Die Sache mit der Authentizität.

Vor einiger Zeit schrieb ich einen Beitrag darüber, welche Verantwortung Blogger ihren Lesern gegenüber meiner Meinung nach haben. Der Beitrag wurde nie veröffentlicht (so ist das eben manchmal), aber ich schrieb unter anderem darüber, dass ich Authentizität wichtig finde. Um mich kurz einmal zu zitieren:

Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber ich schreibe immer über Dinge, die ich auch wirklich erlebt habe. […]

Ich möchte, dass ihr euch auf alles, was ich schreibe, verlassen könnt.

„Welche Verantwortung tragen Blogger?“, unveröffentlicht

Ende letzter Woche ist herausgekommen, dass die bekannte Bloggerin Marie Sophie Hingst von Read On My Dear, Read On (Link ist eine archivierte Version der Seite. Das Internet vergisst eben nie.) sich große Teile ihres Inhalts aus den Fingerspitzen gesaugt hatte.

Ich war Leserin ihres Blogs, habe manchmal auch kommentiert, und als Leserin einerseits und Bloggerin andererseits macht es mich bestürzt und sauer.

Marie hatte sich eine spannende Lebensgeschichte zurechtgebastelt, von der einiges stimmt und einiges frei erfunden ist: Dank dem Beruf ihrer Mutter in neun Ländern zwischen Kenia und Algier aufgewachsen, Deutsch hauptsächlich von ihrer jüdischen Großmutter gelernt, ihre anderen jüdischen Vorfahren waren alle im Holocaust umgekommen. In Indien eine Slum-Klinik gegründet, dort mit unglaublichem Erfolg Männern Sexualkundeunterricht gegeben, dann irgendwie über Berlin in ein kleines irisches Dorf gekommen, dort einen Tierarzt kennen und lieben gelernt, der letzten September seiner Magersucht zum Opfer fiel. In Irland arbeitete sie in der Uni und in einem Krankenhaus und gab in Deutschland Flüchtlingen Sexualkundeunterricht. Und all das mit 31 Jahren. Vor allem ihr Alter wurde mir erst im Nachhinein bewusst, ich hatte sie von ihrem Lebenslauf und ihrer Schreibweise auf viel älter geschätzt.

Auf jeden Fall gab es in ihrem Leben, wie sie es online beschrieb, viel Drama. Entweder weil sie angefeindet und wie ein Boxsack behandelt wurde, weil es den Menschen insgesamt so schlecht ging oder wegen ihrer tragischen Familiengeschichte.

Sie schrieb mehrmals darüber, dass Menschen im Internet denken würden, sie hätte sich ihr Leben zusammenfantasiert. Einmal habe sie quasi einen Drohbrief bekommen. Natürlich seien die Vorwürfe allesamt Lügen.

[…] Der Brief kommt, aber wer weiß das schon von einer Frau, die im Brustton der Überzeugung befindet, hier würde gelogen, das sich die Balken biegen und sie würde mich nun enttarnen- zu meinem eigenen Schutz wohlgemerkt, denn Indien, die Aufklärunsgsprechstunde, die jüdische Großmutter sei alles Lüge, nichts als Lüge […]

Perfide Erzählfiguren beschwört sie da herauf: den Deutschen, der vom Jude-Sein träumt, die Rassistin, die arabische Männer untenrum erzieht, die eiskalte Geschichtenklauerin, die psychisch gestörte Bloggerin, der man doch helfen müsste […]

Read On My Dear, Read On., „Dunkle Briefe“, 16. Januar 2018

Ich hatte sogar auf den Beitrag kommentiert, leider sind die Kommentare nicht erhalten geblieben (manches vergisst das Internet eben doch). Im Grunde schrieb ich so etwas wie „Ihre Lebensgeschichte ist eben sehr weitläufig, ich kann verstehen, dass jemand daran zweifelt“. Eben weil ich es nachvollziehen konnte. Denn auch wenn ich an den Grundpfeilern ihrer Geschichten nicht zweifelte, war an vielen stellen klar, dass die Wahrheit zumindest dramatisiert aufgeschrieben worden war. Ich erinnere mich noch, dass ihre Antwort sehr eingeschnappt formuliert war, ob denn im Internet jetzt jeder für alles Nachweise bräuchte und wie könnte ich nur. Nach ihrer Antwort habe ich mich recht lange ziemlich schlecht gefühlt, denn offenbar hatte ich sie verletzt.

Letztendlich gab es weder die jüdische Großmutter noch die Slum-Klinik in Indien, noch die Aufklärungssprechstunde für männliche Flüchtlinge.

Kurz bevor der Artikel auf Spiegel Online (hinter einer Paywall) erschien, schrieb sie folgendes:

Seit seinem Bestehen, also seit 2013 war und ist dieses Blog ein literarisches Projekt. Es fiktionalisiert und literarisiert, es beschreibt und umschreibt, es setzt exemplarische Beispiele und hofft so die Welt auch noch einmal ganz anders sichtbar zu machen. Der Ich-Erzähler ist ein unzuverlässiger Erzähler und wie alle Literatur hat es nicht das Anliegen, die Wirklichkeit originaltreu wiederzugeben. Dieses Blog findet und erfindet, lässt aus, vermischt Fakten mit Fiktion, und war zu keinem Zeitpunkt eine Chronik oder ein Versuch schlüssiger Biographik, sondern immer nur der Versuch zu erzählen. Dieses Blog ist keine Autobiographie oder eine Selbstbeschreibung, sondern immer allein der Versuch literarisch zu Stimmen und Stimmungen zu finden. 
Marie Sophie Hingst 

Read On My Dear, Read On., „Literatur und Leben“, 25. Mai 2019

Diese Taktik kenne ich von einem anderen Ort im Internet: YouTube. Wenn dort einer kritisiert wird, weil er fremde Menschen gegen ihren Willen in sein Video hineingezogen hat, wird das Prank-Video plötzlich zu einem Social Experiment umgemünzt. Marie versucht denselben Trick: Das war doch von Anfang an ein fiktionalisiertes literarisches Projekt. Sie habe hier nie behauptet, dass das ihre Lebensgeschichte sei.

Hat sie aber eben doch, ob in ihrem Blog, in Zeitungsartikeln, Radiointerviews oder Preisverleihungen. Denn ja, sie wurde tatsächlich vom Goldenen Blogger zum „Blog des Jahres 2017“ gekürt.

Besonders schwer wiegt natürlich, dass sie versuchte ihre christliche Familie in eine jüdische umzumünzen. Selbst im oben bereits zitierten Beitrag lässt sie es sich nicht nehmen, ihre zusammenfantasierte jüdische Herkunft zu betonen.

Das Leben anderer Menschen anzugreifen, zu verhöhnen und zu verleumden, ist nämlich keine Spielerei, kein Tändeln und die jüdische Erfahrung sagt: die Lüge und die Verleumdung ist niemals Spaß, sondern immer bitterer Ernst.

Read On My Dear, Read On., „Dunkle Briefe“, 16. Januar 2018

Diese jüdische Erfahrung brachte sie übrigens dazu, 22 Antragsformulare für Archiveintrage bei Yad Vashem, der internationalen Holocaust-Gedenkstätte einzureichen. Kein einziges davon war für einen Juden, die meisten Personen existierten nicht einmal.

Ich verstehe ganz ehrlich nicht, warum man im Internet eine völlig neue Identität annehmen möchte. Natürlich bin ich hier auch nicht der gläserne Bürger, ich lasse auch Sachen aus, aber bei allem, was hier steht, dürft ihr davon ausgehen, dass es wahr ist. So, wie es, außer bei klaren rein-literarischen Projekten, sein sollte.

3 Gedanken zu „Die Sache mit der Authentizität.

  1. Wolfgang Feige sagt:

    Liebe Claudia, ich lese deinen Blog gern (außer manchmal ein bisschen viel Reisebeschreibungen), Bloggen ist halt ein weites Feld wie Journalismus und Literatur auch und hat viele Genres und Subgenres. Übrigens heißt das Wort „Authentizität“.
    Wolfgang

    • Claudia sagt:

      Hallo Wolfgang, natürlich gibt es die verschiedensten Blogs. Natürlich kann man auch erfundene Geschichten aufschreiben, keiner hält einer J. K. Rowling vor, überhaupt keine Hexe zu sein. Bei Frau Hingst wurde aber an allen Ecken und Enden explizit gesagt und suggeriert, dass ihre Geschichten zwar literarisch verdichtet sind, aber die Realität abbilden. Und sobald sie das ganze aus dem Blog in die „reale Welt“ brachte, war die Grenze sowieso überschritten.
      Bei meinen Reiseberichten kannst du dir immerhin sicher sein, dass ich wirklich an den Orten war, die ich beschreibe. 😉

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