Bocchan geht in den Kindergarten. Vielleicht. Hoffentlich.

Bocchan ist inzwischen neun Monate alt.

Das heißt, dass 3/4 meines Erziehungsurlaubs bereits um sind. Der Erziehungsurlaub kann zweimal um je sechs Monate verlängert werden, wenn man keinen Kindergartenplatz findet, aber im Moment bin ich ganz ehrlich soweit, dass ich auch gern nicht jeden Tag den ganzen Tag mit Bocchan verbringen würde. Ich bin eindeutig nicht für das Leben einer Hausfrau geschaffen.

Also muss ein Kindergartenplatz her.

In Japan wird zwischen Hoikuen (保育園) und Yōchien (幼稚園) unterschieden.

Yōchien sind akademischer geprägt, sie sind Vorschulen. Deswegen ist für sie auch das Bildungsministerium und für Hoikuen das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales zuständig. Ganz verallgemeinernd kann man sagen, dass Yōchien für Familien sind, in denen ein Elternteil zuhause ist. Im Yōchien werden Kinder erst ab drei Jahren aufgenommen. Die Öffnungszeiten sind oftmals so kurz, dass sie für die meisten berufstätigen Eltern unmöglich sein dürften. Bei vielen Yōchien muss man selbst das Mittagessen mitbringen. Dafür bekommen die Kinder eine hübsche Uniform. 😀

Weil das für uns nicht passt, suchen wir nach einem Hoikuen, ich werde dafür in diesem Artikel das Wort “Kindergarten” verwenden.

Leider ist es gar nicht so einfach einen Kindergartenplatz zu bekommen. Vor allem im Ballungsgebiet Tokyo gibt es zu viele Kinder für zu wenige Kindergartenplätze. Dafür, dass sich das nur langsam bessert, gibt es mehrere Gründe: Immer mehr Mütter arbeiten, immer mehr Leute ziehen in die Ballungsgebiete, immer weniger Menschen leben in der Nähe der Großeltern und der Beruf des Erziehers wird auch nicht attraktiver. In unserer Umgebung gibt es mehrere Kindergärten, die ihre räumlichen Kapazitäten nicht ausnutzen können, weil es an Erziehern mangelt.

Das Schul- und somit auch Kindergartenjahr beginnt im April. Die Bewerbungsfrist für einen Kindergartenplatz mit Start im April war im November. Im November war Bocchan fünf Monate alt und konnte nichts. Da ich mir nicht vorstellen konnte, wie viel eigenständiger er im April sein würde, sah ich also davon ab, eine Bewerbung loszuschicken. Und ja, ich bereue es zutiefst.

Die Bewerbung läuft (bei uns) über die Stadt. Man gibt seine vier favorisierten Kindergärten an und dann wird nach einem Punktesystem und den Kapazitäten ein Platz zugewiesen. Punkte gibt es, wenn beide Eltern arbeiten, die Mutter erneut schwanger ist, oder man sich um ein krankes oder altes Familienmitglied kümmern muss. Punktabzug gibt es, wenn man nicht in der Stadt wohnt, in der man sich bewirbt, oder wenn man nicht nachweisen kann, dass die Großeltern des Kindes mehr als 64 Stunden im Monat arbeiten. Wir arbeiten beide in Vollzeit und die Großeltern arbeiten auch, aber das war’s bei uns auch schon mit den Punkten. Ich denke aber, dass das bei den meisten wenig anders aussehen wird.

Wenn man sich einmal bewirbt, läuft die Bewerbung bis man einen Kindergartenplatz gefunden hat.

Hier die vier Kindergärten, die wir uns angesehen und für die wir uns beworben haben (zufälligerweise haben wir auch genau vier Kindergärten, die überhaupt in Frage kommen würden, in unserer Umgebung):

Der Verlags-Kindergarten

Fünf Laufminuten von uns entfernt befindet sich ein relativ neuer Kindergarten, der zu einem Buchverlag gehört. Dementsprechend wird besonderes Augenmerk auf die Sprachentwicklung und das Lesen gelegt. Zwar hat dieser Kindergarten nur einen sehr kleinen eigenen Garten, er liegt aber direkt am Fluss, wo man spielen kann. Die Gruppen sind mit zwischen neun und zwölf Kindern sehr klein und ich hatte das Gefühl, dass die Kinder alle riesigen Spaß hatten.

Das ist unser favorisierter Kindergarten.

Der Kindergarten am Bahnhof

Der mit Abstand beliebteste Kindergarten in unserer Nachbarschaft ist ein sehr neuer, der ein ganzes Haus mit vier Stockwerken einnimmt. Für mich wäre er direkt auf dem Weg zum Bahnhof (falls die Normalität irgendwann zurückkehrt und ich ins Büro muss). Dieser Kindergarten hat leider keinen eigenen Garten, nur auf der Terasse auf dem Dach kann man draußen spielen. Obwohl das Gebäude sehr schön ist, haben mich die Gruppengröße von bis zu 25 Kindern und das Gefühl, dass sehr viel Mitarbeit von den Eltern gefordert wird, etwas abgeschreckt.

In diesen Kindergarten kommen wir sowieso nicht, letztes Jahr gab es auf zehn Plätze für Babys etwa 50 Bewerber, er ist also unsere vierte Wahl.

Der alte städtische Kindergarten

Dass der städtische Kindergarten in unserer Nachbarschaft seine Mittel anders einsetzt, als die anderen Kindergärten, die in privater Hand sind, sieht man sofort: Das Gebäude ist alt, die Böden sind abgelaufen. Insgesamt macht der Kindergarten keinen guten ersten Eindruck. Aber: Er ist nur fünf Gehminuten von uns entfernt. Die Erzieherinnen (und Erzieher!) wirkten alle sehr nett, und die Kinder spielten alle ausgelassen im ziemlich großen Garten und begrüßten uns freundlich. Außerdem wurde mir von den ganzen Projekten, die die Kinder machen erzählt, und Miso herstellen, Gemüse anbauen und Pflaumen einlegen klingen für mich nach viel Spaß. Ich hatte das Gefühl, dass hier wirklich gute Arbeit geleistet wird und letztendlich wird es Bocchan wahrscheinlich egal sein, wenn irgendwo Farbe abblättert.

Der halb-Yōchien

Der letzte Kindergarten, den wir uns angesehen haben, ist auch am weitesten von uns entfernt. Zu Fuß dauert es etwas über zehn Minuten bis dorthin. Das Gebäude ist groß, hell und mit Holz vertäfelt. Die Kinder werden in drei Gruppen aufgeteilt: 0 bis 1 Jahr, 2 Jahre und 3 Jahre bis Schulanfang (es geht hier jeweils ums Alter am 1. April). Dementsprechend groß sind auch die Räume. Einen kleinen Garten zum Spielen gibt es auch.

Dieser Hoikuen brüstet sich damit, für die größeren Kinder eher ein Yōchien zu sein. Mir kam die Leiterin der Einrichtung sehr streng und auf Regeln bedacht vor, was für uns vielleicht etwas anstrengend wäre. Wir haben ihn als unsere dritte Wahl eingetragen.


Am Montag ging ich zum Bürgeramt, um die Dokumente noch einmal alle mit einer Sachbearbeiterin dort durchzugehen. Schließlich möchte ich nicht, dass wir für den Mai nicht berücksichtigt werden, weil ich irgendwo vergessen habe ein Häkchen zu setzen.

Die Beamte war sehr nett und nahm sich viel Zeit für mich, obwohl viel los war. Das einzige, was ich gar nicht auf dem Schirm gehabt hatte, war, dass sie meine Residence Card, also die Karte, die belegt, dass ich legal im Land bin, kopieren wollte. Außerdem wollte sie wissen, ob Bocchan die japanische Staatsbürgerschaft hat. Hat er natürlich.

Ansonsten gab es nur gute Nachrichten: Wegen Corona haben sich scheinbar viele Eltern entschieden, ihre Kinder nicht bereits zum April in den Kindergarten schicken zu wollen. Hervorragend für uns, bedeutet es doch, dass unsere Chancen erheblich gestiegen sind! Vielleicht schaffen wir es sogar in unseren favorisierten Kindergarten, im Moment sind da nämlich noch Plätze frei.

Das Ergebnis werden wir in zwei Wochen per Brief bekommen, drückt uns die Daumen! 🙂

8 Gedanken zu „Bocchan geht in den Kindergarten. Vielleicht. Hoffentlich.

  1. Angelina sagt:

    Unser Sohn ist fast 11 Monat alt. Ab Juni soll er in die Krippe, da ich ab Juli wieder arbeiten muss.
    Man muss für die Eingewöhnung an die 4 Wochen rechnen. Leider haben wir bis jetzt immer noch keine Antwort bekommen ob wir jetzt einen Platz haben oder nicht. Am Telefon wird immer gesagt das bald ein Brief käme. Es ist auch sehr schwer hier einen Platz zu bekommen. Ich drück euch die Daumen. Lg Angie

  2. Suzi sagt:

    Ich drücke euch ganz fest die Daumen, dass es mit eurem Wunschkindergarten klappt! Hier in Deutschland ist es je nach Region auch sehr schwierig einen Kita-Platz (also für Kinder unter 3 Jahren) zu bekommen. Jede Kita macht dabei ihre Planung selbst, weshalb jungen Eltern dringend geraten wird, sich überall zu bewerben. Das hat zur Folge, dass in jeder Kita ellenlange Wartelisten gibt, die sich dann meist kurz vor knapp leeren, weil manche schon bei einer anderen Kita zusagen konnten. Vor 6 Wochen bekam ich den Anruf, ob ich für meinen Großen noch einen Kitaplatz benötigen würde. Den Platz habe ich im November 2018 (!) angefragt…

  3. Anika sagt:

    Drücke euch die Daumen!!

    Zumindest bei unseren städtischen ist es so (auch wenn sie von einer Privatfirma gemanaged werden wie unserer), dass die Enchō alle paar Jahre wechseln müssen.
    Wenn es also der mit dem strengen wird, vielleicht ist er bald weg 😉

  4. Dorte sagt:

    Bestehen die Gruppen aus Kindern gleichen Alters?
    Wenn beim Verlagskindergarten 9-12 Kinder eines Alters in die gleiche Gruppe gehen, dann möchte ich nicht wissen, wie Windel wechseln oder gemeinsames Essen durchgeführt werden.
    In Deutschland – je nach Bundesland – sieht der Personalschlüssel ja schon grauenhaft aus.
    Wie sieht es mit den Kosten für einen Platz aus?

    • Claudia sagt:

      Wie gesagt, in den anderen Kindergärten sind die Gruppen noch viel größer. Der Betreuungsschlüssel ist zumindest für die ganz Kleinen in Japan scheinbar besser als in Deutschland, nämlich 1:3.
      Die Kosten richten sich nach dem Einkommen der Eltern, für uns wird es ziemlich happig, aber dafür ist es ab dem 3. Jahr kostenlos (wer auch immer sich diese Logik ausgedacht hat).

      • FrauC sagt:

        Oh, das war bei uns auch so mit dem kostenlosen letzten Jahr. Damit sollte erreicht werden, dass alle Kinder zumindest ein Jahr direkt vor der Schule in den Kindergarten gehen.

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