Hiroshima, Teil 2: Miyajima.

Der wahrscheinlich bekannteste Touristenort in Hiroshima ist Miyajima (宮島). Die Insel liegt sehr nahe am Festland, und ist vom Bahnhof Miyajima-guchi (宮島口) sehr schnell mit der Fähre zu erreichen. Für die Fähre gilt sogar der Japan Rail Pass! Aber auch ohne ist die Fahrt nicht sonderlich teuer.

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Direkt vom Schiff aus sieht man bereits die große Attraktion Miyajimas: Das Ōtorii (大鳥居), also das große Torii, im Meer ist eines der Wahrzeichen Japans. Während unseres Besuchs war ein Bein zwar wegen Restaurierungsarbeiten verpackt, es war aber trotzdem wunderschön. Die ganze Insel strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, und das Torii im Wasser passt da hervorragend hinein.

Auch die Rehe sind ein Wahrzeichen der Insel. Sie leben dort wild, sind aber trotzdem zutraulich. Im Gegensatz zu den Yakuza-Rehen in Nara, die treten und beißen, sind die auf Miyajima aber viel lieber. Nur Karten essen sie wohl trotzdem gern mal weg, auch wenn ihnen das wahrscheinlich im Nachinein Magenschmerzen bereitet.

Es sind auch aus einem eher traurigen Grund nicht mehr ganz so viele Rehe wie einst auf der Insel. Ursprünglich wurden sie als Rehe der Götter verehrt, als die alliierten Truppen Japan besetzten, eröffneten diese aber die Jagd auf die Tiere. Sehr heldenhaft…

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Einen kleinen, beinahe geheimen, Ort mit fantastischer Aussicht verrate ich euch auch: Um das Café Tenshinkaku (天心閣) zu erreichen muss man Treppen steigen und zur richtigen Zeit (zwischen 14:30 und 17 Uhr, freitags bis dienstags) da sein, aber die Mühe wird belohnt. Das Café ist sehr hübsch und geräumig, und man sieht vom Tisch aus die fünfstöckige Pagode (五重塔) und den Senjō-kaku (千畳閣), einen Schrein. Vom Garten aus hat man einen noch besseren Blick. 🙂

Nachdem wir uns ausgiebig ausgeruht hatten, liefen wir die Treppe wieder herunter und besuchten den Itsukushima-Schrein (厳島神社). Auch der Schrein steht zu großen Teilen im Wasser und ist allein dadurch schon ganz anders als was man sonst sieht. Eintritt zahlen muss man auch, aber ich wette, dass die ständige Instandsetzung genug Geld verschlingt, um das zu rechtfertigen.

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Die meisten Wege im Schrein sind überdacht und man ist ständig von dem rot bemalten Holz umgeben. Das ist schon ein ganz besonderes Gefühl, auch, weil man über dem Wasser ist. Auch an diesem Freitag zwischen einem Feiertag und einem Samstag war es übrigens nicht berstend voll. Wir konnten ohne Probleme durch den Schrein und über die Insel laufen.

Apropos laufen: Momiji-Manjū (もみじ饅頭), gefüllte Manjū in der Form eines Blattes der japanischen Ahorns, gibt es auf Miyajima überall und sie eignen sich hervorragend um im Gehen gegessen zu werden. Die traditionelle Füllung ist natürlich mit Bohnenpaste (こしあん koshian oder つぶあん tsubuan), aber wir haben auch Momiji-Manjū aus Croissant-Teig mit Apfelfüllung gegessen. Schmeckte gut!

Mit dem Sonnenuntergang an unserer Seite fuhren wir zurück auf die Hauptinsel. Oh, wie schön ist Miyajima.

Hiroshima, Teil 1: Kure.

Für unsere Reise nach Hiroshima entschieden wir uns gegen das Flugzeug und für die Schnellbahn. Erstens ist Bahnfahren weniger anstrengend und zweitens ist der Flughafen Hiroshima eh irgendwo im Nirgendwo. Nachdem wir um sechs Uhr morgens in Tokyo in den Zug gestiegen waren, kamen wir um zehn vor zehn mitten in der Stadt Hiroshima an.

Kurze Anmerkung: Sowohl die Präfektur als auch die Stadt heißen Hiroshima (広島). Wenn ich hier in den Überschriften von Hiroshima schreibe, meine ich die Präfektur Hiroshima. Wir waren in verschiedenen Städten in der Präfektur, aber auch in der Stadt Hiroshima.

Direkt vom Bahnhof Hiroshima aus machten wir uns auf den Weg nach 呉 (Kure), einer Nachbarstadt. Bekannt ist sie als ehemalig größter Sitz der japanischen Marine. Nur einen kurzen Weg vom Bahnhof entfernt befinden sich deswegen gleich zwei Marine-Museen: Das Yamato Museum (大和ミュージアム) und das JMSDF Kure Museum (海上自衛隊資料館).

(JMSDF = Japanese Martime Self Defense Force)

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Wir besuchten erst das Yamato Museum. In die ständige Ausstellung kommt man als Erwachsener für 500¥ (ca. 4,40€).

Was man als erstes sieht, ist eine Nachbildung des Kriegsschiffes Yamato im Maßstab 1:10. Die Yamato war zu ihrer Zeit das schwerste Kriegsschiff der Welt, den Krieg überstand sie trotzdem nicht. Die Fantasie der Japaner regt sich dafür noch immer an, auf die Yamato sind viele stolz.

Das Museum ist etwas eigenartig, einerseits wird von der Geschichte Kures erzählt, und von der überragenden Technik der dort hergestellten Kriegsmaschinen. Ich habe kein Problem damit, das zu glauben. Einen Hochgesang auf technische Überlegenheit von Kriegsschiffen ein paar Schritte von Abschiedsbriefen von jungen Männern der Kamikaze-Einheiten* entfernt zu sehen, fand ich dennoch morbide.

Zum Glück gibt es auch einen Bereich zum Wiederaufbau Kures als friedliche Stadt. Den hatten meine Nerven dringend nötig. Kriegsmuseen sind eben kein Garant für gute Stimmung – Wer hätte es gedacht.

Im Obergeschoss gibt es einen recht netten Ausprobier-Bereich für Kinder, in dem sie so einige Dinge über den Schiffsbau und andere Dinge lernen können.

* Auf Japanisch hießen die übrigens 特別攻撃隊 (Tokubetsu Kōgeki-tai) oder kurz 特攻隊 (Tokkōtai): Spezial-Angriffseinheiten. Der Zusatz 神風 (Shinpū, oder falsch gelesen Kamikaze) tauchte im Museum auf Japanisch nicht auf.

Bevor wir uns auf den Weg zum nahegelgenen zweiten Marine-Museum machten, gab es erst einmal Mittagessen. Und was kann es zwischen zwei Marine-Museen anderes geben als Marine-Curry (海軍カレー)? Wie, ihr wisst nicht, was es damit auf sich hat?

Auf jedem Schiff der japanischen Marine gibt es jeden Freitag Curry. Auf jedem. Das hat etwas damit zu tun, dass man nach Wochen auf einem Schiff das Gefühl für Wochentage verliert. Um dem entgegenzuwirken, gibt es alle sieben Tage Curry. 🙂

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Das Marine-Museum ist kostenlos und wird recht offensichtlich für die Werbung für die Marine genutzt. Dementsprechend geht es hier nicht um Kriegsgreueltaten, sondern um Minen und U-Boote.

Nach dem Krieg war das Meer um Japan herum mit Minen versetzt. Die Marine machte es wieder möglich, ohne Angst zu passieren. Im Museum wurden dafür verschiedene Minenarten und Techniken vorgestellt. Uns beiden war es vorher gar nicht klar gewesen, wie gefährlich die Meere auch nach dem Krieg noch waren.

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Im U-Boot-Teil der Ausstellung konnte man unter anderem schauen, wie gut man wohl in einem der Betten dort schlafen könnte. An sich ist es nicht komplett ungemütlich, wenn man nicht klaustrophobisch ist (aber dann sollte man vielleicht eh nicht auf einem U-Boot anheuern), aber wenn man bedenkt, dass unter und über einem auch noch zwei Leute schlafen – Nein danke.

Das U-Boot, dass ihr im Titelbild sieht, gehört auch zu diesem Museum und kann besucht werden. Wegen ihm heißt das Museum auch Stahlwal-Gebäude (てつのくじら館 ).

Es ist wirklich mit allem ausgestattet, auch wenn man natürlich nicht alles anfassen kann. Ein wenig steuern ist natürlich drin, und man darf auch mal durchs Periskop schauen. Mein Mann musste mit seinen stolzen 181 cm Körpergröße gebückt laufen, um sich nicht den Kopf zu stoßen. 😉 Wir sind wahrscheinlich beide nicht für das Leben im U-Boot gemacht.

Insgesamt war Kure durchaus spannend, aber auch etwas deprimierend. Aber hey, zu dem Zeitpunkt war ich noch gar nicht im Friedenspark in Hiroshima fast in Tränen ausgebrochen!

Noch am frühen Nachmittag setzten wir uns dann wieder in die Bahn, schließlich war das Wetter viel besser als erwartet und wir wollten Miyajima (宮島) sehen.

Ghibli-Museum in Mitaka.

Am Donnerstag Morgen machten wir uns im strömenden Regen auf den Weg nach Mitaka (三鷹) um ins Ghibli-Museum zu gehen. Nachdem ich über den schönen japanischen Herbst geschrieben hatte, wurde der nämlich trotzig. Zwei Wochen lang regnete es fast jeden Tag.

Während man eigentlich vom Bahnhof Mitaka bis zum Museum laufen kann, hatte im Regen natürlich niemand Lust darauf. Entsprechend voll war die Bushaltestelle in Richtung Museum, und wir waren uns nicht sicher, ob wir hineinpassen würden. Kurzerhand stiegen wir in ein Taxi, um statt an der Bushaltestelle vor dem Museum anzustehen. Welch Verbesserung. 😉

Unsere Tickets waren für die frühste verfügbare Zeit, also zehn Uhr morgens. Als wir um etwa 15 Minuten vor zehn ankamen, wand sich die Schlange bereits bis außerhalb des Museumsgeländes. Ganz langsam ging es voran, bis wir unter Planen standen und kontrolliert wurden: Dass nur der Käufer der Karten (mit Begleitung) ins Museum kann, wird unglaublich ernst genommen. Ihr solltet also bei einem Besuch auf jeden Fall euren Pass oder, falls ihr in Japan lebt, Residence Card oder Führerschein mitnehmen.

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Als wir es endlich ins Trockene geschafft hatten, bekamen wir Tickets mit einem Filmstreifen aus einem der neueren Ghibli-Filme. Meiner war von “Das wandelnde Schloss”, der von meinem Mann – keine Ahnung. Es war kein Charakter darauf zu erkennen. Etwas schade, aber die Idee selbst ist ziemlich cool. 🙂

Das Museumsgebäude selbst wurde nach Zeichnungen von Hayao Miyazaki, dem Schöpfer der bekanntesten Ghibli-Filme, erbaut. Auf drei Etagen kann man sich frei bewegen und so einiges entdecken. Nur Fotos dürfen keine gemacht werden, weswegen die folgenden Bilder nicht aus meiner Kamera stammen.

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©Nibariki ©Museo d’Arte Ghibli ©Studio Ghibli

Um ehrlich zu sein, war ich mir gar nicht sicher, was uns erwarten würde. Ich hatte mich vorher nicht großartig informiert, und wusste nur, dass es eine ständige und eine wechselnde Ausstellung gibt. Was ich nicht wusste ist, wie verdammt cool die sind.

Im Erdgeschoss gibt es ein kleines Kino, in dem nur dort zu sehende Studio Ghibli-Kurzfilme gezeigt werden und einen Ausstellungsraum, in dem die Geschichte der Animation auch für Kinder verständlich erklärt wird. Zwar kannte ich das natürlich schon, trotzdem war es sehr schön aufgemacht.

Über eine Treppe oder einen Fahrstuhl kommt man in die oberen Stockwerke. Im ersten Obergeschoss wird in einem Teil des Gebäudes erklärt, wie die Zeichnungen entstehen. Zur Illustration gibt es natürlich viele Zeichnungen aus den Ghibli-Filmen, euren Lieblingsfilm findet ihr sicher auch. Die Erklärungen sind großteils nur auf Japanisch, und mit Hayao Miyazaki als Schweinchenillustration versehen. 😀

Außerdem im zweiten Stock ist die wechselnde Ausstellung, diesmal unter anderem mit einem Katzenbus für Erwachsene. Im Raum nebenan, möglicherweise auch nur kurzzeitig, hing eine Flugmaschine und an den Wänden hingen Schemata von riesigen Schiffen. Als Kind hätte ich das absolut geliebt, und auch als Erwachsene hat es unglaublich viel Spaß gemacht.

Was wir diesmal leider auslassen mussten: Das Café Mugiwarabōshi (麦わらぼうし). Es war einfach viel zu voll, und wir hatten keine Lust anzustehen. Beim nächsten Mal würden wir wohl direkt nach dem Einlass ins Café rennen.

Im dritten Stock befindet sich der Katzenbus für Kinder. Auf den darf man sogar raufklettern! Leider bin ich schon länger nicht mehr zwölf Jahre alt, deswegen blieb mir dieses Erlebnis verwehrt. 😉 Außerdem: Ein Zimmer, in dem Kinderbücher vorgestellt werden. Ich finde es super wichtig, mit Kindern zu lesen, und wenn ein paar Familien so Anregungen bekommen, ist das schon toll.

Das Museum hat natürlich auch einen Museums-Shop. Dort gibt es einige Dinge, die man auch in den Ghibli-Shops bekommt, und andere Dinge, die es nur im Museum gibt. Ich konnte mir natürlich einen kleinen Einkauf nicht entgehen lassen.

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Von Temaki, Creative Commons, geschnitten und verkleinert

Was wir uns freiwillig entgehen lassen haben: Den Garten auf dem Dach des Museums. Dafür war das Wetter einfach viel zu schlecht, auch wenn wir gern den Roboter-Soldaten von “Das Schloss im Himmel” gesehen hätten. Aber wir gehen sicher noch einmal hin, spätestens wenn wir Kinder haben.

Die Schlange am Eingang war nämlich zwar ziemlich beeindruckend lang, im Museum hatten wir aber nur sehr selten das Gefühl, dass es zu voll sei. Kein Schlangestehen, keine vorgegebenen Wege, es war wie im Himmel, auch wenn mein Mann etwas verwirrt war.

Er: 順路は? (Wo ist die vorgegebene Route?)

Ich: ないと思う (Die gibt es glaube ich nicht.)

In so gut wie jedem Museum in Tokyo muss man sich nämlich schön der Reihe nach die Ausstellungsstücke anschauen. Keine Chance, irgendetwas auszulassen oder etwas länger anzusehen, man ist zwischen Vor- und Hintermann quasi eingeschlossen.

Ich würde den Besuch jedem empfehlen, der sich für Animation und/oder Ghibli interessiert. Auch ohne alles lesen zu können, kriegt man recht viel mit und schön ist es auf jeden Fall! Wie ihr an Tickets kommt, lest ihr hier.

三鷹の森ジブリ美術館
東京都三鷹市下連雀1-1-83

Ghibli Museum, Mitaka
Tokyo, Mitaka, Shimorenjaku 1-1-83

Fließend?

Diese Woche hatte einer meiner Vorgesetzten ein Vorstellungsgespräch mit einem Bewerber – oder eher der Bewerber mit ihr. Weil ich natürlich etwas neugierig war, habe ich mir die Bewerbung angesehen. Darauf stand, dass der (nicht-japanische) Bewerber vor über einem Jahrzent den jetzigen JLPT N2, also die zweitschwerste Stufe des Japanischtests für Ausländer, bestanden hatte. Außerdem hatte er direkt dahinter geschrieben, er sei “fluent”, also “fließend”. Ich war folglich schwer beeindruckt.

Für mich selbst nehme ich nicht in Anspruch, fließend Japanisch zu sprechen. Zwar habe ich im Alltag absolut keine Probleme, und auf Arbeit wurde ich schon mehrmals gefragt, welcher meiner Elternteile denn eigentlich der japanische sei, aber so richtig 100% perfekt ist es nicht. Ich würde gern besseres Japanisch sprechen. Mit mehr Adjektiven und weniger Verbesserungen von meinem Mann.

Vielleicht will ich mich auch nicht überschätzen. Wenn man sich selbst ganz oben verortet, ist die Fallhöhe recht groß. Wenn ich tatsächlich von mir selbst annehmen würde, perfektes Japanisch zu sprechen, wäre es mir verdammt peinlich, wenn ich mal wieder Silben vertausche* oder nachfragen muss. So ist es mir übrigens auch peinlich. 😉 Zum Glück mache ich auf Deutsch nie Fehler oder verspreche mich. Nie!

* Vor einigen Wochen sagte ich zu meinem Mann statt 広島楽しみ!(Hiroshima tanoshimi!; Ich freu mich auf Hiroshima!) ひろしみたのしま! (Hiroshimi tanoshima!)… Jetzt fragt er mich mindestens einmal täglich, ob “Hiroshimi tanoshima?”

Nach dem Vorstellungsgespräch sprach ich kurz mit meiner Vorgesetzten, und meinte, dass das Japanisch des Bewerbers sicher total toll war.

Sie: Nicht wirklich. Auf einer Party ginge sein Japanisch sicherlich klar, auch wenn man mit ihm zusammen essen gehen würde – aber zum Arbeiten? Nein.

Das ist nämlich auch noch mal ein Unterschied, vor allem auf Japanisch. Höflichkeitssprache muss man stumpf pauken, Etikette auch. Sich mit Freunden zu unterhalten ist Welten davon entfernt, mit einem möglichen Geschäftspartner zu reden.

Ab wann würdet ihr euch eigentlich als “fließend” bezeichnen? Wenn es um Englisch geht, habe ich da nämlich gar keine Probleme, aber Japanisch…