Warum Japaner kein Chinesisch lesen können – und umgekehrt.

Wie ihr sicher alle wisst, werden im Japanischen Kanji – das sind die komplizierten Schriftzeichen, die in den frühen 2000ern auf euren T-Shirts waren – und die von ihnen abgeleitete Silbenschriften Hiragana und Katakana verwendet. Die Kanji hat sich Japan (bis auf wenige Ausnahmen) nicht selbst ausgedacht, sie sind vor Jahrhunderten aus China nach Japan gekommen.

Man könnte also meinen, dass Japaner Chinesisch lesen könnten – und umgekehrt. Dem ist aber nicht so.

Einerseits hat das etwas damit zu tun, dass die Sprachen komplett anders aufgebaut sind. Vereinfacht gesagt wird im Japanischen die gesamte Grammatik nicht mit Kanji ausgedrückt – sondern mit Hiragana. Wer – wie die meisten Chinesen – keine Hiragana lesen kann ist also klar im Nachteil. Außerdem werden oft für die gleiche Sache andere Schriftzeichen verwendet, weil die Sprachen sich eben großteils unabhängig voneinander entwickelt haben. Zwar kann man raten, worum es gehen könnte, aber das bewegt sich etwa auf demselben Level wie Deutsche, die versuchen, sich Italienisch zu erschließen.

Andererseits gibt es aber noch einen viel größeren Grund: Rechtschreibreformen.

Um die Lese- und Schreibkompetenz der chinesischen Bevölkerung zu erhöhen, wurden die existierenden traditionellen chinesischen Schriftzeichen in den 1950ern reduziert und simplifiziert. Die Reduktion fand statt, indem mehrere Schriftzeichen mit gleicher Lesung zu einem Schriftzeichen zusammengefasst wurden. Simplifiziert wurde strukturell und großflächig.

Einige der vereinfachten Schriftzeichen leiten sich von vereinfachten Schreibweisen ab, die handschriftlich verwendet werden (Ryakuji 略字), und sind deswegen auch für Japaner lesbar. Bei vielen anderen sind sie aber komplett aufgeschmissen oder können nur raten.

In Taiwan, Macau und Hong Kong werden übrigens noch traditionelle Schriftzeichen verwendet.

Auch in Japan wurden die Schriftzeichen simplifiziert. Allerdings geschah das unabhängig vom Treiben der Chinesen und dementsprechen wurde anders und auch in einem anderen Umfang simplifiziert. Die Schriftzeichen wurden im Japanischen weniger stark vereinfacht als im Chinesischen. Manchmal findet man die alten Schriftzeichen auch noch in zusammengesetzten Schriftzeichen, die noch immer verwendet werden – da haben die Chinesen gründlicher gearbeitet.

Wenn man traditionelle Schriftzeichen sieht, kann man sie sich oft noch irgendwie vom Japanischen erschließen. Schließlich muss man sich oft nur die komplizierten Teile einfacher vorstellen. Bei den chinesischen simplen Schriftzeichen fehlt oft so viel, dass für Sprecher von Japanisch oft gar nicht ersichtlich ist, was hinzugefügt werden müsste.

Spaß macht es trotzdem, in der Kanji-verwendenden Welt (dafür gibt es ein Wort: Kanjiken 漢字圏) unterwegs zu sein. In Shanghai habe ich mit einer Kollegin gerätselt, was die Schriftzeichen auf der Speisekarte bedeuten und in Taiwan haben mein Mann und ich uns nur anhand der Schriftzeichen zurechtgefunden. Dann heißt der Flughafen Songshan für uns eben Matsuyama.

Nur wirklich lesen können Japaner Chinesisch eben doch nicht. 🙂

4 Gedanken zu „Warum Japaner kein Chinesisch lesen können – und umgekehrt.

  1. D. sagt:

    Über dieses Thema ließe sich trefflich stundenlang philosophieren 🙂 Interessant ist dabei noch, dass diese unterschiedliche Zeichenverwendung zu einem Gutteil auf die Abkehr vom klassischen Chinesisch und Etablierung von Mandarin als alltägliche Schriftsprache zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückgeht. Im Zuge dessen entstanden dann neue Wortschöpfungen wie 吃 (ursprüngliche Bedeutung: „stottern“) anstelle von 食, 喝 („laut rufen“) anstelle von 飲, 走 („laufen“) anstelle von 行. Die meisten anderen chinesischen Sprachen (Kantonesisch, Hokkien, Hakka…) verwenden übrigens nach wie vor 食, 飲 und 行.

  2. Anna-Lena sagt:

    Hallo liebe Claudia,

    total spannender Beitrag. Bei den Schriftzeichen oben in blau und rot, hätte ich nur gern gewusst, ob das die Umwandlungen sind oder ist das eine jap. und das andere chinesisch?
    Zum Anderen gibt es chinesisch gar nicht oder? Oder sind die Schriftzeichen bei Katonisch und Mandarin gleich? Hätte mich nur mal spannend interessiert 🙂 🙂 🙂

    Lieben dank für diene Hilfe.

    LG
    Anna

    • Claudia sagt:

      Das obere ist wie die alten Schriftzeichen in China umgewandelt wurden, das untere, wie sie in Japan umgewandelt wurden.
      Die Schriftzeichen bei Mandarin und Kantonesisch sind großteils gleich, aber dafür ist vieles andere anders.

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