„Die Japaner haben keinen Urlaub.“

Letztens wunderte sich in den Kommentaren jemand, dass ich noch Urlaubstage hatte, die ich verpulvern wollte. Wenn man an die japanische Arbeitskultur denkt, denkt man schnell an lange Tage und kurzen Urlaub: Wenn der Japaner frei hat, dann nur wenige Tage im Jahr, und wenn er sich mal länger am Stück freinehmen kann, besucht er in acht Tagen sechs europäische Länder. Das Klischee ist natürlich übertrieben, aber ein Fünkchen Wahrheit steckt schon drin.

Wie viel Urlaub bekommt man in Japan?

Gesetzlich festgelegt ist ein Minimum von zehn Urlaubstagen im ersten Arbeitsjahr, was sich Jahr für Jahr steigert, bis der Arbeitnehmer letztendlich 20 Urlaubstage im Jahr nehmen kann. In vielen Firmen bekommt man aber mehr, plus Urlaubstage, die man im Sommer in Anspruch nehmen kann (drei bis fünf Tage). Wenn man dann noch bedenkt, dass Japaner im Jahr 15 Feiertage haben, sieht es mit unserem Urlaub eigentlich gar nicht so mager aus.

Was in Japan nicht so entspannt geregelt ist: Anspruch auf Krankheitstage. Für so etwas wie Migräne-Tage verbraucht man in den meisten Firmen seinen bezahlten Urlaub. Wenn das Kind krank ist oder man sich um Verwandte kümmern muss, gilt das auch. Eine Mitarbeiterin von mir hatte in ihrer letzten Firma keinen Urlaub, weil sie sich um ihre Tochter kümmern musste.

Bei mir auf Arbeit ist das zum Glück anders geregelt, ich könnte jedes Jahr dreißig Tage durch Krankheit ausfallen.

Warum nehmen Japaner keinen Urlaub?

Durchschnittlich werden nur knapp 50% der in einem Jahr vergebenen Urlaubstage auch genommen. Im Einzelhandel ist es sogar nur etwas mehr als ein Drittel. Der Rest der Urlaubstage staut sich zwar an, verfällt aber auch irgendwann.

Warum also verfällt rund die Hälfte der Urlaubstage?

  • Weil man sich nicht traut, freizunehmen. Wenn alle anderen auch immer da sind, erscheint das irgedwann normal.
  • Es gibt zu viel zu tun und zu wenige Arbeiter. Natürlich möchte niemand der sein, der sich freigenommen hat, als auf Arbeit gerade die Hölle los war.
  • Wenn man sich freinimmt, bleibt die eigene Arbeit liegen, und man muss nach dem Urlaub plötzlich doppelt so hart arbeiten. Das mit der Urlaubsvertretung ist in Japan noch nicht angekommen.
  • Weil es einem die Firma teils nicht leicht macht. Bei meinem alten Job war die Frage immer „Warum musst du dir freinehmen?“ und „Weil ich will“ war nie gut genug.

Letztendlich ist es einfach eine kulturelle Frage. Dabei geht es nicht einmal nur um Japan gegen Deutschland, sondern um die Firmenkultur: Nimmt sich mein Vorgesetzter frei? Freut man sich für Kollegen, die länger in den Urlaub fahren? Verstehen es alle, wenn man mal für zwei Wochen nicht erreichbar ist?

Mein Mann konnte sich in seinem vorherigen Job auch nur sehr schwer freinehmen. Mein Schwiegervater hat nur sehr selten Urlaub. Wo ich arbeite, werden jedes Jahr 85% des Urlaubs auch genommen.

Die Haltung gegenüber Urlaub finde ich in Japan schrecklich. Kein Wunder, dass viele nicht viel von der Welt gesehen haben – Wann denn auch? Ich finde es auch unmöglich, dass in Japan viele ihren Urlaub nutzen müssen, um gesund zu werden. Leider sieht man ziemlich viel Werbung für Medikamente mit Slogans wie:

風邪でも絶対に休めないあなたへ
Für dich, der du dir auch mit einer Erkältung auf keinen Fall freinehmen kannst.

Vor einigen Jahren gab es eine Werbung für Shampoo, das dabei helfen sollte, das Haar schneller zu trocknen. Die Prämisse war, dass man zu spät von der Arbeit nach Hause kommt, und das Haarewaschen den sowieso sehr knappen Schlaf noch weiter verkürzen würde. Der Slogan war so etwas wie:

起きるまで後4時間しかない!
Nur vier Stunden bis zum Aufstehen!

Viel zu arbeiten wird in Japan einfach stark glorifiziert, was einen Normzustand hervorruft, der für Europäer weit von der Norm entfernt ist.

Übrigens: In den USA gibt es nicht einmal einen gesetzlich geregelten Mindestanspruch auf bezahlten Urlaub. Es ist immer noch Raum nach unten.

Frisch vom Fischmarkt: Austern.

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit lassen Büros noch einmal das Jahr Revue passieren und unternehmen etwas zusammen. In Japan ist es die Zeit der Bōnenkais (忘年会), was ich immer ganz lapidar als Jahres-End-Feier übersetze, aber eigentlich „das Jahr vergessen-Treffen“ heißt. Man trinkt Alkohol.

Zwar habe ich auf Arbeit eigentlich kein Team, dem ich angehöre (ich bin direkt unterm Chef, genau wie die drei Team-Manager), aber trotzdem lädt mich eines der Teams jedes Jahr ein. 🙂 Dieses Jahr fuhren wir zuerst gemeinsam zur Ginkgo-Straße, darüber werde ich ein andernmal schreiben, und dann zum Fischmarkt Tsukiji (築地).

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Der Fischmarkt an sich hat nur bis zum frühen Nachmittag geöffnet, weswegen die Gegend auf den ersten Blick sehr ausgestorben aussieht. Wenn man aber in eine der Seitenstraßen abbiegt, sieht man beleuchtete Schilder von Sushi-Restaurants und auch das des Kakikoya (カキ小屋), unserem Ziel für den Abend.

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Der Grund, warum man sich für dieses Restaurant entschieden hatte, war das Ganganyaki (ガンガン焼き), welches ihr im mittleren Bild sehen könnt. Allerlei Meeresfrüchte werden dafür in einer metallenen Kiste gekocht, bis sie gar sind. Weil das Getier natürlich heiß ist, bekamen wir alle einen Handschuh und einen Plastikhandschuh. Mit der behandschuhten Hand nimmt man dann z.B. eine Auster aus dem Behältnis und öffnet sie. Wirklich lecker! 🙂

Neben Meeresgetier gab es auch noch Salat und zum Schluss Eintopf mit Gemüse, Pilzen und Nudeln. Wir waren auf jeden Fall pappsatt. Pro Person hat uns der Spaß etwa 5400¥ (ca. 40,40€) gekostet, was für die Menge und Qualität absolut in Ordnung war.

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Vor allem am Freitag und am Wochenende sollte man sich aber sowohl hier, als auch bei den umliegenden Sushi-Restaurants, einen Tisch reservieren, denn es wird voll.

カキ小屋 東京都中央区築地 4-10-14
Kakikoya Tsukiji 4-10-14, Chuo-ku, Tokyo

Abschied, die 234092349.

Ihr wisst, die einzige wirklich Konstante in meinem Leben sind Abschiede. Das ist natürlich etwas melodramatisch formuliert, denn in Wirklichkeit habe ich auch seit sechs Jahren dieselbe Handynummer und einen Mann und seit bald 28 Jahren eine Familie (7,75 Jahre Abzug für meine Schwester). Aber ihr wisst, was ich meine. 😉

Heute war es wieder soweit. Eine liebe Mitarbeiterin hört nach fast fünf Jahren auf. Sie hat eine ähnliche Position wie ich, Executive Assistant (oder halt: Vorstandsassistentin), nur, dass sie das viel besser kann als ich. Vieles habe ich von ihr und anderen Assistentinnen gelernt, wir waren zusammen mit anderen Mitarbeiterinnen, die inzwischen auch nicht mehr hier sind, im Disneyland. Wir haben zusammen bei Charity Events mitgeholfen. Letztendlich gipfelte all das in einem schönen Mittagessen bei einem teuren Restaurant in der Nähe der Firma.

Zu fünft hatten wir einen Tisch reserviert, es gab Rind und Geschichten. 🙂

Sie: „Letztens hat $V1 sich bei mir bedankt!“

Chefsassistentin: „Der kann sich bedanken?“

Sie: „Ja, ich fand das auch ganz gruselig. Seine Mundwinkel zogen sich ganz gequält nach oben.“

(Großes Gegacker)

So weiter ging es über unsere jetzigen Chefs, alte Chefs, was sich verändert hat. Sie hatte vor einiger Zeit ihren alten Chef im asiatischen Ausland besucht.

„Er war noch viel energiegeladener, als ohnehin schon. Entweder hat das koreanische Essen ihm noch mehr Energie gegeben, oder ich war es schon gar nicht mehr gewohnt. Diese Positivität hat mich wie ein Schlag getroffen.“

Sie hatte einen unglaublich guten Draht zu ihrem alten Chef, auch wenn sie sich immer mal beschwerte. Man arbeitet halt zusammen, da läuft nicht immer alles rund. 🙂

Bei uns Assistentinnen ist es oft so, dass wir eine Sonderstellung in einer Abteilung einnehmen. Wir haben nicht wirklich unsere eigenen Aufgaben, sondern unterstützen nur nach Bedarf. Viele Dinge können die übrigen Mitarbeiter gar nicht, ob es darum geht Dienstreisen, Meetings außerhalb des Büros oder Übersetzer zu organisieren. Diese Leute können einem also nicht wirklich helfen, weswegen man sich in haarigen Situationen an die anderen Assistentinnen wendet.

Das sind unsere Verbindungen zu den anderen Abteilungen, und mit einigen Assistentinnen hat man wirklich viel zu tun. Wenn in der Abteilung etwas einfach nicht läuft, hat man diese kleine Gemeinschaft von Leidensgenossinnen, die einen verstehen und Tipps geben können.

Es ist schade, wenn dieser Kreis kleiner wird, aber diese Mitarbeiterin kommt uns nicht wirklich abhanden, denn ihr neues Büro ist ganz in der Nähe. 🙂

Fließend?

Diese Woche hatte einer meiner Vorgesetzten ein Vorstellungsgespräch mit einem Bewerber – oder eher der Bewerber mit ihr. Weil ich natürlich etwas neugierig war, habe ich mir die Bewerbung angesehen. Darauf stand, dass der (nicht-japanische) Bewerber vor über einem Jahrzent den jetzigen JLPT N2, also die zweitschwerste Stufe des Japanischtests für Ausländer, bestanden hatte. Außerdem hatte er direkt dahinter geschrieben, er sei „fluent“, also „fließend“. Ich war folglich schwer beeindruckt.

Für mich selbst nehme ich nicht in Anspruch, fließend Japanisch zu sprechen. Zwar habe ich im Alltag absolut keine Probleme, und auf Arbeit wurde ich schon mehrmals gefragt, welcher meiner Elternteile denn eigentlich der japanische sei, aber so richtig 100% perfekt ist es nicht. Ich würde gern besseres Japanisch sprechen. Mit mehr Adjektiven und weniger Verbesserungen von meinem Mann.

Vielleicht will ich mich auch nicht überschätzen. Wenn man sich selbst ganz oben verortet, ist die Fallhöhe recht groß. Wenn ich tatsächlich von mir selbst annehmen würde, perfektes Japanisch zu sprechen, wäre es mir verdammt peinlich, wenn ich mal wieder Silben vertausche* oder nachfragen muss. So ist es mir übrigens auch peinlich. 😉 Zum Glück mache ich auf Deutsch nie Fehler oder verspreche mich. Nie!

* Vor einigen Wochen sagte ich zu meinem Mann statt 広島楽しみ!(Hiroshima tanoshimi!; Ich freu mich auf Hiroshima!) ひろしみたのしま! (Hiroshimi tanoshima!)… Jetzt fragt er mich mindestens einmal täglich, ob „Hiroshimi tanoshima?“

Nach dem Vorstellungsgespräch sprach ich kurz mit meiner Vorgesetzten, und meinte, dass das Japanisch des Bewerbers sicher total toll war.

Sie: Nicht wirklich. Auf einer Party ginge sein Japanisch sicherlich klar, auch wenn man mit ihm zusammen essen gehen würde – aber zum Arbeiten? Nein.

Das ist nämlich auch noch mal ein Unterschied, vor allem auf Japanisch. Höflichkeitssprache muss man stumpf pauken, Etikette auch. Sich mit Freunden zu unterhalten ist Welten davon entfernt, mit einem möglichen Geschäftspartner zu reden.

Ab wann würdet ihr euch eigentlich als „fließend“ bezeichnen? Wenn es um Englisch geht, habe ich da nämlich gar keine Probleme, aber Japanisch…