Woran sterben Japaner eigentlich?

Es geistern so einige Theorien dazu durchs Internet, woran Japaner versterben. Teilweise finde ich die ganz lustig, denn es ist irgendwie Schrödingers Japaner: Einerseits habene Japaner eine der längsten Lebenserwartungen der Welt (Japan 83,84 Jahre, Deutschland 81,09 Jahre), andererseits könnte man von Geschichten aus dem Internet ausgehend aber auch annehmen, dass Japaner sich mit Mitte dreißig allesamt das Leben nehmen – Und wenn nicht, werden sie zu Tode gearbeitet. Räumen wir also kurz mal auf:

Japans Suizidrate

Japaner nehmen sich öfter das Leben als Deutsche. Das ist so, da kann man gar nichts beschönigen. Dennoch ist Japan nicht das Land mit den meisten Selbstmorden (pro 10.000 Einwohnern), diese zweifelhafte Ehre geht seit Jahren an Südkorea. Vereinfacht ausgedrückt ist die Selbstmordrate dort etwa anderthalbmal so hoch wie in Japan. Natürlich ist jeder Selbstmord einer zu viel und in bestimmten Altersgruppen ist Selbstmord tatsächlich die führende Todesursache. Leider sieht das aber auch in Deutschland nicht großartig anders aus. Letztendlich sind etwa 1,4% der Tode in Japan Suizide.

Tod durch Überarbeiten: Karōshi

In Japan bei einer japanischen Firma zu arbeitenist oft kein Zuckerschlecken, und leider nimmt das teils Ausmaße an, die man sich in Deutschland nur schwer vorstellen kann. Eigentlich bezeichnet der Begriff Herzinfarkte und Schlaganfälle, die durch Stress auf Arbeit ausgelöst wurden und zum Tode führen. Die Fälle, von denen man in letzter Zeit hört, sind streng genommen Karōjisatsu (過労自殺) – Selbstmord durch Überarbeiten. Wenn man ohne Ruhephasen ständig arbeitet und ständig unter Vollspannung steht, funktioniert das logische Denken über kurz oder lang nicht mehr, und gleichzeitig entsteht ein unglaublicher Leidensdruck. Der einzige Ausweg scheint dann nicht die Kündigung, sondern der Selbstmord zu sein. Unfassbar tragisch, aber allein von den Zahlen her mit 482 Toten 2015 nicht einmal annährend die führende Todesursache der Japaner.

Woran sterben sie denn nun?

An Krebs. Jeder zweite Japaner erkrankt an und fast jeder dritte stirbt an Krebs, so wie auch zwei der Großeltern meines Mannes. Es gibt verschiedene Überlegungen, warum die Krebsrate in Japan nicht sinkt, obwohl sie das in anderen Teilen der Welt tut: Die Menschen essen eben häufig nicht so gesund, wie es immer dargestellt wird, sie treiben als Erwachsene wenig Sport und sie lassen sich nicht so häufig auf Krebs untersuchen. Dass in einer Rauchernation wie Japan der Lungenkrebs die häufigste Todesursache der Männer ist, überrascht wahrscheinlich auch niemanden. Der Großvater meines Mannes hat auch nachdem bei ihm Krebs diagnostiziert und Teile der Lunge entfernt worden waren weitergeraucht.

Weitere häufige Todesursachen sind, in absteigender Reihenfolge, Herzkrankheiten, Enzephalitis und zerebrovaskuläre Erkrankungen (Schlaganfälle und Aneurysmen).

Leider ist die Anzahl der gesunden Lebensjahre (健康寿命 Kenkōjumyō) etwa zehn Jahre kürzer als die Lebenserwartung insgesamt.

Letztendlich hat Japan eindeutig Probleme mit Suizid und der Arbeitskultur generell, die man nicht unter den Tisch kehren darf. Man muss sie aber auch nicht so sensationell aufbauschen, wie es derzeit oft geschieht. Die meisten Japaner sterben wie die meisten Deutschen: Durch Krankheiten.

7 Gedanken zu „Woran sterben Japaner eigentlich?

  1. Rainer Stobbe sagt:

    Hallo Claudia,
    ein sehr interessanter Beitrag. Allerdings habe ich ein klein wenig zu „meckern“: Dein Illustrationsfoto (christlicher Soldatenfriedhof) paßt irgendwie gar nicht dazu – zumal gerade buddhistische Friedhöfe in Japan auch ein „gutes Bild“ abgeben…
    Herzlichst und mach weiter mit Deinen vielen interessanten Beiträgen, die ich sehr gerne lese!
    Rainer

    • Claudia sagt:

      Hallo Rainer, ich fotografiere generell keine japanischen Friedhöfe, weil das schlechtes Karma gibt (frag mal meine Schwiegermutter…), deswegen ist das hier ein Symbolbild. Da mein Vater aber eine ähnliche Kritik hatte, werde ich mal schauen, ob ich ein anderes Symbolbild auftreiben kann.

      • Rainer Stobbe sagt:

        Hallo Claudia, erst einmal herzlichen Dank! Das mit dem schlechten Karma beim fotografieren von Friedhöfen kann ich gut verstehen… Habe selbst auch – wahrscheinlich unbewußt – kaum Fotos davon, jedenfalls nicht aus Japan. Das jetzige Foto paßt auf jeden Fall sehr gut zum Artikel!
        Herzliche Grüße! Rainer

  2. Ilona sagt:

    Hallo Claudia, Danke für deinen Beitrag. Das rückt einiges gerade. Was die hohe Krebsrate angeht, könnte auch ein Zusammenhang mit den vielen Atomkraftwerken bestehen und nicht zu vergessen die Nachwirkungen von Hiroshima und Nagasaki!
    Liebe Grüße aus BANGKOK.

    • Claudia sagt:

      Die Atombomben haben die beiden Städte mitnichten auf Jahrhunderte verstrahlt. Dafür sind sie zu hoch abgeworfen worden. Die beiden Städte haben absolut durchschnittliche Hintergrundstrahlungswerte. Atomkraftwerke sind auch nicht nur durch ihre Existenz krebserregend, die Probleme entstehen, wenn es eben Probleme gibt. In Fukushima sieht es schon mal ein wenig anders aus, weil wir da ja wirklich ein großes Desaster hatten und die Situation noch immer nicht wirklich unter Kontrolle ist. Aber bitte stelle keine solchen Spekulationen anstellen, wir haben nämlich (bis auf Fukushima) kaum Vergleichswerte, können also nicht zu 100% sagen, woran es liegt.

  3. Lennart sagt:

    Hatte mich auch vor wenigen Wochen einmal dem Thema gewidmet.
    Es ist schon auffällig, wie Kultur und Sterben zu korrelieren scheinen.
    Eindrücke aus Indien: kaum jemand stirbt an Krebs! Dafür gibt es hier Todesursachen, die es sonst kaum gibt: Durchfallerkrankungen und Lungenkrankheiten (weltweit höchste Rate, jedoch ohne Lungenkrebs, wo Japan führt).
    Suizide sind ebenfalls höher als in Japan.
    Theorie für die niedrige Krebsrate (und das könnte die hohe Krebsrate in Japan erklären): sehr fleischarme Ernährung, viele Gewürze mit positiver Wirkung.
    Offenbar schlägt Kurkuma grönen Tee bei der Krebsvorsorge 0_o

  4. nephi88 sagt:

    Ein interessantes Thema. Bei uns wird es ja wirklich immer dargestellt, als würden sich Japaner viel gesünder ernähren. Dass Rauchen so verbreitet ist, wusste ich gar nicht

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