Filmzeit: Die rote Schildkröte.

Ausnahmsweise mal ein Filmzeit über einen Film, der nicht unglaublich japanisch ist. “La Tortue Rouge” wurde in Japan als neuster Film von Studio Ghibli beworben, was etwas irreführend ist. Ghibli co-produzierte den Film zwar, im Abspann fanden sich aber geschätzt fünf japanische Namen. Wie ich den Film fand, könnt ihr trotzdem hier lesen. 😉

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©東宝

Regisseur: Michaël Dudok de Wit

Ein Mann wird in einem Sturm auf eine von Menschen unbewohnte Insel gespühlt. Zwar gibt es auf der Insel alles, was er zum Überleben braucht, doch er baut sich ein Floß um zurück in die Zivilisation zu gelangen. Als er mit dem Floß auf dem offenen Meer ist, wird dieses jedoch von einer riesigen roten Meeresschildkröte zerstört. Nach mehreren vereitelten Versuchen kommt die Schildkröte auf die Insel und verwandelt sich in eine Frau.

Persönliche Meinung: Der Film hat keinen Dialog, was ich ganz spannend fand. Man könnte denken, dass ein Film ohne Sprache langweilig werden würde, das ist aber absolut nicht der Fall. Die Zeichnungen waren unglaublich schön, und die Geschichte selbst war voller Glück und Zuversicht. Es gab nur einige Dinge, die meinem Mann und mir etwas komisch vorkamen: Erstens baut der Mann nie einen Unterschlupf, und ist somit dem Wetter ausgesetzt, und zweitens war uns nicht ganz klar, warum die rote Schildkröte mit dem Mann leben wollen würde. Ich würde den Film dennoch jedem empfehlen. Nur bitte geht nicht hinein und denkt, ihr würdet einen Studio Ghibli-Film gezeigt bekommen.

Hiroshima, Teil 4: Friedenspark.

Am 6. August 1945 um 8:16 Uhr morgens explodierte die Atombombe “Little Boy” 600 Meter über Hiroshima. Ihr eigentliches Ziel war die Aioi-Brücke (相生橋), stattdessen traf sie ein Krankenhaus. Bis zu 80.000 Menschen, die sich in der Innenstadt aufhielten, starben sofort, ihre Schattenrisse in die umliegenden Häuser eingebrannt.

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Heute befindet sich in der Nähe des Abwurfsortes der Friedenspark (平和記念公園). Er wurde vom Architekten Tange Kenzō (丹下健三) geplant, und führt von der Friedensstraße (平和通) zur Atombomben-Kuppel (原爆ドーム). In dem Park befindet sich auch das Friedensmuseum Hiroshima (広島平和記念資料館), in dem Ausstellungsstücke zu sehen sind, die an den Horror des Atombombenabwurfes erinnern. Da mir allein schon in dem Park Tränen aufstiegen, ließen wir es aus.

Unter dem Bogen, den ihr auf dem oberen Bild sehen könnt, befindet sich ein Kenotaph mit den Namen der Atombombenopfer. Ein Kenotaph ist ein leeres Grab, mit dem an die Toten erinnert werden soll, welches aber keine sterblichen Überreste enthält. Sieht man durch das Monument hindurch, kann man die Friedensflamme sehen. Diese Flamme wird erst erlöschen, wenn es auf der Welt keine Atombomben mehr gibt. Leider sah der “Tage seit dem letzten Atomtest”-Counter am Friedensmuseum nicht sehr vielversprechend aus. Schließlich hatte man gerade erst in Nordkorea getestet.

friedenspark-2Die Atombomben-Kinder-Statue (原爆の子の像) zeigt Sadako Sasaki, die als Kind an Leukämie in Folge der Atombombenstrahlung starb. Als die Atombombe explodierte, war sie zwei Jahre alt und etwa zwei Kilometer vom Abwurfsort entfernt. Mit zwölf Jahren starb sie.

Im Krankenhaus begann sie Origami-Kraniche zu falten. Wenn man 1000 Kraniche faltet, hat man einen Wunsch frei. Deswegen trägt auch ihre Statue einen Origami-Kranich.

In den Glasboxen hinter der Statue befinden sich Reihen über Reihen von Kranichen, die von verschiedenen Schulen gefaltet wurden.

Leider ist nicht gesichert, ob sie über 1000 Kraniche faltete oder bei 644 aufhören musste. Im Museum steht wohl das eine, ihre Familie sagte das andere.

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Nur wenige Meter vom Explosionsort des “Little Boy” entfernt stand die Halle zur Förderung der Industrie der Präfektur Hiroshima (広島県産業奨励館), vom Tschechen Jan Letzel erbaut. Obwohl durch die Explosion alle sich im Gebäude befindlichen Menschen umkamen, blieb die charakteristische Kuppelkonstruktion erhalten. Deswegen heißt das Gebäude heute Atombomben-Kuppel. Als Mahnmal wird die Atombombenkuppel nicht instand gesetzt*, man verhindert lediglich den weiteren Zusammenbruch des Gebäudes.

* Anders als die Frauenkirche, die vor der kompletten Instandsetzung auf mich sehr viel eindrucksvoller wirkte.

Wenn man durch Hiroshima läuft, denkt man für gewöhnlich nicht an den Krieg. Natürlich, in Kure waren wir im Marine-Museum, und jeder verbindet Hiroshima irgendwie mit dem Krieg. Aber wenn man dort ist, und sich von der Schreininsel Miyajima oder dem Ort Onomichi hat verzaubern lassen, wirkt das alles unglaublich weit weg. Als ich dann im Friedenspark stand, fühlte ich mich, als hätte mir die Realität in die Magengrube geschlagen. Die Bitte nach 世界平和, Weltfrieden, auf den Wunschtafeln in den Schreinen wirkte plötzlich nicht mehr so abgedroschen.

Denn was könnte es Größeres geben als die Aussicht darauf, dass so etwas nie wieder geschieht?

Okayama: Kurashiki.

In der Präfektur zwischen Hiroshima und Hyogo, Okayama (岡山県), liegt Kurashiki (倉敷). Eigentlich war Kurashiki gar nicht in unserer Reiseplanung vorgesehen, aber von Onomichi aus war es nur ein relativ kurzes Stück, und wann kommt man schon mal nach Okayama? Eben.

Wir verbrachten also den Nachmittag in der Altstadt Kurashikis (倉敷美観地区), die durch ihre schwarz-weißen Lagerhäuser ein ganz besonderes Aussehen hat. Außerdem befindet sich in ihr das älteste Museum für französische Kunst in Japan, das Ōhara-Kunstmuseum (大原美術館). Nicht, dass wir es besucht hätten, aber das Museum sah von außen schon wirklich toll aus. 😉

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In den Häusern des Altstadtviertels befinden sich die verschiedensten Läden, von einem Laden, der nur Katzenzeugs verkaufte und ohne Scheiß Musik an hatte, in der “Freude schöner Götterfunken” mit miaus “gesungen” wurde, über viel Essen und zu Jeans aus Okayama. Nach dem Krieg wurden in der Gegend viele Jeansfabriken aufgebaut, und auch heute sind die Jeans aus Okayama scheinbar bekannt – ich wusste natürlich mal wieder von nichts.

Am bekanntesten ist der Blick über den von historischen Häusern gesäumten Fluss.

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Die Altstadt ist viel größer als Kawagoe (川越), mit vielen langen Straßen und einer alten Spinnerei, die jetzt als Hotel und Wedding Hall dient. Außerdem waren selbst am Wochenende nicht so unglaublich viele Besucher unterwegs, weswegen man nicht sich nicht ständig durch Menschenmassen schlängeln musste. Nur ziemlich heiß war es, aber wir haben uns einfach an das schreckliche Wetter in Tokyo erinnert und waren sofort wieder zufrieden.

Kurashiki ist auf jeden Fall mehr Sightseeing als über Geschichte lernen, aber richtig hübsch ist es wirklich. Einige Besucherinnen hatten sich sogar Kimono ausgeliehen um komplett stilecht durch die Kulisse zu wandeln. Leuten, die sowieso in der Nähe sind, würde ich einen Besuch auf jeden Fall empfehlen.

Hiroshima, Teil 3: Onomichi.

An unserem zweiten Tag in Hiroshima standen wir erst etwas später als geplant auf. Ich hatte in der Nacht unglaublich schlecht geschlafen, und war dementsprechend hervorragendst gelaunt. Zu meiner super guten Laune trug der Verlust meines Kindles nur bei. 🙁 Irgendwo in Hiroshima hatte ich es verloren, und obwohl wir am Bahnhof etc. nachfragten, tauchte es nicht wieder auf.

Aber man kann einen Urlaub nicht damit verbringen, sich zu ärgern. Deswegen stiegen wir in den Bummelshinkansen und landeten nach einmal Umsteigen in Onomichi (尾道).

Onomichi ist ein kleines Städtchen direkt am Seto-Inlandsee (瀬戸内海), welches die Hauptinsel Honshū (本州) von der erheblich kleineren Insel Shikoku (四国) trennt. Da die Stadt am Hang liegt, sieht man von so gut wie überall aus das blaue Meer. Das Grün der Bäume und die Bäume selbst wirken auch ganz anders als bei uns im kalten Tokyo. Was uns auch aufgefallen ist: In der Präfektur Hiroshima ist es nicht so unangenehm schwül wie in Tokyo. Deswegen war es trotz der vergleichsweise hohen Temperaturen nicht anstrengend, längere Zeit draußen zu verbringen.

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Uns beiden taten die Beine noch vom Vortag weh, weswegen wir gar nicht erst versuchten oben auf den Berg zu kommen. Stattdessen stiegen wir einfach in die Seilbahn und liefen dann wieder nach unten. Von oben aus hat man natürlich eine ganz andere Sicht auf die Umgebung. Man kann einzelne Inseln, über die die Shimanami-Kaidō (しまなみ海道), eine lange Straße, die Shikoku mit der Hauptinsel verbinden, führt, ausmachen. Und schwelgen. Wir hatten uns dafür mal wieder ein Café mit Ausblick ausgesucht, das Han’utei (帆雨亭).

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Das Café sieht aus wie eine alte japanische Wohnung, komplett mit Tatami und niedrigen Möbeln. Zu trinken gibt es die üblichen Verdächtigen, außerdem Matcha und Limonade aus Zitronen aus der Umgebung. Die Limonade kann man sich selbst nachsüßen, mein Mann fand das aber gar nicht nötig. 🙂 Wir hatten den Eindruck, dass der Laden von einer einzelnen älteren Dame geführt wird, was das “zuhause bei meiner japanischen Oma”-Gefühl noch verstärkt.

Auf Katzen trifft man in Onomichi auch immer wieder, es gibt sogar einen Katzenpfad (猫の細道) und ein Bergkatzencafé (やまねこカフェ). Wie man es an so einem Ort erwarten kann, sind die Katzen herrlich faul. Also noch fauler als die in Tokyo! Bewegen sich keinen Zentimeter von ihrem Dösplatz. 🙂

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Letztendlich erreichten wir den Fuß des Berges, huschten über die eher spärlich gesicherten Bahngleise und liefen wieder zurück zum Bahnhof.

Anders als auf dem Hinweg, liefen wir diesmal nicht direkt am Meer entlang. Die Sonnenstrahlen waren einfach zu stark und stechend geworden, also suchten wir ständig nach Schatten. Zum Glück findet man den in Onomichi aber sehr gut. Eine überdachte Einkaufsstraße mit hervorragend alten Läden brachte uns für den größten Abschnitt des Weges in Sicherheit.

An einigen Stellen wirkt Onomichi, als wäre die Zeit stehengeblieben. Gemüseläden mit Kochecke, damit die Besitzer zu Mittag essen können, gibt es hier noch.

Oft wurde jedoch schon modernisiert. Hübsche Cafés und Restaurants findet man ebenso, wie Läden mit Kleinkram (雑貨 Zakka).

Einen Besuch würde ich jedem ans Herz legen, denn Onomichi ist alt und neu, am Meer und auf dem Berg, und insgesamt einfach super entspannend. 🙂

Uns zog es nach unserem Ausflug nach Onomichi übrigens noch weiter von Hiroshima weg, aber dazu nächstes Mal mehr.