Der magische Anhänger.

Nachdem meine Schwangerschaft bestätigt war, führte mich mein erster Weg (kein Scherz) zum Informationsschalter des nächsten Bahnhofs. Als ich dort sagte, dass ich schwanger bin, überreichte man mir recht unzeremoniell den magischen Anhänger, der seitdem meinen Arbeitsweg erträglicher macht.

In japanischen Bahnen gibt es so genannte Priority Seats (優先席 Yūsenseki). Diese sollen idealerweise für bedürftige Personen freigehalten oder zumindest freigemacht werden, sollte sich eine solche Person nähern. Bedürftige Personen bedeutet hier: Alte, Kranke, Eltern mit Kleinkindern, Schwangere.

Für Personen mit nicht sichtbaren Krankheiten gibt es einen roten Anhänger mit rotem Kreuz, für Schwangere (das ist schließlich lange Zeit auch nicht so richtig sichtbar) gibt es einen pinken Anhänger. Auf diesem steht:

おなかに赤ちゃんがいます Onaka ni Akachan ga imasu

In meinem Bauch ist ein Baby

In einer perfekten Welt würde mir jemand, der nicht zu den Bedürftigen zählt, den Sitzplatz freimachen, sobald er den Anhänger sieht. Natürlich sind die vollen Bahnen der tokyoter Rush Hour aber nicht der perfekte Ort für so schöne Dinge wie gegenseitige Rücksichtnahme und so kommt es morgens nur sehr selten vor, dass mir jemand seinen Sitz überlässt.

Da wird lieber so getan, als würde man schlafen oder der Blick starr aufs Handy gesenkt. Bloß nicht anmerken lassen, dass man den Anhänger eigentlich gesehen hat.

Aber ich bin ja kein Kind von Traurigkeit. 🙂

すみません、席を譲っていただけますか? Sumimasen, seki wo yuzutte itadakemasu ka?

Entschuldigung, können Sie mir bitte Ihren Sitzplatz überlassen?

Natürlich kommt es vor, dass entweder alle Sitze schon von anderen bedürftigen Passagieren besetzt sind – da habe ich dann einfach mal Pech. Manchmal erscheinen mir die Leute, die dort bereits sitzen, auch so unangenehm, dass ich lieber nicht nachfrage. Vor allem in der Rush Hour gibt es Leute, die eigentlich nur nach einem Ventil für ihre aufgestaute Frustration suchen.

Richtig schlimm wird es erst, wenn es so richtig voll ist. Dann komme ich nicht einmal in die Nähe der Priority Seats.

Zum Glück gibt mir meine Arbeit die Möglichkeit, meine Anfangszeiten zu variieren oder direkt von zuhause zu arbeiten. Für letzteren Zweck habe ich zuhause einen zweiten Arbeitslaptop, und auf meinem Sofa zuhause habe ich sowieso immer Priorität.

Außer die Katzen wollen drauf.

14 Gedanken zu „Der magische Anhänger.

  1. Maike sagt:

    So einen Anhänger habe ich sogar als schwangere Touristin bekommen ( man hat es bereits gesehen und ich habe den Anhänger dann einfach so bekommen). Das ist eine tolle Sache!

  2. Holger Drechsler sagt:

    Lange haben die Katzen ja nicht mehr Priority Seats auf dem Sofa! Sie sind dann jedoch hübsche Umrahmung der künftigen VIP auf dem Sofa.

  3. Caro sagt:

    Hallo Claudia,
    den Anhänger kenne ich noch aus meiner Zeit in Japan, auch wenn ich damals nicht schwanger war.
    Wie ist das denn mit dem Platz freimachen? Stehen Leute auch für dich auf, wenn sie auf einem normalen Platz sitzen? Würdest du da nicht fragen? (Falls zB die Priority Plätze schon mit anderen Priority Leuten besetzt sind?)
    Ich war in Berlin schwanger und habe da die Erfahrung gemacht, dass wirklich selten jemand für Schwangere aufsteht; auch wenn der Bauch schon recht dick ist. Dafür ist es mir 2-3 Mal passiert, dass andere Leute, die standen, andere gebeten haben, für mich aufzustehen, auch solche, von denen ich es gar nicht erwartet hatte, wie junge Männer mit Bierflasche in der Hand 😛 Mit Baby wurde es dann anders; da sind immer richtig viele Leute aufgesprungen, wenn sie mich nur von weitem gesehen haben.
    Alles Gute für dich! Hoffentlich hast du nicht zu viele Beschwerden!
    Liebe Grüße aus Berlin,
    Caro

    • Claudia sagt:

      Ich hatte auch schon etwa drei Leute, die von ihrem normalen Sitz aufgestanden sind, als sie mich (bzw. den Anhänger) gesehen haben. Aber da frage ich nicht nach, weil ich mir eben denke, dass es ja die Priority Seats gibt. Wenn da in einem Abteil nichts frei sein sollte könnte ich, wenn es wirklich nicht anders geht, im nächsten Waggon gucken.

  4. Anika sagt:

    Das mit dem Aufstehen hängt meiner Erfahrung nach sehr von der Bahnlinie ab.
    In meiner wird oft aufgestanden..
    Ich muss mir eigentlich auch mal so einen roten Anhänger besorgen, weil es mir morgens oft echt schlecht geht, aber ich traue mich nicht >.<

    Als ich schwanger war haben super viele Leute Platz gemacht. Meistens Männer. Sogar ab und zu auf den normalen Sitzen.
    Mit Baby dann fast immer, aber mit Baby konnte ich eh nie sitzen

    In der Chuo/Sobu Linie oder Shonan Shinjuku hatte ich dafür extrem unschöne Erlebnisse. Da habe ich mich mal hochschwanger vor die Yūsenseki gesetzt. Die Leute dort haben mich gesehen und sich dreist vor mir auf die Sitze geschoben, da hilft dann auch fragen nichts. Auf der anderen Linie haben wir es nicht bis zu den Yūsenseki geschafft und da meinten die alten Salaryman dann auf Japanisch “na, wenn die sitzen will muss sie halt zu den anderen Sitzen gehen”. Da hilft fragen auf Japanisch dann wohl auch nicht weiter

    Ich bin echt froh über meine Bahnlinie und die fast-Endhaltestelle, die es mir ermöglichte immer vor den Yūsenseki zu stehen und Leute wegzujagen xD

    • Claudia sagt:

      Ich bin leider täglich auf der Chuo-Sobu-Line unterwegs. 🙁 Leider ist es bei vollen Bahnen oft mit der so hochgelobten japanischen Höflichkeit nicht weit.

      Letztens hatte ich eine junge Frau, die (für mich) wirklich gesund aussah, mit einem roten Anhänger in der Bahn. Wer weiß, was ihr fehlte, aber sie hat ihren Sitzplatz bekommen. 🙂

  5. Karen sagt:

    Und ich habe noch gar nicht gratuliert…!

    Ich war auch eine von denen, die „zu gut erzogen um nachzufragen“ waren *lach* denn aus deinen Kommentaren zum Kinderhaben in Finnland meinte ich rausgelesen zu haben, dass ihr auch gern in nächster Zeit Kinder haben wollen würdet… Ich freue mich sehr für euch!

    Bei mir hat sich übrigens seit frühester Kindheit eingebrannt, dass man Schwangeren und älteren Menschen seinen Sitzplatz überlassen muss – was wohl auch damit zu tun hat, dass in meiner Kindheit die öffentlichen Verkehrsmittel tatsächlich immer gerammelt voll waren – und ich war sooo verblüfft, als wir zum ersten Mal mit unseren damals noch sehr kleinen Kindern in Prag waren und dort alle für sie aufstanden. Aber tatsächlich, schwanger ohne Sitzplatz ist ein Klacks gegen mit Kleinkindern ohne Sitzplatz!

    • Claudia sagt:

      Dankeschön! 🙂

      Das glaube ich dir, aber mit Kleinkind hat man dann ja einen lebenden Beweis, warum man diesen Sitz dringend braucht. 😉

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