Auf letzter Fahrt.

Nach 17 Jahren wird der TÜV für das Auto meiner Schwiegereltern nicht mehr erneuert, weswegen wir am Samstag eine kleine Abschiedsfahrt durch unsere Präfektur, Chiba, unternahmen.

Viele Japanbesucher werden von Chiba nicht viel mehr als den Flughafen Narita kennenlernen, aber natürlich gibt es noch viel mehr zu sehen und zu entdecken. Diesmal saß mein Schwiegervater wortwörtlich und im übertragenen Sinne am Steuer und bestimmte, wohin die Reise uns führen würde.

In diesen Berg wurden Tunnel geschlagen, um Dinge für die Marine zu lagern. Zum Ende des zweiten Weltkrieges hin, als Tokyo regelmäßig mit Bomben überzogen wurde, wurde der Berg auch als Schutzbunker genutzt. Bei jedem Bombeneinschlag rieselte wohl Sand von der Decke.

Nach dem Krieg wurden die Tunnel zum Anbau von Pilzen genutzt, heute sind sie für Besucher geöffnet. Da außer den Tunneln selbst nichts mehr zu sehen ist, ist es gar nicht so einfach, sich vorzustellen wie es damals war.

Wir fuhren weiter, an geschlossenen Läden und leerstehenden Häusern vorbei. Zwar ist Chiba eine der wenigen Präfekturen, deren Bevölkerung beständig wächst, aber das tun vor allem die Städte nahe an Tokyo. Weiter draußen ziehen viele der jungen Leute weg. Die vielen Gasthäuser direkt am Meer finden auch keine Kundschaft mehr, seit die Immobilienblase Anfang der 90er Jahre platzte. Mein Schwiegervater erzählt uns beim Anblick der relativ menschenleeren Landschaft, dass die Bahnen hierher im Sommer so voll waren, dass man auf die nächste warten musste.

So wie das jetzt auf den chinesischen Stränden aussieht war das hier auch mal.

Geblieben sind die Autohäuser, Spielhallen und Conbinis.

Natürlich ist Chiba nicht überall so deprimierend. In Tateyama haben wir im Restaurant Sasamoto (笹本) gegessen. Obwohl wir das letzte Mal vor vielen Jahren dort waren, wurden wir sofort wiedererkannt. Uns wurde ganz stolz erzählt, dass der Sohn des Besitzers des Ladens vor einigen Jahren an einem französischen Pâtisserie-Wettbewerb teilgenommen und den ersten Platz belegt hatte. Inzwischen gehört ihm eine beliebte Pâtisserie um die Ecke.

Meinem Schwiegervater schwebte aber etwas anderes vor, er  inwollte das Café Traycle Market & Coffee. In einem alten Bankgebäude kann man nicht nur Kaffee und andere Leckereien verspeisen, es gibt auch einen kleinen Fair Trade-Laden. In Japan habe ich manchmal das Gefühl, dass das Bewusstsein in Sachen Umweltschutz und ethischer Handel nicht sehr ausgeprägt ist, doch in diesem Laden hingen Poster zu Dokumentationen über Lebensmittelverschwendung und Fast Fashion, und es wurden auch wiederverwendbare Strohhalme samt Strohhalmbürste verkauft. 🙂 Es freut mich immer riesig, so etwas zu sehen.

Wenn man möchte, kann man schön renovierten im Obergeschoss essen und viel Zeit verbringen. Würde das Café in Tokyo sein, müsste man mit langen Schlagen und dicht an dicht stehenden Sitzmöglichkeiten rechnen, hier, etwas fernab, ist das aber kein Problem. Glücklicherweise waren auch andere Gäste dort, aber wir mussten nicht auf einen Sitzplatz warten. Solche alten Gebäude in Cafés oder Begegnungsstätten umzuwandeln liegt auch in Japan im Trend.

Zum Schluss wollte mein Schwiegervater noch ein wenig fotografieren, einerseits diesen alten Bus und andererseits den Sonnenuntergang über dem Meer. Dank der Form der Tokyoter Bucht sieht man von dieser Seite Chibas aus die Präfektur Kanagawa, in der es offenbar sehr geschäftig zugeht.

Wenn die Bevölkerung immer weiter schrumpft und es sie auch weiterhin in die großen Städte zieht, werden ländlichere Bereiche Japans wieder zurück an die Natur gehen. Einerseits finde ich Geiststädte etwas gruselig, andererseits finde ich die Vorstellung auch gar nicht so schlecht. 0800000000

Veröffentlicht in: Chiba

5 Gedanken zu „Auf letzter Fahrt.

  1. Holger DRechsler sagt:

    Sehr schöner Bericht einer letzten Fahrt. Ich würde sogar ausdrücklich dafür plädieren das entvölkert Gebiete an die Natur zurückgegeben werden. Die hat es bitter nötig. Ansonsten will die EU Plastikstrohhalme und auch Ohrstäbchen mit Plastik oder Plastikeinweggeschirr verbieten. Schließlich heißt er ein Strohhalm auch Strohhalm und es wäre doch sehr schön, wenn man diese tatsächlich wieder aus Stroh bekäme.

    • Claudia sagt:

      Es gibt wirklich unglaublich viele bessere Materialien als Plastik, Strohhalme könnte man z.B. auch aus Metall herstellen und es gibt jetzt auch Strohhalme aus Papier, die sich nicht sofort auflösen!

  2. tabibito sagt:

    Chiba steckt immer wieder voller Überraschungen, das kann ich nur bestätigen (lebe aber trotzdem lieber in Kanagawa 🙂 Auf jeden Fall scheint Dein Schwiegervater ein sehr interessanter Mensch zu sein!

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