Warum ich nicht nach Kyoto fahre.

Die erste Stadt außerhalb der Metropolregion Tokyo, die ich besuchte, war Kyoto. Nach meiner Hochzeit 2011 waren wir mit meinen Eltern, meinen Schwiegereltern und meiner Schwester noch einmal dort. Kyoto war beide Male wirklich schön, voller Kultur und Dingen zu tun.

Eigentlich wollte ich vor etwa zwei Jahren mal wieder nach Kyoto fahren, kaufte sogar einen Reiseführer – und entschied mich letztendlich dagegen.

Kyoto ist mir einfach zu voll. In den letzten Jahren ist die Anzahl der Besucher unglaublich gestiegen. Vor allem immer mehr ausländische Touristen zieht es in die historische Stadt, sie gehört inzwischen zum Standardprogramm. Bei meinem ersten Besuch 2010 waren es noch etwa eine Million ausländische Besucher, die in Kyoto übernachtet haben. Im Jahr 2017 waren es bereits über dreieinhalb Millionen. Während des gleichen Zeitraums hat sich die Gesamtzahl der übernachtenden Touristen um etwa 50% erhöht. 2017 besuchten etwa 36-mal so viele Touristen (ca. 53,6 Mio.) Kyoto, wie dort Menschen leben und drängelten sich an den historischen Wahrzeichen der Stadt (die natürlich auch das wären, was ich gern noch einmal sehen würde).

Fotos von 2011 von meinem Vater

Kyoto ist keine riesige Stadt wie Tokyo, die solche hohen Besucherzahlen ohne Probleme auffangen kann und selbst in der Hauptstadt wird es manchmal eng. Während die Leute in Tokyo vor allem hohe Gebäude sehen wollen, zieht sie das wunderschöne traditionelle Stadtbild nach Kyoto. Das bedeutet aber auch, dass die Straßen schmal und die Gegenden eng bebaut sind. Da kann es schnell passieren, dass man Angst hat zwischen den ganzen Touristen in einer engen Gasse stecken zu bleiben. Auch die Einwohner Kyotos sind nicht ausnahmslos über den Tourismusboom erfreut, man beschwert sich z.B. über den Müll, den die vielen Touristen hinterlassen. Den japanischen Begriff für Overtourism, Kankō Kōgai (観光公害), der sich mit „Tourismusverschmutzung“ übersetzen lässt, hört man in dem Zusammenhang immer öfter.

Danach befragt, was japanische Touristen an ihrem Urlaub in Kyoto schade fanden, antworteten 17.1% (von den 46% der Befragten, die überhaupt etwas zu bemängeln hatten), dass die Stadt zu voll sei um sie in Ruhe zu genießen. Eine Beschwerde, die ich persönlich gehört habe, war, dass die Busse unglaublich überfüllt sind und oft keine Kapazitäten mehr hatten, die Leute also an der Haltestelle auf den nächsten Bus warten mussten. Außerdem beschweren sich 14% über die Manieren der ausländischen Touristen und der (auch japanischen) Verkehrsteilnehmer.

Tatsächlich sinkt die Zahl der japanischen Touristen seit kurzem leicht, was von den ausländischen Touristen nicht komplett aufgefangen werden kann, auch wenn ihr Anteil an der Gesamttouristenzahl steigt. Das Problem ist natürlich, dass ausländische Touristen wankelmütige Wesen sind, die entweder aufgrund einer Naturkatastrophe (in Japan gibt es Erdbeben, Taifune und Vulkanausbrüche!) oder einfach wegen abnehmendem Interesse ganz schnell ausbleiben können. Wenn die japanischen Touristen dann aber keine Lust mehr auf Kyoto haben, stehen die vielen neu gebauten Hotels (die natürlich die Landpreise nach oben getrieben haben) plötzlich leer.

Es liegt also durchaus im Interesse Kyotos, die japanischen Touristen zurückzuholen. In den letzten Monaten behandelten dann auch auffällig viele Reisemagazine Kyoto, konnten mich aber nicht überzeugen.

2011 war ein wirklich leeres Jahr, weil die ausländischen Touriste ausblieben

Ich habe nämlich weder Lust mich durch Menschenmengen zu schlängeln, noch danach darüber zu schreiben. Denn seien wir mal ehrlich, wenn ich schöne Fotos von Kyoto mache (auf denen es natürlich viel leerer aussieht) und darüber schreibe wie toll die Stadt ist, promote ich sie damit. Das hat Kyoto erstens schon längst nicht mehr nötig und zweitens macht diese kostenlose Werbung für die Stadt vonseiten auch der großen Reiseblogger die Situation nur schlimmer.

Tatsächlich versuche ich mit diesem Blog auch, Alternativen für den eigenen Urlaub aufzuzeigen. Zwar kommt meine Vorliebe für unbekanntere Präfekturen hauptsächlich daher, dass ich nicht auch noch im Urlaub von unglaublich vielen Menschen umgeben sein möchte, aber ich hoffe auch immer, dass einige meiner Leser sich eine von ihnen näher anschauen und vielleicht in ihre Reiseplanung miteinbeziehen.

Wenn Kyoto endlich wieder leerer wird, ob die Chinesen dann endlich ein anderes Reiseziel gefunden oder die Japaner einen touristischen Bannkreis um die Stadt gezogen haben werden, wäre ich aber sofort wieder da. Kyoto ist wunderschön – was natürlich der Startpunkt dieser ganzen Misere ist. 😉

(P.S.: Man kann natürlich auch in Kyoto seine Route so anpassen, dass man in der Stadt nicht von anderen Touristen zerquetscht wird. Es gibt viele schöne Orte, die noch relativ unbekannt sind. Aber erstens möchte ich wirklich gern mal wieder zum Kiyomizudera und zweitens will ich nicht um andere Touristen herumplanen müssen. Dafür ist mir mein Urlaub zu schade.)

(P.P.S.: Wir fahren zur Golden Week übrigens nach Yamaguchi in der Nähe von Hiroshima. Da ist es nämlich leer.)

(Datenquelle: 京都観光総合調査 平成29年(2017年)1月~12月 )

23 Gedanken zu „Warum ich nicht nach Kyoto fahre.

  1. zoomingjapan sagt:

    In Kyoto war zu gewissen Zeiten schon immer viel los.
    Ich bin so, so froh, dass ich Kyoto genießen konnte, bevor dieser irre Ansturm an Touristen angefangen hat. 🙂
    Ich war ziemlich oft in Kyoto, auch mit Freunden und Familie, aber man hat schon gemerkt, dass es jedes Jahr noch mehr Touristen waren.

    In Kyoto außerhalb der Stadt gibt es viel zu sehen und das ist zum Glück nicht so überlaufen. 🙂

    • Claudia sagt:

      Das ist wirklich seitdem du nicht mehr in Japan wohnst keinen Deut besser geworden. 🙁 Ich finde es halt super schade, wenn ich mich bei einer Reise stark einschränken muss, weil die Stadt so überrannt ist.

      • zoomingjapan sagt:

        Ja, leider … aber zum Glück gibt es genug Orte, in Japan, die auch sehr schön sind aber einfach noch nicht so bekannt, dass sie überlaufen wären. 🙂

        Übrigens viel Spaß in Yamaguchi!!! 😉

  2. Tatjana sagt:

    So geht es mir mit Neuschwanstein 😉 Es ist von mir aus nur 1,5 Stunden weit weg, aber es reicht, wenn ich alle 10 Jahre mal hinfahre, da dort einfach unglaublich viele Touristen sind.
    Viele Grüße nach Japan!
    Tatjana

  3. Klaus sagt:

    Ich sehe das eigentlich so ähnlich, war aber vor 2 Wochen doch wieder mal einen Tag in Kyoto, nachdem ich in Kobe einen Tag Leerlauf hatte. Nachdem ich es bei vielen Besuchen nie geschafft hatte, den Philosophenweg zu laufen, habe ich das gemacht und war überraschenderweise so ziemlich alleine unterwegs. Man muß sich einfach nur die Tempel/Schreine aussuchen, die im Reiseführer nicht als die Top-Ziele gekennzeichnet sind. Kinkaku-ji ist natürlich kein Vergnügen, wenn man nicht auf chinesische Touri-Gruppen mit Selfie-Sticks steht.

    • Claudia sagt:

      Es gibt sicher noch relativ leere Ecken, aber wenn ich schon nach Kyoto fahren würde, hätte ich gern die Möglichkeit mir alles anzusehen ohne mich selbst einschränken zu müssen.

  4. Holger DRechsler sagt:

    In Europa scheint es in Amsterdam am schlimmsten zu sein, wo übers Wochenende auch viele Leute mit der Bahn anreisen, um sich dort vollaufen zu lassen. Und trotzdem macht die Bahn viel Werbung damit, wie schnell man in Amsterdam ist. Die Folgen für die Amsterdamer interessieren die Bahnmanager eben nicht.

    • Claudia sagt:

      Amsterdam hat inzwischen aber auch schon sehr viel getan um das Problem in den Griff zu bekommen. Die Wochenendtouristen sind denen sicherlich ein Dorn im Auge, aber immerhin versucht man die Menschen nicht direkt auf die Innenstadt loszulassen, wenn sie von ihren Kreuzfahrtschiffen kommen.

  5. Andreas sagt:

    Hallo!
    Ich war 2008 dort. Natürlich war es auch voll, aber ich habe die öffentlich Verkehrsmittel gemieden und bin fast ausschließlich zu Fuss gegangen. Es war erträglich möchte ich sagen.
    Einen Tag dann auch in Nara.
    Aber ja, Nagasaki und auch Kagoshima haben mich neben Amami Oshima am meisten beeindruckt. Da konnte man auch eine gewisse Gelassenheit spüren. Liegt vielleicht aber auch an der Mentalität der Menschen dort?!
    LG, Andreas.

    • zoomingjapan sagt:

      2008 war es auch wirklich noch erträglich. Es hat sich seitdem wirklich drastisch geändert. 🙁

      Kyushu hat viele schöne Ecken und ja das liegt teilweise an der Mentalität der Menschen, aber das findest du vielerorts in Japan auf dem Land – nicht nur dort. Noch mehr Gelassenheit wirst du auf den kleineren Inseln von Okinawa finden. 🙂

  6. Saskia sagt:

    Ohhh, ganz viel Spaß in Yamaguchi. Als ich in Hiroshima studiert habe, hatte ich das Glück eine Woche lang quer durch die Präfektur Yamaguchi reisen zu können. Das war richtig schön. In Kyoto war ich damals auch und ziemlich schockiert, wie voll es dort selbst im November war.
    Liebe Grüße aus Hannover
    Saskia

    • Claudia sagt:

      Wir sind ganz gespannt, wir haben die Präfektur nämlich ausgesucht weil dort eben nicht so super viel los ist. Schöne Ecken gibt es trotzdem, und diesmal nehmen wir auch ein Handtuch mit, damit ich spontan baden gehen kann. 😀

  7. Anika sagt:

    2006 war mir Kyoto schon zu voll (ca. Sakura-Blüte), aber arbeitsbedingt muss ich ab und zu hin..

    Yamaguchi steht aufgrund der vielen Gärten ganz oben auf meiner „ich will dahin Liste“ aber auch leider ziemlich weit oben auf der „kann ich mir nicht leisten Liste“…
    Irgendwann…

  8. tabibito sagt:

    Verstehe das. Kann aber wirklich die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr empfehlen – waren vom 26-28 Dezember letzten Jahres zum ersten Mal seit Ewigkeiten in Kyoto, und es war relativ angenehm. Relativ, wohlgemerkt. Und zum Glück gibt es ja auch ein paar stille Ecken in der Stadt. Bereut habe ich den Abstecher jedenfalls nicht.

  9. Pubea W. Jaksarn sagt:

    Vielen Dank für deinen tollen Blog, er ist eine unterhaltsame und interessante Quelle für Recherche für mein Buch und macht so Lust auf Reisen, zumindest in Gedanken, solange man das Budget noch nicht hat. Gerade die persönlichen Eindrücke sind am spannendsten!
    Viele Grüße, Pubea

  10. Christian sagt:

    Leider verstehe ich, was Du meinst. Ich war vor zwei Jahren das erste Mal in Kyoto, letztes Jahr erneut und nächsten Monat noch einmal. Japan wird tatsächlich mittlerweile immer mehr von Touristen überrannt und mind. bis Ende 2020 zu den Olympischen Spielen wird das auch noch mehr werden und vermutlich danach auch nicht wesentlich abnehmen (wenn überhaupt).
    In dem einen Jahr nach meinem ersten Japanurlaub hat sich Japan erheblich touristisch weiterentwickelt (z.B. Durchsagen in Zügen mittlerweile in 4 Sprachen), d.h. Japan öffnet sich immer mehr, den Touristen wird es leichter gemacht sich in dem Land zu bewegen und die Abschottung, die Japan früher hatte, gibt es schon (fast) nicht mehr. Also es wird wohl mehr mehr als weniger, wodurch leider der Charakter und die Traditionen in dem Land leiden / weniger werden.
    Der Kiyomizu-dera wird seit über einem Jahr bereits renoviert und es soll noch ein paar weitere Monat dauern, dass immer Teile des Tempels eingehaust sind (auch Vorbereitung für 2020).
    Bei diesem Tempel ist es natürlich am extremsten mit den Menschenmassen, weil dort nur ein paar enge Gassen hochführen und der auf jeder Bustour angefahren wird. Da hilf nur ganz früh oder ganz spät dort auftauchen, wenn die ganzen Tagestouristen nicht dort sind, wobei das mittlerweile in sehr vielen Ländern und Orten so ist.
    Allerdings gibt es in Kyoto viele viele Tempel, die in wenigen Reiseführern stehen, z.B. wenn man vom Ginkaku-ji (der selbst ist natürlich auch ein Touristenziel) in den Süden Richtung Kiyomizu-dera läuft: Hōnen-in Temple (schön ruhig und etwas versteckt im Wald), Eikando Temple, Nanzen-ji, … . Es gibt auch noch viele Plätze abseits der typischen Touristenrouten (Murin-an Garten mit Teehaus), Daikaku-ji Tempel, Otagi Nenbutsuji Temple die lohnenswert sind.
    Was ich aber auch in Kyoto erlebt habe ist, dass neben den vielen ausländischen Touristen auch sehr viele Schulklassen und Japaner die Traditionen in Kyoto pflegen und dort die Tempel besuchen, was natürlich auch historisch bedingt ist, weil Kyoto zum Glück eben wegen dieser historischen und kulturellen Bedeutung im Weltkrieg verschont wurde.
    Und genau wegen diesem noch immer vorhandenen traditionellen Flair ist Kyoto natürlich ein Anziehungspunkt für viele Touristen und ich hoffe, dass dieses Flair trotz der vielen Touristen auch so bestehen bleibt.

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