Kagawa im Winter: Teshima.

Mein Schwiegervater ist zu Neujahr 60 Jahre alt geworden. 60 Jahre, das ist in Japan wie auch Deutschland eine große Sache. Als wir ihn fragten, was er sich zum Geburtstag wünsche, sagte er:

Eine Reise mit euch allen.

Und so geschah es dann.

Bei der Wahl des Reiseziels waren wir anfangs etwas unschlüssig, Okinawa oder Kyushu oder… Letztendlich entschieden wir uns für meine geliebte Präfektur Kagawa.

In Kagawa waren wir schon einmal vor einigen Jahren, hatten aber natürlich noch längst nicht alles gesehen. Diesmal machte mein Schwiegervater den Reiseplan und jetzt weiß ich auch, woher mein Mann lange Jahre die Tendenz hatte, so viel wie möglich abhaken zu wollen.

Mehr: Kagawa, Teil 1 (Mai 2018)

Als wir vormittags in der Stadt Takamatsu ankamen war es so windig, dass uns gesagt wurde, dass unser reserviertes Wassertaxi vielleicht nicht fahren würde. Wir wollten keine Zeit damit verschwenden, auf die Fähre zu warten, wenn wir sie auch auf einer der schönen Insel in der Seto-Binnensee (Setonaikai 瀬戸内海) verbringen könnten.

Das Wassertaxi fuhr, doch obwohl die Route abgewandelt wurde um den Seegang etwas leichter erträglich zu machen, musste ich mich stark auf den Horizont konzentrieren. Mein Mann spielte währenddessen auf der Switch, den stört so etwas nämlich gar nicht.

Letztendlich kamen wir aber unbeschadet auf Teshima (豊島) an.

Auf der Insel kann man während der Saison 17 verschiedene Ausstellungen und Installationen besuchen – Weil wir außerhalb der Saison dort waren, waren es allerdings nur sechs, von denen wir uns drei ausführlicher ansahen. Wir hatten trotzdem eine schöne Zeit.

Die bekannteste Installation auf Teshima befindet sich im Teshima Art Museum und heißt „Matrix“ von der japanischen Künstlerin Rei Naito. Wie so oft darf man von der Installation selbst keine Fotos machen, und Kunst ist leider oft nicht einfach in Worte zu fassen.

In dem tropfenförmigen Gebäude (vom Architekten Ryue Nishizawa, Gründer des Architektenkollektivs SANAA) kommen Wassertropfen aus dem Boden, die auf der wasserabweisenden Oberfläche durch den Raum gleiten, sich verbinden, aufteilen und letztendlich wieder verschwinden. Durch die großen Öffnungen in der Decke des Bauwerks beeinflussen Jahreszeiten und Wetter die Installation.

Das klingt als Beschreibung vielleicht etwas langweilig, war aber so spannend anzusehen, dass wir das Museum tatsächlich zweimal besuchten. Im Café auf dem Gelände gibt es leichte Speisen und Kuchen.

Ein weiteres interessantes Projekt ist „Les Archives du Cœur“ des Franzosen Christian Boltanski. Boltanski beschäftigt sich in seiner Kunst oft mit dem Tod und was von uns bleibt. Für dieses Projekt hat er Besucher seiner Ausstellungen in verschiedenen Ländern gebeten, ihren Herzschlag aufzunehmen.

Diese Herzschläge werden dann in einer Installation visuell dargestellt und können, nur auf Teshima, auch in einer Datenbank gesucht und angehört werden. Wenn man seinen Herzschlag aufnehmen möchte, zahlt man zwar extra, bekommt aber auch eine CD mit der Aufnahme. Wer meinen Herzschlag hören möchte und zufällig auf Teshima unterwegs ist: Es ist die Nummer 40434 (oder sucht einfach nach „Claudia“). Und falls ihr das wirklich tun sollt, verratet mir doch, ob ihr auf der Aufnahme einen zweiten Herzschlag hören könnt. Mein Mann und meine Schwiegermutter behaupten, da sei etwas zu hören, aber ich bin mir unsicher.

In der Nähe des Hafens von Teshima steht das Yokoo House, eine umgebaute Privatresidenz in der Werke des Künstlers Tadanori Yokoo ausgestellt sind. Dort wird geschickt mit großen roten Panelen gearbeitet, was die ausgestellten Werke in wortwörtlich unterschiedlichem Licht erscheinen lässt.

Persönlich fand ich die Farbwahl etwas anstrengend, die Werke an sich aber interessant.

Außerhalb der Saison gibt es auf Teshima nicht viele Restaurants. Auch das Umi no Restaurant hat in der touristenärmeren Zeit lediglich als Café geöffnet. Wenn man aber eine Auszeit vom kalten Wind braucht, ist eine Tasse warmer Tee alles, wonach man sich gesehnt hat. Bei wärmerem Wetter kann man von der Terasse aus die Aussicht über das Wasser genießen.

Schließlich fuhren wir mit einem wesentlich größeren Boot als auf der Hinfahrt zurück nach Takamatsu. Dort angekommen machten wir eine kurze Pause im Hotel, bevor wir in einem von den Schwiegereltern ausgesuchten Restaurant Abendessen aßen.

Umioyaji (海おやじ)
香川県高松市西の丸町2−17
Kagawa-ken, Takamatsu-shi, Nishinomaru-chō 2-17
Täglich von 17 bis 1 Uhr, samstags und sonntags nur bis Mitternacht

Dort gibt es neben allerlei leckerem aus dem Meer auch Spezialitäten aus Kagawa, z.B. Oden, ein Eintopf, den man besonders im Winter isst. In Kagawa schmeckt die Suppe ganz anders, als bei uns in Tokyo.

Ich bezweifle leider, dass es ein englisches Menü gibt. Wer kein Japanisch lesen kann, muss also entweder raten oder bestellen, was die Tischnachbarn haben.

Eine kleine Anekdote vom ersten Tag möchte ich euch noch erzählen. Weil es an unserem ersten Tag in Takamatsu ziemlich kalt war, war ich dick angezogen. Dummerweise war es aber im Bus vom Flughafen zur Innenstadt so heiß, dass ich meinen Schal ablegte – und natürlich prompt vergaß. Kein Problem: Nach einem kurzen Anruf bei der Betreiberfirma sagte man mir, dass man ihn gefunden habe und gab ihn im Hotel für mich ab! In Tokyo würde das erstens nicht so schnell gehen und zweitens müsste man selbst abholen gehen. Mich hat es auf jeden Fall riesig gefreut. 🙂

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