Bevor die Präfektur Shiga diesen Namen trug, hieß sie Ōmi (近江).
Als Verbindungspunkt zwischen Nara bzw. Kyoto – jeweils Hauptstädte Japans – und dem Osten und Norden des Landes galt lange: Wer über Ōmi herrscht, herrscht über das ganze Land.
In der Stadt Ōmi-Hachiman (近江八幡) standen ganze vier Burgen, von denen heute aber nicht mehr viel zu sehen ist. Die Burgstadt um die Burg Hachimanyama (八幡山城) ist aber in Teilen noch erhalten und bietet eine wunderschöne Atmosphäre.

In den adretten historischen Gebäuden befinden sich kleine Läden und Museen, und man kann sich im Burggraben langschippern lassen. Wir waren an einem Sonntagmittag dort und es war angenehm ruhig. Nicht so menschenleer, dass man sich Sorgen um die Gegend machen müsste, aber auch meilenweit entfernt von der erdrückenden Geschäftigkeit der Touristengebiete in Kyoto.



Am Fuße des Bergs Hachiman (八幡山 Hachiman-yama) steht der Himure-Hachiman-Schrein (日牟禮八幡宮 Himure-Hachiman-Gū). Dort wird seit langem der Gott Hachiman verehrt, weswegen der Ort erst diesen Namen erhielt und dann, als er 1954 zu einer Stadt wurde, Ōmi-Hachiman genannt wurde. Zu der Zeit befand sich im Süden des Landes eine andere Stadt mit dem Namen Hachiman, “Ōmi” wurde hinzugefügt, um die beiden voneinander unterscheiden zu können.
Dass man diese alten Regionsnamen zur Identifizierung dem eigentlichen Ortsnamen voranstellt ist in Japan recht häufig. Bei uns in Chiba gibt es einige Orte, die aus dem gleichen Grund mit “Shimōsa” (下総) beginnen.
Aber zurück zum Schrein: Der Legende zufolge erschienen bei einem Besuch des Kaisers im Jahre 275 zwei Sonnen im Himmel neben seiner Unterkunft. Um dieses verheißungsvolle Ereignis zu feiern, wurde an diesem Ort ein Schrein errichtet. Der Name Himure bedeutet ursprünglich “wo die Sonnen sich versammeln”.


Für die Größe der Stadt ist es ein wirklich großer und prachtvoller Schrein, was davon zeugt, wie reich diese Gegend einst war.
Auf den Berg Hachiman führen einige Wanderwege, man kann aber alternativ auch mit der Seilbahn nach oben fahren. Was wir natürlich taten.
Von oben hat man nicht nur einen tollen Ausblick über Ōmi-Hachiman, sondern auch über den größten See Japans, den Biwa-See (琵琶湖 Biwa-ko) der etwa ein Sechstel der Präfektur Shiga ausmacht.


Während von der Burg Hachimanyama (八幡山城 Hachiman-yama-jō), die einst auf dem Berg stand, nicht mehr viel übrig ist, ist der Zuiryūji-Tempel (瑞龍寺 Zuiryū-ji) gut erhalten. Kein Wunder, schließlich wurde er erst 1961 von Kyoto auf den Berg verlegt. Das ist ein Phänomen, dem man in Japan immer wieder begegnet: Ganze Gebäudekomplexe standen ursprünglich ganz woanders und wurden dann verlegt. Die Gründe sind vielfältig, vor allem im alten Japan ging es oft einfach darum, Geld für Baumaterialien zu sparen.
In diesem Fall war der Grund ein anderer. Der ursprüngliche Zuiryūji-Tempel war von Tomo (智), der älteren Schwester des bekannten Daimyō Toyotomo Hideyoshi (豊臣秀吉), gegründet worden. Ihr ältester Sohn, Hidetsugu (秀次), war von Hideyoshi, der keine eigenen Kinder hatte, adoptiert worden. Sie gerieten jedoch aneinander und Hidetsugu beging Selbstmord. Daraufhin wurden Hidetsugus Frau und seine Kinder hingerichtet und sein Vater – Tomos Mann – verbannt. Als einzige zurückgeblieben wurde Tomo Nonne und gründete den Tempel auf einem Stück Land im heutigen Saga im Süden Japans.
Später wurde er nach Kyoto verlegt, wo er im 18. Jahrhundert niederbrannte und im 19. Jahrhundert wieder aufgebaut wurde. 1961 wurde er dann auf den Berg verlegt, auf dem Hidetsugus Burg, die Burg Hachimanyama, einst stand. Man könnte sagen, dass die Mutter mit ihrem Sohn wiedervereint wurde.




Wenn man dann erst einmal genug von historischen Gebäuden, Schreinen und Tempeln hat, kann man einen kurzen Fußmarsch vom Fuße des Berges aus das La Collina erreichen.
La Collina ist eine Anlage der Süßwarenfirma Taneya (たねや), die ihren Hauptsitz in Ōmi-Hachiman hat. Von dort aus setzt sie sich seit langem für die Revitalisierung der Präfektur und eine ökologisch sauberere Produktion ein.
La Collina ist ein Taneya-Themenpark. In den großzügig angelegten Gebäuden kann man die verschiedenen Produkte der Firma – japanische und westliche Süßigkeiten – kaufen, verschiedenes essen und bei der Produktion von Baumkuchen zusehen. Außerdem befindet sich in der Mitte der Anlage ein Reisfeld und die Firma bemüht sich um eine Begrünung und Bewaldung der Umgebung.





Wir waren an einem Sonntag dort, und es war so voll, wie sonst nirgends während unseres Urlaubs in Shiga. Vor allem Familien mit Kindern waren zu Besuch, was ich komplett nachvollziehen kann. Ich glaube, unser Sohn hätte es auch geliebt – und nicht nur wegen der Süßigkeiten.
Das war er auch schon, unser erster von zwei Tagen in Shiga. Wir fuhren nur noch zu unserem Hotel in Ōtsu (大津) direkt am Biwa-See, aßen in einem Restaurant dort Abendessen und fielen ins Bett.
