Das ewige Geschenke-Karusell.

Japan hat eine ausgeprägte und sehr festgelegte Geschenkekultur. Das reicht von Tabellen für den korrekten Betrag für Geldgeschenke für Hochzeiten bis zu Prozentberechnungen für den Wert der Gegengeschenke.

Wie, ihr findet das übertrieben?!

Wir haben zur Geburt von Bocchan viele super liebe Geschenke bekommen. Schöne große Mullwindeltücher kann man gar nicht genug haben und wir freuen uns schon darauf all die niedlichen Klamotten und Spielzeuge auszuprobieren. Außerdem haben wir die komplette Calendula-Produktpalette von Weleda geschenkt bekommen, und das ist nicht einmal übertrieben. 😀 Bocchan gedeiht übrigens hervorragend und ist fast bereit für die Schlachtung schon ziemlich rund.

Der allgemeine Anstand gebot es uns nun, für sämtliche Geschenke ein Gegengeschenk zurückzuschenken. Ein wenig Googlen ergab, dass das Gegengeschenk in etwa ein Drittel bis die Hälfte des Werts des Originalgeschenks haben sollte. Das gilt natürlich nur für Geschenke aus Japan, in Deutschland gleicht man irgendwann etwas weniger formell aus. 🙂

Bei Freunden der Familie – also der Schwiegereltern – waren wir uns nicht sicher, was wir zurückschenken sollten, also haben wir Geschenkkataloge für den entsprechenden Wert verschickt. Mitarbeiter und Freundinnen von mir haben Verbrauchsgegenstände bekommen, z.B. Kaffee, Süßigkeiten oder Geschenkgutscheine. Schließlich will ich niemandem die Wohnung zumüllen und letztendlich weiß jeder selbst am besten, worüber er sich freut.

Geschenkkataloge sind Kataloge, aus denen sich der Beschenkte selbst ein Geschenk aussuchen kann. Die Geschenke haben alle etwa denselben Wert, den der Schenker beim Kauf des Katalogs bezahlt.

Bei Hochzeiten erhalten Gäste meist alle dasselbe vorbereitete Gegengeschenk, Hochzeitsgäste erkennt man neben ihrer Kleidung auch an den großen Papiertüten, die sie nach Hause schleppen müssen. Hier schenken viele Brautpaare Verbrauchsgegenstände zurück, wir haben z.B. ein Schuhputzset von einer Hochzeit zuhause, wir haben aber auch schon Givenchy-Löffel bekommen. Eine japanische Hochzeit zu besuchen kostet übrigens (im Regelfall) 30,000 ¥ (ca. 240 €) Geschenkgeld. Dafür werden zwar keine weiteren Geschenke von einem erwartet, aber eine Phase, in der mehrere Freunde und Verwandte heiraten tut im Geldbeutel auch so ziemlich weh.

Das Problem mit Gegengeschenken ist, dass sie keiner so richtig will. Niemand macht Geschenke mit Hoffnung auf ein gutes Gegengeschenk und jeder weiß, wie anstrengend es sein kann, Gegengeschenke zu organisieren. Andererseits kann es unhöflich und gar unzivilisiert wirken, keine Gegengeschenke zu machen. Manchmal gerät man sogar an Menschen, die einem das Ausbleiben eines Gegengeschenks richtig persönlich übel nehmen. Also tut man sich den Stress an um im Zweifelsfall gut dazustehen. Wenn es etwas gibt, das japanischer ist als das, schreibt es mir in die Kommentare! 😉

Wenn man Leute das erste Mal besucht, bringt man auch ein Gastgeschenk mit. Das ist meist etwas zum Essen oder Trinken. Bei nachfolgenden Besuchen bekommt man dann oft ein kleines Gegengeschenk und schenkt wieder was, worauf es dann wieder ein Gegengeschenk gibt und… Wir haben auf jeden Fall bei einigen Freunden nach anfänglichem Hin-und-Her-Geschenke die Reißleine gezogen:

Hey, ihr müsst uns nächstes Mal nichts mehr mitbringen, lasst uns mit dem Schenken aufhören.

Vielleicht ist das ja die japanische Entsprechung davon, jemandem das „Du“ anzubieten? 😛

6 Gedanken zu „Das ewige Geschenke-Karusell.

  1. D. sagt:

    Unterscheiden die Geschenktabellen auch nach dem Ort der Hochzeit bei euch in Japan? Also quasi nach dem Motto, wer in 鹿兒島縣 heiratet, braucht weniger Geld als einer in 大阪府 🙂 Dafür ist das mit den Geschenken für die Hochzeitsgäste hier in Taiwan offenbar etwas standardisierter, man schenkt entweder traditionelle 囍餅 oder etwas moderner andere Süßigkeiten, woran auch japanische Firmen wie 赤い帽子 ziemlich gut verdienen 😉 Ach ja, herzliche Gratulation zum Nachwuchs, übrigens!

    • Claudia sagt:

      Witzig, dass du 縣 verwendest – hier sieht man das kaum noch, es wird 県 benutzt. 😀
      Sowohl in Hokkaido als auch auf Okinawa gelten andere Werte (beide viel günstiger), aber ansonsten ist es recht standarisiert. Wenn es mit dem Geld echt knapp ist, gibt es natürlich die Möglichkeit weniger zu geben, aber das ist eigentlich die Ausnahme. 赤い帽子 musste ich googlen, kannte ich gar nicht. 😀

      • D. sagt:

        Taiwan ist halt nach wie vor ‎Kyūjitai onrī 😉 Das mit den Hochzeitskeksen war dann wohl das Ergebnis einer guten Marketingkampagne und weil Japan in Taiwan eigentlich immer zieht. Gab ja jetzt erst vor ein paar Tagen das Angebot von EVA Air für eine mehrstündige „Fake-Auslandsreise“ mit Start und Landung in TPE – geflogen wurde dann als erstes in Richtung und über Okinawa – und zwar in einer Hello-Kitty-Maschine 😀

  2. Rumpelstilzchen sagt:

    Ich glaube z.B. die Vorgesetzten machen fast nie Gegengeschenken, aber wenn ihre/seine Angestellten z.B. heiraten, sind sie großzügig mit den Geschenken? Oder?

    • Claudia sagt:

      Das ist eine sehr gute Frage, wir haben nämlich damals extra im kleinen Rahmen geheiratet, damit wir niemanden von irgendwelchen Firmen einladen mussten. 😀

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