Vokabelnlernen mit Reibung.

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猛威 (Môi; Bedrohung, Raserei) und 豪快 (Gôkai; famos, aufregend)

Seit ich 2011 den JLPT N1 abgelegt, und dann wundersamerweise auch bestanden habe, lerne ich nicht mehr aktiv japanische Vokabeln. Ich kann mich problemslos verständlich machen, was mehr brauche ich? Wortgewandtheit. Präzision. Deutsch ist eine sehr präzise Sprache, auf Japanisch kann ich mich aber nicht halb so gut ausdrücken. Und trotzdem werde ich gefragt, ob ich nicht vielleicht in Japan aufgewachsen oder zur Schule gegangen sei, oder ob ich vielleicht Halbjapanerin wäre. Mit der Nase?!

Wo lernt man neue Worte? In Büchern! Im Englischen geht das ganz gut, man liest ein Wort mehrere Male in verschiedenen Zusammenhängen und irgendwann weiß man, was es heißt. Auf Japanisch ist das Problem, dass ich erst einmal lesen können muss, was da steht. Selbst wenn ich die Zeichen kenne, erschließt sich mir die Aussprache oft nicht. (Japanisch hat verschiedene Lesungen für ein und dasselbe Schriftzeichen.)

Aber beim Lesen Zeiche nachzuschlagen stört den Lesefluss. Aufschreiben kann ich sie oft auch nicht, meist lese ich nämlich in der Bahn. Es wäre ganz wunderbar, die Worte irgendwie zu markieren, damit ich sie später gesammelt heraussuchen kann – aber in Bücher zu kritzeln ist babarisch.

IMG_3764Deswegen habe ich mir vor einigen Tagen endlich Frixon-Marker zugelegt. Frixon wird in der Silbenschrift Katakana genauso geschrieben wie Friction (Reibung), und das ist das Besondere: Sie sind komplett wegradierbar, nur durch Reibung. Also letztendlich natürlich durch die Hitze, die durch die Reibung entsteht. Selbst wenn ich etwas im Buch markiere, kann ich es später also wieder ungeschehen machen. Strg + Z fürs echte Leben. 😀 Frixon gibt es auch als Stifte, auch in Deutschland, und wenn ihr gern Fehler ungeschehen machen wollt und nicht oft heißen Tee auf euren Unterlagen abstellt oder selbige auf eure Heizung legt, kann ich sie euch wärmstens empfehlen. 🙂 Wie Tintenkiller, nur besser und mehrfach radierbar.

Jetzt muss ich nur noch die Vokabeln irgendwo hin übertragen, damit es wirklich etwas bringt. 🙂

Im Moment lese ich übrigens 望遠ニッポン見聞録 (Bôen Nippon Kenbunroku; Memoiren von Japan aus der Ferne) von ヤマザキマリ (Yamazaki Mari), ihres Zeichens seit Jahrzenten nicht mehr in Japan lebende Mangazeichnerin, unter anderem von Thermae Romae. 🙂

Onomatopoesie: Funkelfunkel, Glitzerglitzer.

無題Wer schon einmal Manga gelesen hat, kennt sie: Lautworte, überall Lautworte. Ob Glitzerglitzer, Schniefschnief oder Klopfklopf.

Onomatopoesie, oder auf Japanisch 擬音語・擬声語・擬態語 (Gi-on-go, gi-sei-go, gi-tai-go), ist wichtig, um die Sprache zu verstehen und unglaublich praktisch um sich auszudrücken ohne “echte” Adjektive zu lernen. 😉

擬音語 (Gi-on-go) und 擬声語 (Gi-sei-go) – Geräusche und Stimmen nachahmen

Das kennt ihr auch aus dem Deutschen, vor allem der Kindersprache: Wuffwuff (ワンワン wanwan), Miaumiau (ニャーニャー Nyânyâ), Muhmuh (モー Mô). Auf Japanisch geht es noch etwas weiter. Wie klingt z.B. Regen?

Ist er しとしと (Shitoshito; leichter, an sich kaum hörbarer Regen), ぽつぽつ (Potsupotsu; leicht tröpfelnd, wenn es z.B. anfägt zu regnen), ザーザー (Zâzâ; strömender Regen), びしょびしょ (Bishobisho; sehr starker Regen; wenn man vom Regen durchweicht ist, ist man auch Bishobisho), oder eines der anderen Lautworte?

Beispielsatz: ぽつぽつと降ってきたね。 (Potsupotsu to futte-kita ne.; Es hat angefangen leicht zu tröpfeln.)

擬態語 (Gi-tai-go) – Zustände nachzeichnen

Gitaigo ist etwas schwieriger zu verstehen, denn was bei Giongo und Giseigo Laute sind, sind bei Gitaigo Eindrücke und Beschaffenheit. Wie beschreibe ich Funkeln, weiche Haare, oder die rosarote Brille mit Lautworten? Gar kein Problem!

キラキラ (Kirakira) Funkeln
サラサラ (Sarasara) trocken und weich
めろめろ (Meromero) so verliebt sein, dass man ganz weich wird

Beispielsatz: 星がキラキラとしている! (Hoshi ga kirakira to shiteru! Die Sterne funkeln!)

Was einem Anfangs etwas eigenartig vorkommt ist übrigens nach einiger Zeit untrennbar miteinander verbunden: Natürlich ist じろじろ (jirojiro) unablässiges Starren, was denn sonst?!

Viele Lautworte werden auch gar nicht als solche erkannt: たっぷり (tappuri; viel) und すっきり (sukkiri; erfrischt) z.B.

Und grammatikalisch?

Lautworte baut man grammatikalisch korrekt mit と (to)* in Sätze ein. So wird aus

子供が泣いている (Kodomo ga naiteiru; Das Kind weint)

dank Lautworten z.B.

子供がシクシクと泣いている (Kodomo ga shikushiku to naiteiru; Das Kind weint schluchzend) oder

子供がぽろぽろと泣いている (Kodomo ga poroporo to naiteiru; Das Kind weint mit großen Tränen) oder

子供がおいおいと泣いている (Kodomo ga oioi to naiteiru; Das Kind weint laut)

Man kann seine Sätze also anschaulicher gestalten, vor allem weil diese Lautworte für Japaner nicht den Umweg übers Gehirn ins Herz machen. 😉

* Wenn ihr erst anfangt zu lernen, kennt ihr “to” wahrscheinlich nur als “und”. “To” hat aber auch noch andere Verwendungen, z.B. in der wörtlichen Rede: お母さんがダメと言った (Okâsan ga dame to itta; Mama hat “nein” gesagt).

Natürlich kann man es sich auch, dank する (suru; machen) und である (de aru; sein), einfacher machen.

キッチンがピカピカしてる (Kicchin (Kitchen) ga pikapika shiteru; die Küche glänzt)

もう二日酔いでへろへろだよ (Mô futsukayoi de herohero da yo; Wegen meines Katers habe ich gar keine Kraft)

あー、ドキドキしてる (Â, dokidoki shiteru; Oh man, mein Herz klopft)

Meine liebsten Lautworte sind übrigens ダラダラ (daradara), のびのび (nobinobi) und ごろごろ (gorogoro), die alle in etwa dieselbe Bedeutung haben: Faullenzen und nichts tun. 😉

Habt ihr Lieblingslautworte? 😀 Schreibt sie gern in die Kommentare.

Die verflixte Sieben.

無題Vor einigen Jahren spielte ich ゼルダの伝説 夢幻の砂時計 (Zeruda no Densetsu Mugen no Sunadokei; The Legend of Zelda: Phantom Hourglass) auf meinem Nintendo DS. Eines der ersten Rätsel im Spiel ist ganz simpel: Mann muss lediglich zählen wie viele Palmen auf einer kleinen Insel sind und die Zahl auf den Touchscreen schreiben.

Ich lief also als Link über die Insel und zählte sieben Palmen. Auf den Touchscreen schrieb ich:

deutsche 7Falsche Antwort. Ich lief noch einmal über die Insel. Es waren noch immer sieben Palmen. Ich versuchte es noch einmal. Noch immer die falsche Antwort. Ich schrieb sechs und acht, doch auch diese Antworten waren falsch. Nach einigen Minuten gab ich den Nintendo DS meinem Mann.

Ich glaube ich bin zu blöd für dieses Spiel. Ich sehe sieben Palmen, aber wenn ich 7 schreibe wird das nicht angenommen.

Mein Mann nahm das Gerät, zählte die Palmen und schrieb:

japanische 7Das Rätsel war gelöst.

Japaner, und auch Koreaner, schreiben die Zahl sieben einfach anders.

In Europa und an anderen Orten wird die sieben so geschrieben, wie ich sie schrieb. Das hängt damit zusammen, dass man sonst leicht eins und sieben verwechseln kann. In Japan gibt es aber das Katakana (Silbenzeichen) ヌ (nu), das man leicht mit der deutschen Sieben verwechseln könnte. Also gibt es stattdessen einen kleinen Strich.

Sehr mysteriös, aber ich habe mich angepasst und schreibe das jetzt auch so. Die verflixte Sieben. 🙂

Kennt ihr solche Beispiele, wo an sich universelle Zeichen in einem bestimmten Land anders geschrieben werden?

Blau, blau, blau sind alle meine Ampeln.

IMGP8661Bei manchen Dingen könnte man meinen, sie wären überall so. Ampeln zum Beispiel: Grün, Gelb, Rot. Das ist international so festgelegt, daran ist nichts zu rütteln. Oder etwa doch? In Japan sagt man nämlich nicht “Es ist grün!” (緑です! Midori desu!), sondern “Es ist blau!” (青です! Ao desu!).

青 (Ao; Blau) hat eine sehr viel längere Geschichte als 緑 (Midori; Grün)*. Die Farben im alten Japanisch waren Rot, Weiß, Schwarz und Blau. Die ersten drei Farben sind übrigens nicht untypisch: Wenn eine Sprache zwei Farben kennt, sind es meist Weiß und Schwarz. Kennt sie drei kommt Rot dazu. Danach kommt oft entweder Gelb oder Grün; in Japan war es Blau, 青 (Ao).

* Erst seit Ende des zweiten Weltkriegs wird in Lehrmaterialien für Kinder zwischen Grün und Blau unterschieden. Noch früher waren kalte Grüntöne blau und warme Grüntöne gelb.

Aber was ist eigentlich alles blau, wenn man kein Wort für Grün hat? Blätter sind blau – 青葉 (Aoba; frische Blätter). Grünes Gemüse ist blau – 青野菜 (Aoyasai; grünes Gemüse). Äpfel sind blau – 青りんご (Aoringo; grüner Apfel). Auch heute noch.

Selbst als 緑 (Midori; grün) eingeführt wurde, wurde es erst nur als Abstufung von blau wahrgenommen. Als dann um 1930 die ersten Ampeln aufgestellt wurden, hieß das Grüne Licht 緑色信号 (Midori-iro Shingô; grünfarbenes Signal). War ja schließlich so festgelegt.

Aber irgendwie setzte sich das nicht durch. Die Ampeln waren grün, die Menschen nannten sie blau. 青信号 (Aoshingô; blaues Signal) geht auch viel einfacher über die Lippen. Man hätte natürlich versuchen können es durchzusetzen. Eine Marketingkampagne für das grüne Licht entwerfen, mit Kinderbüchern und Liedern. Anpassen an den internationalen Standard, keine Farbsonderregelungen für Japan!

IMGP7999Japan hat sich letztendlich für den Weg des geringeren Widerstands entschieden: Japanische Ampeln sind blau. Also natürlich sind sie nicht komplett blau, an internationale Regeln hält man sich hier schon, aber sie sind so bläulich wie es unter den Bestimmungen irgend möglich ist.

Vergleicht einmal das Titelbild mit dem Ampelmännchen in Berlin. Das Ampelmännchen in Berlin ist nicht nur stylischer als sein japanisches Gegenstück, sondern auch viel viel grüner.

Sprachen sind schon etwas Schönes. 🙂