Alles redet mit mir.

Als ich 2008 das erste Mal nach Japan kam, gab es nur eine Sache, die mir ernsthaft Sorgen bereitete: Alles machte Geräusche. Alles erzählte mir irgendetwas. In einer Sprache, die ich nur ansatzweise sprechen konnte. Selbst heute wundert es mich noch ein wenig, wie man ständig zugelabert wird.

In der Bahn:

Es kann sein, dass wir um einem Unfall vorzubeugen plötzlich stoppen müssen, also halten Sie sich fest. In dieser Bahn gibt es Priority Seats für ältere Menschen, Menschen mit Bewegungseinschränkungen, Schwangere, die kleine Kinder dabei haben. Wir bitten Sie, in der Nähe der Priority Seats das Handy auszuschalten. Sehen Sie bitte im Rest der Bahn von Telefongesprächen ab.

Auf der Rolltreppe:

Bitte treten Sie nicht auf den gelb markierten Bereich. Bitte halten Sie sich fest. Bitte seien Sie vorsichtig.

Von einem Krankenwagen:

Bitte machen Sie den Weg frei, dies ist ein Krankenwagen.

Am Geldautomaten:

Bitte stecken Sie ihre Karte rein. Bitte geben Sie ihre PIN ein. Bitte geben Sie den abzuhebenden Geldbetrag ein.

Und all das erwartet Aufmerksamkeit von einem. Richtig ruhig ist es nicht einmal zuhause, denn jeden Tag um halb fünf gibt es folgende Ansage aus den großen Lautsprechern, die überall draußen installiert sind:

Dies ist eine Ansage. Es ist halb fünf und wird langsam dunkel, also spielt nicht mehr draußen.

Und um fünf gibt es natürlich ein Glockengebimmel um den Feierabend einzuläuten.

Zum Glück lebe ich nicht in Shinjuku oder an ähnlichen Orten, wo sich zu all dem auch noch der Krach der Geschäfte gesellt. Marktschreien ist hier nämlich noch in Mode.

Bibliothek in Japan, grüne Hexen und ein überarbeiteter Ehemann.

Eigentlich war die letzten Wochen nicht viel los. Ich erzähle trotzdem mal.

Mein Mann ist fast nur noch auf Arbeit. Unter der Woche schläft er im Hotel, weil er, würde er die eineinhalb Stunden nach Hause fahren, ein noch größeres Schlafdefizit hätte. Im Gegensatz zu mir kann er in der Bahn nämlich nicht schlafen. Morgen fahre ich vielleicht abends zum Hotel, um ihn mal wieder zu sehen und ihm saubere Kleidung zu bringen. Ich rette mich mit dem Gedanken, dass wir in zwei Wochen zusammen in Deutschland sind und sowieso schon mehrere Monate, ohne einander sehen zu können, überstanden haben. Derweil betreibe ich Retail-Therapy.

Nachdem ich großspurig angekündigt hatte, mehr Bücher zu lesen, habe ich mich bei der Bibliothek angemeldet. Die Stadt unterhält Bibliotheken an verschiedenen Orten. Die größte könnte ich theoretisch mit dem Fahrrad erreichen, wäre es nicht so kalt. So muss ich mit Bahn und Bus hinfahren. Die kleinste habe ich gleich an dem Bahnhof, an dem ich jeden Morgen in den Zug gen Arbeit steige. Die hat leider nur japanische Bücher, und ich muss zugeben, dass ich das Schmökern in japanischen Buchhandlungen und Bibliotheken noch üben muss.

Dafür bekomme ich am Wochenende aber ein großes Bücherpaket mit Büchern von 東野圭吾 (Higashino Keigo), der das Buch zu 麒麟の翼 (Kirin no Tsubasa) geschrieben hat, von meiner Schwiegermutter.

Die Internetplattform der Bibliothek hier ist übrigens nicht so ausgereift, wie das des VÖBB (Verbund öffentlicher Bibliotheken Berlin).

Auf Arbeit läuft soweit auch alles rund, bis auf einen Mitarbeiter, der nur Probleme bereitet. Ich will nicht zu viel darüber schreiben, aber während er für sechs Monate in einer anderen Filiale arbeitete, wurde kein neues Kind angemeldet, bei uns waren es fast zehn. Meiner Meinung nach sollte er sich nach einem anderen Job umsehen, am besten nach einem, in dem er nicht mit Leuten reden muss.

Die Kinder werden aber immer besser darin, Englisch zu sprechen und generell sozialverträglich zu sein, das freut mich und ich schreibe es natürlich alles auf meine Kappe. 😉

Oh, und ich habe mal wieder etwas Deutsches in Japan gefunden: Grüne Hexe (im Japanischen 緑の魔女, Midori no Majo). Das ist eine Reihe von Reiningungsprodukten, die schonend für die Umwelt sind. Bei mir zuhause sind fast alle Reinigungsmittel supermegaumweltverträglich, erstens, weil ich es vernünftig finde, die Belastung für Umwelt und den eigenen Körper gering zu halten, und zweitens – habt ihr mal an dem Zeug gerochen? Das riecht unglaublich gut nach Kräutern!

Aber, kennt irgendjemand die Firma in Deutschland? Auch wenn auf der Flasche überall steht, dass es aus Deutschland kommt (da kann man nämlich stolz drauf sein), gesehen habe ich die grüne Hexe im Laden in Deutschland noch nie.

Selbstauswertung.

In Japan geht das Schuljahr im März zuende, und somit werden auch Kinder auf Arbeit in die Grundschule verabschiedet oder kommen in höhere Stufen. Wie sicher schon erwähnt, bin ich Erzieherin für die jüngsten Kinder, die Englischunterricht bekommen, die Nursery. Ungefähr die Hälfte meiner Lieben wird wahrscheinlich in die Pre-School kommen, wo sie dann nicht mehr mit Ausmalen und Tanzen durchkommen, sondern wirklich lernen müssen. Bei einigen der Kinder weiß ich, dass das gar kein Problem wird, andere sind vor allem in ihrer Feinmotorik weit zurück.

Auf jeden Fall muss ich einen Fragebogen ausfüllen zur Selbsteinschätzung. Dann werde ich noch von der Kindergartenleiterin eingeschätzt und vom Hauptbüro, obwohl sich da kaum mal jemand in unseren Kindergarten bemüht. Der Bogen wurde von einem Lehrer in einer anderen Zweigstelle erstellt, der für die großen Kinder zuständig ist, und somit gibt es viele Punkte, die auf mich und meine Gruppe gar nicht zutreffen.

Da gibt es zum Beispiel den Punkt “Zeigt akkurates und korrektes Verständnis der Unterrichtsthemen”. Die Unterrichtsthemen sind gar nicht komplex genug, um kein korrektes Verständnis davon haben zu können. Oder aber auch “Beginnt den Unterricht oder Aktivitäten mit einer Besprechung von vorherigem Material”. Bei uns gibt es keine großen zusammenhängenden Unterrichtseinheiten. Außerdem ist es etwas komisch sich selbst in Zahlen (1 bis 5) zu bewerten, wenn man eh nur seine eigene Sicht auf die Dinge hat, und weiß, dass eine eventuelle Gehaltserhöhung davon abhängt.

Das klingt dann entweder noch Selbstüberschätzung oder Tiefstapeln, weswegen ich bei mir fast durchgängig derzeit eine 4 eingetragen habe. So unglaublich toll finde ich meinen Unterricht nicht, er ist auch nicht schrecklich anspruchsvoll, aber er funktioniert gut mit der Klasse, und das zählt.

Morgen werde ich ins Büro der Chefin trampeln und das mit ihr durchgehen, vielleicht kann sie mir ja helfen. Selbsteinschätzung, was ein Mist.

Och, nicht schon wieder.

Am Freitag Abend kam der Mann nach Hause, fiebrig und mit Schmerzen.

Am Samstag Morgen wachte ich nach einer sehr unruhigen Nacht mit gefühlten zwanzig Minuten Schlaf auf, fiebrig und mit Schmerzen. Nase? Verstopft. Hals? Tut weh. Ohren? In die hat scheinbar jemand über Nacht was reingestopft. Klarer Fall, Erkältung. Schon wieder.

Habe also erstmal getan, was ich bei Krankheiten am besten kann: Ab ins Bett und schlafen. Als dann um drei noch keine Besserung in Sicht war, begab ich mich auf die Suche nach einem Arzt, der sich noch nicht ins Wochenende verabschiedet hatte. Gab es sogar, auch in der Nähe. Hingelaufen, angemeldet, und außer mir kein anderer Patient da, was schon mal etwas verdächtig war. Die Untersuchung war auch etwas halbherzig, “Jaja, das sind Frühsymptome einer Erkältung, ich schreibe Ihnen da mal was auf”, und ich bekam drei Medikamente. Meist bekommt man beim Arzt übrigens kein Rezept in die Hand gedrückt, sondern gleich die Medizin, abgezählt und in einer Papiertüte. Das ist durchaus ganz nett und erspart mir einen weiteren Weg.

Heute geht es mir auch schon viel besser, die Ohren habe ich gestern mit Inhalieren frei bekommen, den Rest habe ich den Kochkünsten des Göttergatten zu verdanken, der sich, wie immer, aufopferungsvoll* um mich gekümmert hat. Eigenartigerweise war er auch viel schneller wieder gesund als ich, irgendwas stimmt da nicht.

* Kostprobe seiner unsterblichen Liebe zu mir:

Er: Du klingst wie ein Dieselmotor wenn du schläfst.

Ich hoffe für meinen Körper, dass das jetzt die letzte Erkrankung für diesen Winter war, langsam ist das nicht mehr lustig (war es von Anfang an nicht). In weniger als vier Wochen geht es nach Deutschland und ich denke nicht, dass ich noch mal groß krank werden sollte.