Schlaf.

Letztens war ich abends mit dem Göttergatten im Café.

Göttergatte: Ich glaube, wir schlafen zu lang.

Ich: Eh? Ich finde acht Stunden ziemlich gut.

Göttergatte: Als ich noch studiert habe, habe ich immer nur viereinhalb Stunden geschlafen.

Ich: Wir können ja mal versuchen, weniger zu schlafen.

Seitdem verringern wir die Schlafstunden, um die perfekte Zeit zu finden. Nach sechseinhalb Stunden bin ich ziemlich gerädert. Mein Rücken und mein Kopf schmerzen, wahrscheinlich wird das beim Einschlafen auseinander-, und erst nach sieben Schlafstunden wieder zusammengebaut. Am Montag hatte ich eine dicke, fette Migräne, was sich total gut macht, wenn man auf Arbeit von mindestens zehn kleinen Kindern umgeben ist. Der kleinste Junge hat derzeit das Schreien für sich entdeckt. Ich wollte einfach nur in einen dunklen Raum, damit ich nicht sehen muss, wie mein Kopf explodiert.

Weil die Arbeitsstelle meines Mannes weit entfernt ist, stehen wir übrigens jeden Morgen um fünf Uhr auf. Dann bleiben mir noch drei Stunden, bis ich aus dem Haus muss. Zeit, die ich eigentlich mit sinnvollen Dingen füllen sollte. Ich könnte lernen, oder lesen, oder den Arbeitstag vorbereiten, aber nein, ich surfe, esse noch mal was, und verspreche mir selbst, dass ich dafür in der Bahn lernen werde. Klar.

Freunde.

Es war damals, als ich 2008 nach Japan gekommen bin, genauso schwierig Freunde zu finden, wie jetzt. Damals hatte ich das Glück, dass eine Bekannte in Tokyo einen Sprachkurs belegt hat, und ich viele Sprachschüler kennengelernt habe. Da war ich also, in Japan, umgeben von vielen Schweden*, und sprach Englisch.

* Die Schweden haben ein Programm, bei dem sie vom Staat Geld leihen können, wenn sie im Ausland eine Schule besuchen.

Auf Arbeit wurde Deutsch und Japanisch gesprochen, und mein Japanisch verbesserte sich kaum. Japanische Freunde habe ich auch nicht gefunden, vielleicht hatte ich einfach Pech oder zu wenige Möglichkeiten jemanden kennen zu lernen. Fremde ansprechen kommt in Japan noch komischer, als in Deutschland, vor allem wenn man Ausländer ist.

Dann wechselte ich den Beruf, und plötzlich wurde zwar ausschließlich Japanisch und Chinesisch gesprochen, aber ich war von älteren japanischen Damen und marginal jüngeren Chinesinnen umgeben. Die machten sich als Freunde nicht all zu gut, und mein Japanisch verbesserte sich zwar, war aber noch immer relativ schlecht.

In diesem Jahr habe ich auch im weiteren Verlauf keine Freundschaften mit Japanern geschlossen, außer mit dem einen, mit dem ich jetzt verheiratet bin. Das Problem ist, dass man als minder qualifizierter Ausländer oft an Jobs kommt, in denen viele andere Ausländer arbeiten, was nicht besonders hilft, wenn man Japaner treffen will.

Dieses Mal habe ich im Vorfeld verschiedene Leute gefragt, ob sie nicht jemanden in Tokyo kennen, und treffe mich unregelmäßig mit diesen, mir vorgestellten, Japanern. Mit einer wird das glaube ich noch was ganz Gr0ßes, aber sie hat kaum frei. Der nächste Schritt wäre, andere Leute kennen zu lernen, über diese Leute, aber das dauert noch ein wenig. Ihr werdet sehen, in zehn Jahren, da habe ich mindestens fünf Freunde!

Zusammenfassend wäre zu sagen, dass ich es nicht leicht fand oder finde, Freunde zu finden. Das ist aber auch nicht unbedingt meine Spezialität und war es noch nie, deswegen geht es anderen da sicher ganz anders.

Meine schöne, weiße Haut.

Durch den Sommer bin ich dunkler geworden. Da ich für gewöhnlich bekleidet durch die Stadt laufe, beschränken sich die dunklen Stellen auf alles, was nicht vom Stoff bedeckt war. Meine Oberarme und Schultern sind hell, und ich habe dunkle Haut in T-Shirt-Ausschnitt-Größe. Bei meinem Mann ist das alles noch etwas heftiger, er arbeitet auf der Baustelle unter der Sonne.

In Japan gibt es das Ideal vom 美白, dem “schönen Weiß”. Der japanische Wikipedia-Artikel heißt in der übersetzten, englischen Version interessanterweise “Whiteness in Japanese culture“. Abgesehen von Männern, Kindern, Jugendlichen und einigen wenigen Modestilen, ist weiße Haut absolut erwünscht. Ich wurde in Läden oft für meine wunderschöne weiße Haut bewundert (meine Standardantworten: “Ich bin Mitteleuropäerin.” und “Ich gehe einfach nicht so viel raus.”).

In Drogerien gibt es haufenweise Cremes und Sprays, die die Haut aufhellen sollen. Sogar Nivea stellt solche Cremes her. Interessanterweise werden die oft mit Fotos von blonden Westlerinnen beworben, übrigens genau wie Zahnkosmetik.

Ich bin sehr versucht, mir eine Aufhellungscreme zuzulegen, obwohl ich mich sonst immer über die Frauen, die im Sommer mit langen Handschuhen, Gesichtsvermummung und Sonnenschirm herumlaufen, lustig gemacht habe. Aber eine Creme, das ist ja fast nichts, und damit sieht man auch nicht so bescheuert aus. Bisher hält mich aber der Preis ab. Der Preis der Schönheit, hach.

(Übrigens habe ich vor längerer Zeit eine Sendung gesehen, wo Frauen in Asien gezeigt wurden, die durch Bleichcremes extreme Hautschäden davongetragen hatten. In Japan ist das wohl alles geprüft, und bei der Masse der Frauen, die die Sachen kaufen, vertraue ich darauf, dass ich auch nach der Anwendung noch Augenbrauen habe.)

Massenabfertigung für die Gesundheit.

Ich hantiere auf Arbeit mit Essen. Also ich verarbeite keine Lebensmittel und ich pansche auch nicht damit rum, aber ich teile die Lunchboxen (Brotbüchsen) aus, in die vorher vom Küchenpersonal Essen geschubst wurde.

Deswegen musste ich zum Gesundheitscheck. Vorher gab es zwei Seiten, auf denen ich einige Dinge ankreuzen und ausfüllen musste, damit der Arzt nicht allzu viel mit mir reden muss. Schnell angegeben, dass ich nicht rauche, wenig trinke, meine Familie großteils beschwerdefrei ist, usw. usf. Außerdem, dass ich manchmal Magenschmerzen und Gelenkschmerzen habe.

Die Gelenkschmerzen haben erst in Japan angefangen, an Tagen mit hoher Luftfeuchtigkeit tun mir Knie, Ellenbogen und Fingergelenke weh und ich fühle mich ein wenig wie Oma Wetterwachs. Der Göttergatte meint, das wäre komplett normal. Ich finde es anstrengend und nervig und will es nicht haben.

Bei meiner Untersuchung wurde darauf nicht eingegangen. Zu meiner Magenproblematik wurde nur gesagt, dass das schon okay wäre, wenn daran schon darumgedoktert wurde. Also kurz Lymphknoten abtasten, Herzschlag abhören, Blutabnehmen brauchen wir nicht, weiterschicken zur nächsten Station.

Dort wartet schon ein Becher auf mich, bitte füllen, bitte bis 25ml. Auf der Toilette kurz verschnaufen. Dann draußen hinsetzen mit drei anderen, die denselben Kurs wie ich ablaufen. Sofort werde ich wieder aufgerufen, Röntgen. Auf einem Plakat wird informiert, dass die Strahlung keine Beeinträchtigungen hervorruft. Hier hinstellen, Kinn hier rauf, Arme an die Seite, einatmen. Wieder vorbei, nächste Station – Messen (171,3 cm), Augentest. Der Ring ist geöffnet nach links, rechts, oben, unten. Beim zehnten Ring kann ich die Öffnung nicht mehr erkennen. Auf einem Auge habe ich 0.8, auf dem anderen 0.9.

Nach weniger als einer halben Stunde bin ich fertig, ob ich Tuberkulose habe, weiß ich nicht. Die Krankheit gibt es in Japan noch, ich hörte von einer Freundin einer Mitarbeiterin, die geröngt wurde und plötzlich einen schwarzen Fleck auf dem Bild der Lunge hatte. Im westlichen Ausland konnte man damit erst einmal nichts anfangen, die Krankheit ist bei uns quasi ausgestorben.

Vielleicht verrät man mir das demnächst auf Arbeit, oder ich bekomme das Ergebnis per Post.

Ich habe noch einen Brief von meiner Präfektur, laut dem ich mich ein Mal im Jahr kostenlos durchchecken lassen kann. Vielleicht nehme ich mir mal einen Tag frei und mache das. Will ja gesund bleiben.