Letztes Jahr verzeichnete die rechtsradikale Sanseitō (参政党; Politische-Teilnahme-Partei) bei der Oberhauswahl starken Zuwachs. Die u.a. mit der AfD verbandelte Partei hatte sich den Slogan “Japanese First” (日本人ファースト; bezieht sich ausdrücklich auf japanische Bürger) auf die Fahnen geschrieben und damit vergleichsweise gut abgeräumt. In ihrem Wahlprogramm fanden sich Perlen, die Björn Höcke wahrscheinlich Freudentränen bescheren würden.
Unsere Regierungspartei, die LDP (Liberal Democractic Party, bzw. auf Japanisch 自由民主党 Jiyūminshutō) bekam offenbar Muffensausen und versucht nun diese Wähler zu erreichen.
Seitdem geistern so schöne Phrasen wie 外国人対策 (Gaikokujintaisaku; Maßnahmen gegen Ausländer) durch die Presse und wir haben jetzt eine Ministerin für die Förderung einer geordneten Koexistenz mit Ausländern (外国人との秩序ある共生社会推進担当大臣 Gaikokujin to no Chitsujo aru Kyōsei Shakai Suishin Tantō Daijin).
Klar, Politiker reden viel, wenn der Tag lang ist. Der Wahlerfolg unserer Premierministerin scheint zu bezeugen, dass zumindest die Laberei funktioniert. Aber was wird konkret gemacht?
Die Aufenthaltsregeln werden strenger
Ich möchte euch keine detailierte Abhandlung der verschiedenen Aufenthaltsgenehmigungen für Japan schreiben, sondern beschränke mich auf die, bei denen sich etwas ändert.
Das Business Manager Visa (「経営・管理」ビザ Keiei Kanri Visa) ist für Menschen gedacht, die sich in Japan eine eigene Firma aufbauen und diese dann auch leiten möchten. Bisher musste man dafür fünf Millionen Yen (ca. 26.800 €) Kapital vorweisen. Dieser Betrag wurde letzten Oktober auf 30 Millionen Yen (ca. 160.000 €) versechsfacht. Gleichzeitig muss man nun auch mindestens einen Vollzeitangestellten haben, der entweder japanischer Staatsbürger ist oder eine unabhängige Aufenthaltserlaubnis hat.
Ein wiederkehrendes Thema sind auch neue Sprachanforderungen: Man muss Japanisch mindestens auf B1-Level des CEFR-Rahmens (JLPT N2 oder äquivalent) nachweisen oder einen Mitarbeiter haben, der diese Anforderungen erfüllt.
Außerdem sollen die Qualifikationen und das Geschäftskonzept genauer unter die Lupe genommen werden.
Das Business Manager Visa wurde in der Vergangenheit wohl tatsächlich oft illegalerweise für Briefkastenfirmen genutzt, um jemandem eine Aufenthaltsgenehmigung zu verschaffen. Dem wird nun auf dem Rücken von Besitzern von kleinen Firmen, wie z.B. Restaurants, ein Riegel vorgeschoben.
Personen, die mit dem sogenannten Gijinkoku-Visum (「技術・人文知識・国際業務」ビザ Gijutsu Jinbunchishiki Kokusaigyōmu Visa), das viele typische Schreibtischberufe unter sich vereint, in Japan sind und deren Arbeit Japanisch erfordert, müssen seit diesem April ihre Japanischkenntnisse nachweisen. Auch hier geht es wieder um ein B1-Sprachlevel.
Schon seit einigen Jahren ist Japan sehr streng, wenn es um das rechtzeitige Bezahlen von Steuern, Kranken- und Rentenversicherung geht, wenn man Permanent Residency (永住権 Eijūken) erhalten möchte. In Zukunft möchte man das auch auf unbezahlte Arztrechnungen ausweiten – Ein häufiges “Argument” der Rechten ist, dass Ausländer das japanische Gesundheitssystem missbrauchen würden.
Die Aufenthaltserlaubnisse werden teurer
Bisher war es relativ günstig, ein Visum oder einen Aufenthaltsstatus für Japan zu erhalten. Die Preise wurden letztes Jahr bereits etwas angehoben: Ein normaler Aufenthaltsstatus kostete 6.000 ¥ (ca. 32 €), Permanent Residency 10.000 ¥ (ca. 53 €).
Das wird sich wahrscheinlich dieses Jahr ändern. Ein entsprechendes Gesetz wurde bereits verabschiedet, die meisten Beobachter gehen davon aus, dass ein Aufenthaltsstatus je nach Aufenthaltsdauer zwischen 10.000 ¥ (ca. 53 €) für drei Monate und 70.000 ¥ (ca. 375 €) für fünf Jahre kosten wird. Permanent Residency wird wahrscheinlich auf happige 200.000 ¥ (ca. 1.070 €) angehoben.
Ich habe seit 2014 Permanent Residence und habe damals lediglich 8.000 ¥ (ca. 43 €) bezahlt. Das ist einfach mal nur 1/25 des neuen Preises.
Diese starken Preissteigerungen werden natürlich die ärmsten Einwanderer am stärksten treffen. Leider glaube ich, dass das genau der Effekt ist, den sich die Regierung erhofft.
Verpflichtende Integrations- und Sprachkurse
Dieser Punkt wurde noch nicht konkret ausgearbeitet, aber die Regierung möchte verpflichtende Integrations- und Sprachkurse einführen. Die Vergabe von Aufenthaltserlaubnissen soll dann an die Teilnahme an ihnen gebunden werden.
Ganz ehrlich: Nicht die schlechteste Idee. Es gibt kulturelle Unterschiede und spezielle Regeln, und wenn Einwanderer diese nicht beachten, verärgert das alle.
Ganz konkret hatten wir Probleme mit Leuten, die ihren Müll nicht korrekt rausgestellt haben. Klingt total banal. Kein Grund zu Aufregung, oder? Leider haben wir in Japan riesige Raben, die gelernt haben, dass sie in Müllbeuteln Lebensmittel finden können. Die Viecher haben sogar raus, an welchem Tag wo der brennbare Müll mit Essensresten rausgestellt wird. Und dann zerpicken sie die Tüten und verstreuen den Müll über die gesamte Straße. Deswegen darf man an bestimmten Tagen nur bestimmten Müll herausstellen und der brennbare Müll wird mit einem Netz vor den Rabenviechern geschützt.
Wenn Integrationskurse solche simplen Dinge erklären würden, wäre für das harmonische Zusammenleben von Japanern und Nicht-Japanern wahrscheinlich schon viel getan.
Aber wie gesagt: Bisher gibt es noch nichts Konkretes in der Richtung. Dabei würde ich wahrscheinlich aus Interesse sogar freiwillig daran teilnehmen.
Im Internet lese ich immer wieder, dass Einwanderer sich in Japan wegen der politischen Situation nicht mehr willkommen fühlen. Ich habe immer ein wenig das Gefühl, dass solche Gefühle hauptsächlich entstehen, wenn die Menschen zu viel im Internet unterwegs sind.
Im realen Leben gab es schon immer eine starke Trennung zwischen “wir Japaner” und “ihr Ausländer”. Dass Japan sich nicht als multikulturelle Gesellschaft begreift, ist nichts Neues. Dass der gemeine Japaner genauso wenig Ahnung vom Einwanderungsrecht hat wieder gemeine Deutsche, ist auch keine große Überraschung. Natürlich ist das (für Einwanderer wie mich) kein Idealzustand, aber echte Feindseligkeit habe ich noch nie erleben müssen.
Für mich hat sich in den letzten Jahren absolut nichts daran geändert, wie ich im Alltag wahrgenommen werde. Alte Menschen kratzen immer noch gern ihre letzten Brocken Englisch zusammen, wenn sie mich sehen. Junge Leute fragen oft gar nicht, woher ich komme und reden einfach mit mir. Alle anderen liegen irgendwo dazwischen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass der politische Rechtsruck ignoriert werden sollte. Der Druck auf Migranten wächst eindeutig und leider gibt es keine starke Opposition, die sich dagegenstellen würde. Für viele heißt es also Hoffen und Bangen, und für einige wird es wahrscheinlich auch das Ende ihres Lebens in Japan bedeuten, weil die neuen Regeln und Gebühren für sie nicht mehr tragbar sind.
Eine kurze Anmerkung zu den “niedrigen” Euro-Preisen im Text: Der Yen ist im Moment unglaublich schwach. Wann immer ihr denkt, dass das Leben in Japan unglaublich günstig sei, bedenkt, dass der Mindestlohn in Tokyo 1.226 ¥ (6,56 €) und das Durchschnittsbruttojahresgehalt etwa 4,8 Millionen Yen (ca. 25.600 €) beträgt. Gefühlt sind 1.000 Yen 10 €.
