Fernbeziehungstrauma?

Heute Nacht träumte ich, dass ich wieder nach Deutschland zurück müsste. Mein Mann verabschiedete mich am Flughafen, dann war ich wieder in Deutschland und nur am Heulen.

Tatsächlich brachte mein Mann mich damals, während wir eine Fernbeziehung führten, vier Mal zum Flughafen. Jedes Mal flossen Tränen. Jedes Mal war der Heimflug eine Tortur. Jedes Mal kam mein Mann nach Hause in eine Wohnung, in der ich noch vor kurzem war.

Natürlich sind wir inzwischen seit fünfeinhalb Jahren verheiratet, und ich muss nie wieder unfreiwillig zurück nach Deutschland. Trotzdem sind wir beide von der Fernbeziehung noch immer gezeichnet. Also, wahrscheinlich vor allem ich. 😉

Als ich vor zwei Jahren allein nach Deutschland flog, schaltete mein Kopf direkt in “Ich werde ihn mehrere Monate nicht sehen können”-Modus. Dabei würden es weniger als zehn Tage sein. Spaß macht das nicht, wenn man dann total verzweifelt weinend im Hotelzimmer sitzt, ohne einen echten Grund zu haben. Egal wie viel stärker uns die Fernbeziehung gemacht hat, so richtig gesund war das für mich wahrscheinlich nicht.

Immerhin kann ich jetzt, wenn ich so etwas träume, schnell zu meinem Mann ins Bett hüpfen und mich vergewissern, dass er noch da ist. 🙂 Das hilft auf jeden Fall.

Kennt noch jemand dieses Nachklingen von Fernbeziehungen, und wann geht das weg?

(Das Foto ist übrigens von unserer japanischen Hochzeit, als wir vor dem Umziehen herumalberten.)

Wie Japan und die Zeit mich verändert haben.

Manchmal fällt mir auf, wie sehr ich mich im Laufe der Jahre verändert habe. Das merke ich entweder zurück in Deutschland, oder in der Interaktion mit anderen Ausländern, vor allem denen, die erst kurz hier sind, oder auch einfach mal so zwischendurch. Bitte immer daran denken, dass ich mich mit mir selbst vor fast 5 Jahren vergleiche, das Alter mag also durchaus auch eine Rolle spielen. 😉

1. Nicht anfassen!

Nach durchgängig vier Jahren in Japan bin ich es überhaupt nicht mehr gewohnt, Leuten die Hand zu schütteln oder zur Begrüßung oder Verabschiedung zu umarmen. Man macht es in Japan einfach nicht, plötzlich Bekannten sehr nah zu kommen ist eigenartig. Fühlt euch also nicht beleidigt, wenn ich mal nur winke. 😉

2. Claudia ist jetzt ein richtiges Mädchen!

Bevor ich nach Japan kam, hatte ich, wenn überhaupt, nur wenig sehr günstiges Make-Up, vier Paar Schuhe und zwei Handtaschen. Das ist jetzt ein klein wenig anders. Make-Up trage ich noch immer nicht jeden Tag, aber wenn ich am Wochenende ausgehe oder nach der Arbeit etwas vorhabe, kann ich es inzwischen auf Tasche und Schuhe abstimmen. 😀 Ich habe inzwischen auch tatsächlich mehr Röcke als Hosen, aber das mag etwas mit japanischen Größen zu tun haben.

3. Dann bin ich halt groß.

Ich bin mit 171cm Körpergröße in Japan recht groß. Es gibt größere Japanerinnen als mich, aber die meisten sind kleiner. Als ich zuerst hier war, wollte ich keine Schuhe mit hohen Absätzen tragen, um nicht noch mehr aufzufallen. Letztendlich ist es aber total egal, wie groß ich bin – auffallen tue ich sowieso. Ob ich zusätzlich froschgrüne Absatzschuhe trage, ist dann auch egal. Auf Arbeit habe ich übrigens eine 177cm große japanische Mitarbeiterin die jeden Tag hohe Schuhe trägt und einfach fantastisch aussieht. 😀 Inspiration!

4. Die japanische Denke färbt ab.

Das japanische Allgemeingedankengut hat so einige Aspekte, die nicht ganz cool sind. Tattoos sind schlecht, Menschen, die von der Norm abweichen, werden nie erfolgreich sein, und wer mit Mitte 30 noch nicht unter der Haube ist hat einen Defekt.

Manchmal muss ich mich wirklich hinterfragen, um diese Allgemeinplätze nicht einfach zu wiederholen. Eigentlich weiß ich es natürlich besser, aber die Umwelt beeinflusst einen doch mehr, als man es zugeben möchte.* Japan hat eine ganz andere Vorstellung davon, wie ein “guter Mensch” oder ein “gutes Leben” aussieht. Das Korsett dieses Ideals ist unglaublich eng, passt nur wenigen Menschen, und lässt keinen Raum für Individualität. Auf eine gute Schule gehen, auf eine gute Uni gehen, einen guten Job bekommen, mit Mitte 20 heiraten, mit Ende 20 Kinder, arbeiten, arbeiten, arbeiten, Rente. Dazwischen bloß nicht aus dem Rahmen fallen. Da in meinem Kopf etwas entgegenzusetzen ist manchmal gar nicht so einfach.

* Wieviele Menschen glauben, dass Werbung sie ganz sicher nicht beeinflusst?

5. Nur für kurze Zeit? Muss ich haben!

Ich habe bereits einen ganzen Eintrag über 期間限定 (Kikangentei; für begrenzte Zeit verfügbar) geschrieben. In Japan hat so gut wie jeder Laden irgendetwas, was man nur kurzzeitig erstehen kann. Starbucks hat in Japan so gut wie immer irgendein Spezialgetränk, MOS Burger hat immer irgendeinen besonderen Burger und bei Mister Donut gibt es auch immer etwas anderes. Wenn es etwas nur kurzzeitig gibt, stelle ich mich dafür auch an. Was mich zum nächsten Punkt bringt…

6. Ich bin Schlangenbezwingerin.

Japaner mögen lange Schlangen zwar nicht, aber für sie ist Anstehen kein Grund aufzugeben. Bei Restaurants gibt es regelmäßig Schlangen, weil der Laden einfach voll ist. Dann setzt man sich eben auf dafür hingestellte Stühle und wartet. Oder schreibt seinen Namen auf eine Liste und wartet. Wenn es wirklich zu lange dauert, geben wir natürlich auch auf, aber das ist bisher kaum mal passiert.

In Deutschland würde man wahrscheinlich statt zu warten einfach zu einem anderen Restaurant gehen…

Gibt es etwas, was sich an euch verändert hat, seit ihr ins Ausland gezogen seid? Schreibt es mir in die Kommentare! 🙂

Peinliche Geschichten ums Essen.

Es ist mitten in der Woche, in Tokyo ist es kalt und regnerisch. Wir könnten also alle ein wenig Aufheiterung vertragen, weswegen ich euch zwei Geschichten erzählen werde, bei denen ich mich zum Affen gemacht habe. 😀

Popo-Rettich

Während meines Working Holidays habe ich zuerst bei einem deutschen Restaurant gearbeitet. Das Restaurant gibt es heute nicht mehr, aber das ist um ehrlich zu sein auch nicht besonders traurig. Auf jeden Fall hatten wir jeden Tag ein anderes Mittagessen des Tages (日替わりランチ; Higawari Ranchi/Lunch), das wir am Morgen auswendig lernen mussten.

Ich weiß nicht mehr, was genau es gab, aber hier ist in etwa, was ich den Gästen erzählte:

日替わりランチはハンバーグとおしり大根 (Higawari Ranchi ha Hanbâgu to Oshiri Daikon)

Woraufhin die Leute mich komisch ansahen. Ich wiederholte die Ansage natürlich, mir war nicht klar, was ich falsch gemacht haben könnte. Bis mein Kollege meinte:

おろし (oroshi), nicht おしり (oshiri)!

Ich versank spontan im Boden. Während oroshi nämlich “gerieben” heißt, ist oshiri… der Hintern. Seit ich die Geschichte einmal meinem Mann erzählt habe, zieht er mich immer mal damit auf… Hmpf.

Kühle Nudeln

Vor viereinhalb Jahren heirateten mein Mann und ich, und im Sommer zogen wir zusammen in eine kleine Wohnung. Erst nach eineinhalb oder zwei Monaten hatte ich einen Job, davor war ich quasi ständig zuhause.

Vom Kochen hatte ich nicht so wirklich den Plan, als mein Mann sich zum Abendessen 冷やしうどん (Hiyashi Udon; gekühlte Udon-Nudeln) wünschte, ging ich brav Udon und つゆ (Tsuyu; Soße für japanische Nudeln) kaufen. Bevor mein Mann nach Hause kam, bereitete ich die Nudeln vor und stellte sie in den Kühlschrank. Sind ja schließlich gekühlte Nudeln, oder?

… Ehm, nein, so funktionieren kalte Nudelgerichte nicht, wie mir mein Mann ganz verblüfft erklärte. Ich musste ihm erst meinen Gedankengang erklären, bevor er verstand, was genau ich versucht hatte.

Bei kalten japanischen Nudelgerichten kocht man die Nudeln, wäscht sie dann mit kaltem Wasser und benutzt kalten Tsuyu. Meine Kühlschrankkreation war nicht wirklich essbar, aber mein Mann hatte etwas zu lachen. Immerhin etwas. 😉

Erzählt mir von euren Küchenkatastrophen oder peinlichen Wortverwechslungen! Dann fühle ich mich nicht so allein. 😀

Alte Bekannte.

SymbolfotoMorgens kurz vor neun stehe ich an einer Ampel in Roppongi. Die Luft ist angenehm kühl, nachts hat es endlich geregnet. Mit den teuren ausländischen Autos und den Taxen, die das Straßenbild hier dominieren, fährt ein Fahrradfahrer gemächlich an mir vorbei. Er guckt mich an, nickt mir zu und ist schon wieder weg.

Ich schaue auf Facebook nach, wo ein Bekannter mit dem ich seit Jahren kein Wort mehr gewechselt habe, jetzt lebt. Über Umwege* stelle ich fest, dass er seit einigen Monaten nicht mehr in Japan ist. Er kann es also nicht gewesen sein.

* Oder auch “Internetstalking”.

Ich habe nicht aus einer reinen Laune heraus vor fast sieben Jahren beschlossen nach Japan zu kommen. Die Wurzeln dieses Vorhabens liegen viele Jahre zurück, zu Pokemon und Chobits, und vor allem: Visual Kei, dieser Art Musik, mit der ich heute gar nichts mehr anfangen kann. In der Hinsicht bin ich wahrscheinlich wie viele andere junge Erwachsene – die Vorlieben, die wir als Teenager hatten, verwirren uns heute – nur dass mein Leben japanisch geprägt war. Zwischen meinem 13. und 18. Lebensjahr habe ich quasi Japan geatmet, ohne Rücksicht auf die Nerven meiner Umwelt.

In der Schule war ich von der siebten Klasse bis zum Anfang der Sek II ein ziemlicher Außenseiter. Aber immerhin einer, der über das Internet haufenweise Freunde fand, ob aus Berlin oder anderswo. Meine besten Freunde zu der Zeit lernte ich über ein Internetforum kennen. Als sich meine Japanobsession in Richtung Gothic Lolita wandte, traf ich auf Animexx Mädchen mit denselben Interessen und lernte über sie noch viel mehr Leute kennen. In der Schule hatte ich neben Julia (die mir Jahre später mein Hochzeitskleid nähte) und Melissa (von Breeding Unicorns) noch weitere Freunde, die fast genauso in Japan vernarrt waren wie ich.

Man läge also nicht komplett daneben, wenn man mein Umfeld mit “eine grosse, japanfixierte Blase” beschreiben würde. Mit den meisten Leuten aus dieser Zeit habe ich keinen Kontakt mehr.

Aber dass mir jemand plötzlich in Tokyo über den Weg läuft ist nicht unglaublich unwahrscheinlich. Die meisten meiner Freunde von damals waren schon einmal in Japan, ob im Urlaub oder für längere Zeit. Tatsächlich traf ich 2008 oder 2009 zwei Bekannte aus Berlin auf dem Bahnsteig in Harajuku.

Letztendlich ist mein Bekannter, dem der Fahrradfahrer so ähnlich sah, auf einem anderen Kontinent. Aber ich habe mich mal wieder an all das erinnert, was zu der Zeit passierte, als ich nur gedanklich ständig in Japan war. Wie viel sich verändert hat, mit wie vielen Leuten ich keinen Kontakt mehr habe. Mir macht es eigentlich nur deutlich, wie wichtig die sind, die konstant bleiben. Die, die man nicht oft sieht, und mit denen man nicht ständig quatscht, mit denen man aber ohne nachzudenken Pferde stehlen würde. Danke, ihr wisst wer ihr seid. An euch erinnere ich mich auch ohne dass ein Doppelgänger von euch durch Tokyo läuft. 🙂