt-Aufkleber mitnehmen, musste sie aber abgeben – Angeblich wegen des Urheberrechts.

Teppei Fujiwara – Street Garden Theater

Nur ein paar hundert Meter von Yayoi Kusamas Obliteration Room befindet sich das Street Garden Theater. In dem möchte der Architekt Teppei Fujiwara die Verbindung zwischen den Menschen in Tokyo und der Natur sichtbar machen.

Leider finde ich, dass die Installation ein wenig an ihrem Ziel gehindert wird, weil sie einfach nur für so kurze Zeit an diesem Platz sein wird. Das macht es schwierig, das Wachsen der Pflanzen und die durch die Jahreszeiten verursachten Veränderungen wahrzunehmen. Als Platz zu Entspannen eignet es sich aber sicher – wenn es nicht, wie als wir da waren, regnet.

Vielleicht verstehe ich einfach nicht genug von Pflanzen, aber Kunst ist eben im Auge des Betrachters. 😉

Akihisa Hirata – Global Bowl

Ein paar Schritte weiter ist die Universität der Vereinten Nationen und vor dieser steht im Rahmen des Events eine große hölzerne Schale.

Auf den ersten Blick ist sie nichts Besonderes, aber was beim Betrachten von außen wie eine geschlossene Struktur erscheint, löst sich auf, sobald man sie betritt. Vielleicht, wie wenn man Teil einer Gruppe wird und deren Einheitlichkeit sich plötzlich in Pluralität auflöst.

Wie sich die hölzernen Elemente der Schale zusammenfügen erinnert an traditionelles japanisches Handwerk und allein die Vorstellung des Prozesses, sie zu bauen, fand ich ziemlich beeindruckend.

Sou Fujimoto – Cloud pavilion

Den Wolken-Pavilion des Architekten und Künstlers Sou Fujimoto habe ich gleich zweimal besucht – einmal an dem verregneten Tag mit meiner Freundin und dann an einem heißen Sonntagnachmittag mit meinem Mann.

Die weißen Wolken sahen an dem sonnigen Tag natürlich schöner aus, wenn man weiße Wolken gegen graue Wolken fotografiert ist man ganz schnell beim Thema von Yayoi Kusamas Obliteration Room.

Für den Architekten sind Wolken die ultimative Architektur: Ein Dach für die Welt und trotz ihrer Immensität schwerelos. Ich bin ja auch so eine, die immer mal über Wolken schwafelt. Vor allem im Sommer ist es manchmal schier unglaublich, dass solche fantastischen Gebilde natürlich entstehen. Da ist es dann wirklich so, als hätte ein Architekt an ihrer Entstehung mitgewirkt.

Die gleiche Installation wie diese im Yoyogi Park befindet sich noch einmal im neuen Bahnhof Takanawa Gateway. Durch die gleichen Wolken in einer komplett anderen Umgebung soll Diversität dargestellt werden. Stimmt schon: Der Himmel und die Wolken sind so weit von uns entfernt, dass sie uns irgendwie alle miteinander verbinden.

Junya Ishigami – Kokage-gumo

In Kudanshita, in der Nähe des kaiserlichen Gartens, steht eine alte Residenz im spanischen Stil, die für diverse Projekte und Events verwendet wird. Diesen Sommer hat der Architekt (alles Architekten hier) Junya Ishigami eine Überdachung für den Garten der Residenz entworfen und gebaut.

Die soll den Garten nicht nur vor Sonnenlicht schützen, sondern auch die umliegenden neuen Bauten verdecken, so dass man den Garten wie in alten Zeiten erleben kann. Damit die Überdachung sich in die Umgebung einfügt und um das Material haltbarer zu machen, wurde das Zedernholz leicht verkohlt, und einige Teile wurden komplett weggebrannt um Platz für die bestehenden Bäume zu machen.

Insgesamt ergibt das ein sehr organisches Dach, das wirklich so wirkt, als sei es schon immer dort gewesen. Schade, dass es bald wieder abgebaut wird.

Kokage-gumo bedeutet übrigens “Baumschatten-Wolke”.

Makoto Aida – Tokyo Castle

An der berühmten Gingko-Promenade in Aoyama, auf dem Weg zum Olympiastadion, stehen derzeit zwei Burgen: Eine aus Pappe und eine aus blauen Planen.

Die Wahl des Materials, nicht für die Ewigkeit gedacht, aber günstig und robust, soll an den Wiederaufbau erinnern – ob an den nach dem großen Erdbeben in Kanto vor fast einhundert Jahren oder den in von Naturkatastrophen zerstörten Gebieten im heutigen Japan.

Da die Straße an der die beiden Burgen stehen zum Olympiastadion führt, herrschte natürlich erhöhte Polizeipräsenz. Für die Olympischen Spiele wurde Polizei aus allen Teilen Japans in die Hauptstadt beordert, die Polizei dort kam aus Osaka. Als ich kurz mit einem Polizisten sprach, hörte der sich tatsächlich anders an als die Polizisten in Tokyo. Auch schön: Wenn ich schon nicht reisen kann, kommen wenigstens die Polizisten aus dem ganzen Land zu mir. 😉

Da wir zur Mittagszeit dort waren und es schon ziemlich heiß war, wir haben seit über einem Monat fast durchgängig Höchsttemperaturen von über 30°C, setzten wir uns in das Royal Garden Cafe gleich nebenan und brachten die nächsten eineinhalb Stunden damit zu, den Polizisten zuzugucken. Was ist besser, als Menschen beim Arbeiten zuzusehen und sich Dialog für sie auszudenken?

Daito Manabe + Rhizomatiks

So ausgeruht liefen wir in Richtung Jingumae und kamen an einer scheinbar namenlosen Installation vorbei. In dieser wird von einer KI veränderter Nachrichtentext zum Thema Corona über ein Display ausgegeben. Dieses ist aber so verkleidet, dass man den Text nur schemenhaft lesen kann.

Für mich ein klarer Fall von “Aha, okay”, aber Kunst ist ja glücklicherweise subjektiv.

Terunobu Fujimori – Teehaus Go-An

In Sichtweite des Olympiastadions steht das Teehaus Go-An des Architekten Terunobu Fujimori. Wenn man es von innen sehen möchte, muss man sich vorher im Kunstmuseum Watari-um anmelden und leider waren die Plätze am Sonntag schon bis 16 Uhr reserviert. Wir haben es also nur von außen sehen können.

Leider kann man den Effekt des Teehauses nicht so richtig greifen, wenn man es nicht betreten kann. Der veränderte Blickwinkel vom oberen Teil des Teehauses aus soll einen die Umgebung mit anderen Augen sehen lassen.

So erinnerte es mich ein wenig an Hobbit-Häuser. 😉

Das Holz, das im oberen Teil verwendet wurde, wurde übrigens mit derselben traditionellen Technik wie das der Überdachung Kokage-gumo angekohlt.


Und das war es. Zwei der Beiträge habe ich nicht gesehen, erstens den zweiten Cloud Pavilion im Bahnhof Takanawa Gateway und zweitens “Suimei” von Kazuyo Sejima im Hamarikyu-Garten. Sie waren einfach nicht auf der Strecke.

Zwischen vielen der Installationen sind wir gelaufen, einmal im Regen, einmal in der Hitze. Ich laufe gern durch Tokyo, wenn man mit der Bahn oder dem Auto fährt bekommt man nie so ein gutes Gefühl für die Stadt als Ganzes. Dann ist die Stadt aufgeteilt und getrennt in z.B. Shibuya, Harajuku und Aoyama. Durch das Laufen erfährt man zum ersten Mal, wie sie zusammenhängt und die Bezirke und Kieze ineinander übergehen. Für viele sicher vollkommen selbstverständlich, aber Tokyo ist groß und letztendlich siegt meist die Faulheit und ich steige doch in die Bahn.

Wegen Corona ist meine Welt klein geworden. Durch die Stadt zu laufen und Kunst zu entdecken macht sie wieder ein wenig größer. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf das nächste Event.

3 Gedanken zu „Kunst draußen: Pavilion Tokyo 2021.

  1. Elisabeth sagt:

    Ganz wunderbar!
    Mein einziger Japan-Aufenthalt liegt über 20 Jahre zurück, aber die Sehnsucht danach hat nie nachgelassen.
    So freue ich mich, auf Ihren Blog gestoßen zu sein. Vielen Dank dafür!

  2. Roswitha sagt:

    Vielen herzlichen Dank für den wunderbaren Spaziergang und die Erläuterungen der einzelnen Opjekte.So lerne ich ein Stückchen Kultur und Japan kennen.Gerne würde ich auch wieder mal Bocans Befinden erlesen.Gruß Roswitha

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