Die verflixte Sieben.

無題Vor einigen Jahren spielte ich ゼルダの伝説 夢幻の砂時計 (Zeruda no Densetsu Mugen no Sunadokei; The Legend of Zelda: Phantom Hourglass) auf meinem Nintendo DS. Eines der ersten Rätsel im Spiel ist ganz simpel: Mann muss lediglich zählen wie viele Palmen auf einer kleinen Insel sind und die Zahl auf den Touchscreen schreiben.

Ich lief also als Link über die Insel und zählte sieben Palmen. Auf den Touchscreen schrieb ich:

deutsche 7Falsche Antwort. Ich lief noch einmal über die Insel. Es waren noch immer sieben Palmen. Ich versuchte es noch einmal. Noch immer die falsche Antwort. Ich schrieb sechs und acht, doch auch diese Antworten waren falsch. Nach einigen Minuten gab ich den Nintendo DS meinem Mann.

Ich glaube ich bin zu blöd für dieses Spiel. Ich sehe sieben Palmen, aber wenn ich 7 schreibe wird das nicht angenommen.

Mein Mann nahm das Gerät, zählte die Palmen und schrieb:

japanische 7Das Rätsel war gelöst.

Japaner, und auch Koreaner, schreiben die Zahl sieben einfach anders.

In Europa und an anderen Orten wird die sieben so geschrieben, wie ich sie schrieb. Das hängt damit zusammen, dass man sonst leicht eins und sieben verwechseln kann. In Japan gibt es aber das Katakana (Silbenzeichen) ヌ (nu), das man leicht mit der deutschen Sieben verwechseln könnte. Also gibt es stattdessen einen kleinen Strich.

Sehr mysteriös, aber ich habe mich angepasst und schreibe das jetzt auch so. Die verflixte Sieben. 🙂

Kennt ihr solche Beispiele, wo an sich universelle Zeichen in einem bestimmten Land anders geschrieben werden?

Blau, blau, blau sind alle meine Ampeln.

IMGP8661Bei manchen Dingen könnte man meinen, sie wären überall so. Ampeln zum Beispiel: Grün, Gelb, Rot. Das ist international so festgelegt, daran ist nichts zu rütteln. Oder etwa doch? In Japan sagt man nämlich nicht “Es ist grün!” (緑です! Midori desu!), sondern “Es ist blau!” (青です! Ao desu!).

青 (Ao; Blau) hat eine sehr viel längere Geschichte als 緑 (Midori; Grün)*. Die Farben im alten Japanisch waren Rot, Weiß, Schwarz und Blau. Die ersten drei Farben sind übrigens nicht untypisch: Wenn eine Sprache zwei Farben kennt, sind es meist Weiß und Schwarz. Kennt sie drei kommt Rot dazu. Danach kommt oft entweder Gelb oder Grün; in Japan war es Blau, 青 (Ao).

* Erst seit Ende des zweiten Weltkriegs wird in Lehrmaterialien für Kinder zwischen Grün und Blau unterschieden. Noch früher waren kalte Grüntöne blau und warme Grüntöne gelb.

Aber was ist eigentlich alles blau, wenn man kein Wort für Grün hat? Blätter sind blau – 青葉 (Aoba; frische Blätter). Grünes Gemüse ist blau – 青野菜 (Aoyasai; grünes Gemüse). Äpfel sind blau – 青りんご (Aoringo; grüner Apfel). Auch heute noch.

Selbst als 緑 (Midori; grün) eingeführt wurde, wurde es erst nur als Abstufung von blau wahrgenommen. Als dann um 1930 die ersten Ampeln aufgestellt wurden, hieß das Grüne Licht 緑色信号 (Midori-iro Shingô; grünfarbenes Signal). War ja schließlich so festgelegt.

Aber irgendwie setzte sich das nicht durch. Die Ampeln waren grün, die Menschen nannten sie blau. 青信号 (Aoshingô; blaues Signal) geht auch viel einfacher über die Lippen. Man hätte natürlich versuchen können es durchzusetzen. Eine Marketingkampagne für das grüne Licht entwerfen, mit Kinderbüchern und Liedern. Anpassen an den internationalen Standard, keine Farbsonderregelungen für Japan!

IMGP7999Japan hat sich letztendlich für den Weg des geringeren Widerstands entschieden: Japanische Ampeln sind blau. Also natürlich sind sie nicht komplett blau, an internationale Regeln hält man sich hier schon, aber sie sind so bläulich wie es unter den Bestimmungen irgend möglich ist.

Vergleicht einmal das Titelbild mit dem Ampelmännchen in Berlin. Das Ampelmännchen in Berlin ist nicht nur stylischer als sein japanisches Gegenstück, sondern auch viel viel grüner.

Sprachen sind schon etwas Schönes. 🙂

Auf Japanisch fluchen.

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Baka – Idiot.

Wegen großer Nachfrage, und weil es sicher hilft meinen Blog als so familienfreundlich darzustellen, wie er ist: Schimpfwörter. Kurz vorweg: Ich habe vier Jahre lang ich einem Kindergarten gearbeitet. Ich arbeite jetzt in einer großen Firma. Ich fluche im Alltag nicht wirklich. Aber ich kann zumindest versuchen ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Also, wie flucht man auf Japanisch?

Das ist natürlich eine Frage, die man ganz einfach googlen kann, es gibt haufenweise Listen. Aber wie exakt die sind und ob nun wirklich so geflucht wird – naja.

Arschloch, Motherfucker und co.

In japanischen Beleidigungen haben Mütter und Arschlöcher wenig zu suchen. 貴様 (Kisama) und 手前 (Temê) sind sehr sehr unhöfliche Arten “Du” zu sagen. Das lässt sich natürlich nicht ins Englische übertragen.

Es gibt in Japan etwa fünfzig Millionen Versionen von “Du”, die alle in ihrem Höflichkeitsgrad unterschiedlich sind. Während man Kisama und Temê eigentlich zu niemandem ungestraft sagen kann, sind andere “Du”s davon abhängig, wer man ist und mit wem man spricht. Ich werde kaum zu jemandem お前 (omae) sagen ohne ihn zu beleidigen, aber wenn mein Schwiegervater mit meinem Mann redet ist es komplett normal – und oft auch wenn ein Mann mit seiner Frau redet. Omae ist bei uns zuhause übrigens verboten. 😉

アホか?! (Aho ka?!), was oft als “What the fuck?” aufgeführt heißt einfach nur “Bist du ein Idiot/bescheuert?!”.

Der Ton macht die Musik

しつけーんだよ (Shitsukên da yo), in einigen Listen als “Leave me the fuck alone” übersetzt, ist letztendlich nur eine unfreundliche Art um “du bist aufdringlich” zu sagen. Die “ei”, “ai”, “oi” und “ui”-Laute eines Wortes werden vor allem von jungen Männern oft mit “ee” ersetzt. Das klingt super unhöflich, aber die Worte selbst sind letztendlich absolut harmlos. しつけー (Shitsukê) ist しつこい (Shitsukoi; aufdringlich)), うっせんだよ (Ussen da yo; als “Shut the fuck up” übersetzt) kommt von うるさい (urusai; laut). Es ist jedem selbst überlassen, wie krass man es übersetzt. Man kann es von “Du bist laut.” bis “Halt deine verfickte Fresse.” als alles übersetzen, weil es eben so unspezifisch ist. So kann man alles ganz einfach unhöflich klingen lassen. イチゴケーキ食べたい!(Ichigo-kêki tabetai!; Ich will Erdbeerkuchen essen!) klingt gleich ganz anders, wenn man イチゴケーキ食べてーんだよ!(Ichigo-kêki tabetên da yo!) sagt. “Shitsukên da yo” und Konsorten sind tatsächlich beleidigend, aber nicht wegen bestimmter Worte sondern wegen des Tons.

Fäkalien

Im Deutschen ist man den Fäkalien zugeneigt, wenn’s ums Fluchen geht. Alles Scheiße. くそくらえ (Kuso Kurae; Friss Scheiße) habe ich noch nie in echt gehört. Dafür höre ich くそ (kuso; scheiße) manchmal, aber meist eher zu sich selbst geflüstert. “あっ、くそ!” (Ah, kuso!; Ach scheiße!)

Aber wie fluchen Japaner (= mein Mann) denn nun wirklich?

Generell höre ich im Alltag viel weniger Schimpfworte als in Deutschland. Mein Mann hat natürlich trotzdem Frustrationen. Was macht er dann? Er wünscht Leuten den Tod. 死ね (shine; stirb) ist auf der Liste, die ich mir für diesen Beitrag angesehen habe, als “Go to hell” aufgeführt. ああいう人、死んだほうがいい (Â iu hito, shinda hô ga ii; Es wäre besser wenn solche Leute sterben würden) oder auch das handliche 死ねばいいのに (Shineba ii no ni; Dabei wäre es gut, wenn er/sie/es sterben würde), oder noch handlicher 死んじまえ (Shinjimae; Stirb), sind die Standardsprüche meines liebevollen Ehemanns. Wenn alle Leute, denen er den Tod wünscht, sterben würden, hätte Japan ein noch weitaus größeres Bevölkerungsschwundproblem als sowieso.

Ansonsten gibt es natürlich noch den やろう (oder 野郎 Yarô; Kerl). Wobei “Kerl” zu nett ist, Yarô ist der Catch-All-Begriff für Arschlöcher, Bastarde und Hurensöhne. くそやろう (Kusoyarô; Scheißkerl), バカやろう (Bakayarô; Idiot-Kerl bzw. Volltrottel) oder auch einfach こんなやろう (konna Yarô; so ein Bastard). Nur die Implikatonen, die man im Deutschen oder Englischen hat, fallen weg.

Aber ganz ehrlich: Wie oft höre ich jemanden fluchen? Unglaublich selten. Ich habe noch nie jemandem im echten Leben 貴様 (Kisama) oder くそ食らえ (Kuso kurae) sagen gehört. Es gibt wirklich nur unglaublich wenige öffentliche lautstarke Auseinandersetzungen*, und es wird einen auch niemand im Alltag mit Schimpfworten bewerfen. Das machen die Japaner alles ganz fein in ihren Köpfen. 😉 Wenn ich im Deutschen einen Satz mit Schimpfworten sprenkeln würde, lasse ich das im Japanischen. Es würde einfach bescheuert klingen. Außerdem: Ohne Schimpfworte zu beleidigen ist eh eine viel höhere Kunst. 😀

* Tagsüber. Vielleicht ist das nachts anders.

Zusammenfassend: Insgesamt hat die japanisch Sprache selbst viel weniger designierte Schimpfworte als die deutsche Sprache. Es werden oft an sich recht harmlose Worte, die man durchaus auch vor kleinen Kindern sagen könnte, einfach unhöflich ausgesprochen. Ansonsten wünscht zumindest mein Mann anderen gern den Tod. Anime und Filme stellen mal wieder nicht die ganze Realität dar. 😉

(Übrigens ist generell ist es ziemlich uncool mit Schimpfworten um sich zu schmeißen, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Wirklich.)

Für die Blogleser in Japan: Fallen euch sonst noch Ausdrücke ein, die im Alltag tatsächlich verwendet werden?

Die dominante Sprache.

Ich bin Deutsche. Sogar eine richtige Bio-Deutsche, mit Ostdeutschen Eltern* und komplett deutscher Schulbildung. Insgesamt habe ich etwa 20 Jahre in Deutschland gelebt, mit Freunden auf Deutsch geredet, Filme auf Deutsch gesehen und auf Deutsch gelesen. Natürlich nicht exklusiv, aber mein Alltag war wahrscheinlich 90% Deutsch.

* Ihr Wessis wisst gar nicht, was euch entgeht. Mann, damals in der DDR, da war die Welt noch heil. 😉

Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass das jetzt etwas anders ist. Bis vor einigen Monaten hatte ich noch immer die beste deutsche Freundin, mit der ich einmal die Woche auf Deutsch schnattern konnte – sie hat mich dann aber für Frankfurt verlassen. 🙁 Ich schreibe auf diesem Blog sehr viel mehr Deutsch als mir im alltäglichen Leben über die Zunge rollt. Was nicht heißt, dass ich die Sprache in meinem Alltag groß vermissen würde, doch Dinge die man nicht verwendet rosten natürlich ein, selbst die eigene Muttersprache. Beim Schreiben geht das noch, ich habe schließlich Zeit zum Nachdenken und muss letztendlich nur auf meine eigenen Gedankengänge reagieren. Beim Sprechen bin ich mir manchmal unsicher, ob die Worte wirklich so zusammenpassen. Teilweise fehlen mir auch einfach die Worte, zumindest auf Deutsch.

Denn auch wenn ich mehrere Sprachen fließend spreche ist das Hirn schließlich kein Wörterbuch, manche Verbindungen sind in einer bestimmten Sprache stärker, und manchmal drängen sie meine Muttersprache an den Rand. Was für eine Erleichterung dann mit jemandem zu plaudern, der zumindest zwei der drei Sprachen spricht: Ausdruckstechnische Löcher in der einen Sprache lassen sich ganz hervorragend in der anderen stopfen. Dabei hilft, dass die meisten meiner japanischen Mitarbeiter sehr gutes Englisch sprechen.

Mein Alltag besteht zu 75% aus Japanisch, 22% Englisch und 3% Deutsch. Die 3% werden wahrscheinlich allein vom Blog ausgefüllt. Deutsch ist also absolute Minderheitssprache. Das hat durchaus komische Nebenwirkungen.

Wenn ich in einem Café oder ähnlichen bin, kann ich Japanisch wunderbar ausblenden, bei Englisch klappt es auch meist. Das ist Hintergrundrauschen. Doch was passiert, wenn plötzlich Leute in meiner Umgebung Deutsch reden? Mein Hirn verwandelt sich in eine kleine Bulldogge, jagt seinem eigenen Schwanz hinterher, springt in die Luft und kläfft. Ich höre unweigerlich zu. Nicht, weil Deutsche immer unglaublich spannende Dinge zu erzählen hätten oder weil ich den Grund für ihren miesepetrigen Gesichtsausdruck** dringend erfahren möchte.

Nein, meine Gehirnbulldogge ist der Meinung einen Freund gefunden zu haben. Jemanden so wie uns. Wenn wir dann mal in Deutschland sind, dreht meine Gehirnbulldogge zumindest die ersten Tage komplett durch. “Schau Claudia, jemand spricht Deutsch!!” “Noch jemand!” Ich kann mich tatsächlich in der Berliner Bahn, wenn sie denn fährt, nicht auf mein Buch konzentrieren, weil alle um mich herum Deutsch sprechen. Diese rücksichtslosen Berliner mal wieder. 😉

** Sorry, aber Deutsche schaffen es teils im 5-Sterne-Resort am weißen Strand so zu gucken, als wären sie grad in der Bahn zur Arbeit. Um 3 Uhr morgens. Im Nieselregen.

In meinem Kopf herrscht auch ohne Gehirnbulldogge geordnetes Sprachchaos. Deutsch nimmt dabei meist einen geringen Platz ein, selbst Englisch ist nicht die Nummer eins. Mir kommt tatsächlich Japanisch am leichtesten über die Lippen, obwohl mein Wortschatz begrenzt ist. Aber denke ich auf Japanisch? Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Die eigenen Gedanken gehören zu den Dingen, die sich verändern, wenn man sie betrachtet. Möglicherweise ändert sich das, je nachdem in welcher Situation ich bin, welche Sprache ich verwende und worüber ich nachdenke. Tiefe philosophische Betrachtungen kann ich nämlich nicht auf Japanisch anstellen. Mein Innenleben wird aber sicher nicht so leicht wieder 90% Deutsch. Bin ich dann eigentlich noch Bio?

Was sprecht ihr für Sprachen und was für Auswirkungen hat das auf euer Leben? In welcher Sprache denkt ihr? 😉