Fernseher im Wartezimmer und Eigenbeteiligung: Arztbesuche in Japan

Dieses Jahr ist bisher für mich sehr stressig. Ich weiß, das merkt man auf Instagram eher nicht: Stress bedeutet schließlich letztendlich meist einfach, dass ich weniger hochlade.

Ein Grund für diesen Stress, aber auch durch ihn ausgelöst, sind gesundheitliche Probleme. Da wäre natürlich mein Sohn, der dieses Jahr das erste Mal in seinem Leben eine Grippe hatte (Corona haben wir natürlich schon mehrmals durch), aber auch ich verbringe seit Neujahr mehr Zeit beim Arzt, als mir lieb ist. Da mein Körper gestresst ist, funktioniert mein Immunsystem nicht so gut und ich bekomme ständig etwas ab.

Weil ich in letzter Zeit also viel Erfahrung sammle, eine kleine Abhandlung darüber, was bei einem Arztbesuch in Japan ganz anders als in Deutschland ist.

Kartenwirtschaft dank Patientenkarte (診察券)

Bei jeder einzelnen Arztpraxis und jedem Krankenhaus, das man besucht, wird einem am Ende des ersten Besuchs eine Patientenkarte, das Shinsatsuken (診察券), überreicht. Darauf verzeichnet: Name und Öffnungszeiten der Klink, der eigene Name und die Patientennummer. Die Karte soll es hauptsächlich der Klinik erleichtern, die Patientenakte zu finden.

In Deutschland funktioniert das mysteriöserweise auch ohne, dass ich jedes Mal eine Karte aus meinem mittlerweise beachtlichen Stapel suchen muss, bevor ich zum Arzt gehe. Ich habe inzwischen aufgehört, das zu ernst zu nehmen. Die Karten von Arztpraxen, die ich oft besuche, und die von Krankenhäusern, sind in meinem Portmonee. Alle anderen kommen in den Genuss meiner schauspielerischen Leistungen: “Oh nein, es tut mir so leid, aber ich habe die Karte vergessen”.

Portmonee auf nach der Behandlung

Genau wie in Deutschland besteht in Japan Krankenversicherungspflicht. Anders als in Deutschland trägt man aber 30% der Behandlungskosten selbst*. Meist ist der Betrag niedrig, aber je nach Diagnostik und Behandlung kann er natürlich stark ansteigen.

Das bedeutet einerseits, dass man es sich als Geringverdiener manchmal zweimal überlegt, ob man wirklich zum Arzt muss. Ich habe den Luxus, dass ich die Kosten gut auffangen kann, viele aber nicht. Für mich ist es lediglich noch immer nervig, nach der Behandlung im Wartezimmer auf die Abrechnung warten zu müssen.

* Kinder, alte Menschen und Bedürftige zahlen weniger. Es gibt eine effektive Deckelung für Arztkosten und Programme für chronisch Kranke.

Medikamente nur streng abgezählt

Wenn mir beim Arzt ein Medikament für eine Woche verschrieben wird, bekomme ich in der Apotheke auch wirklich nur genug Tabletten für eine Woche. Zweimal pro Tag, für sieben Tage? Das sind 14 Tabletten und keine mehr. Bei Pulvermedikamenten für meinen Sohn bekomme ich sogar alle Medikamente vorgemischt und pro Einnahme abgefüllt.

Ich mag dieses System, weil ich keine unnötigen Medikamente zuhause herumliegen habe und genau weiß, wann ich mit der Einnahme fertig bin. Was viele Menschen in Japan erstmal irritiert ist aber, wie viele Medikamente man verschrieben bekommt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass man für jedes einzelne Symptom ein Medikament bekommt. Plus natürlich eins für den Magen, der davon in Mitleidenschaft gezogen wird.

Privatsphäre ist überbewertet

Was jetzt kommt, gilt vor allem für alte Arztpraxen. Diese sind, zumindest bei uns, manchmal so eng und vollgestopft, dass an Privatsphäre nicht zu denken ist. Das bedeutet, dass man bei den Untersuchungen anderer Leute zuguckt.

Letztens war ich bei einem auf Schwindel spezialisierten Arzt. Das Wartezimmer war voll besetzt. Wenn man von dort aufgerufen wurde, wurde man aber nicht direkt dem Arzt vorgestellt. Nicht so vorschnell!

Der nächste Schritt war es, auf einem der fünf an der Wand stehenden Stühle im Behandlungszimmer Platz zu nehmen. Von dort aus wurde man dann auf einen der zwei Behandlungsstühle gebeten, zwischen denen der Arzt rotierte. Der Abstand zwischen den Behandungsstühlen betrug etwa zwei Meter.

Beim Frauenarzt hingegen wird ein Vorhang über dem Stuhl zugezogen, der Unter- und Oberkörper trennt. Das ist mir noch immer so unangenehm, dass ich jedes Mal darum bitte, den Vorhang doch offen zu lassen. Bisher war das noch nie ein Problem.

Nicht ohne mein Fernsehen

Aus Deutschland kannte ich Warteräume als stille Bereiche, in denen vielleicht ein paar Zeitschriften auslagen, aber in denen die Zeit insgesamt eher gemächlich verstrich.

In Japan hängt oft ein großer Fernseher im Wartebereich. Manchmal mit Ton, manchmal ohne, aber immer auf die belanglosesten Morgens- bis Nachmittagssendungen, die man sich vorstellen kann, gestellt. Einerseits vergeht die Wartezeit so schneller. Andererseits habe ich ein Smartphone und kann mich selbst beschäftigen. Da brauche ich keinen Flimmerkasten im Augwinkel.

Einen Vorteil hat das Ganze natürlich: Ich sehe mal wieder, was ich nicht verpasse. Wir haben zuhause einen Fernseher.


Es gibt sicher noch mehr Unterschiede zwischen japanischen und deutschen Arztpraxen, aber das sind die, die mir ein- und aufgefallen sind. Das System in Japan ist anders, und sicher nicht perfekt, aber eins kann es besser als Deutschland: Termine bei Spezialisten sind einfach und meist auch zeitnah zu bekommen. Da höre ich von meinen Freunden in Deutschland immer wieder Horrorgeschichten.

Wenn euch noch etwas einfällt, gern in die Kommentare damit. 🙂

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