Ein Studentenviertel in Tokyo: Auf Gitarrensuche in Ochanomizu

Manchmal trifft man auf Ecken, in denen sich plötzlich eine bestimmte Art von Laden häuft. Auf meiner Seite des Bahnhofs stehen seit Kurzem drei Drogerien beinahe direkt nebeneinander. Was sich die Planer dabei gedacht haben, weiß ich nicht.

Es gibt aber auch Ecken in Tokyo, in denen die plötzliche Häufung von spezifischen Läden Sinn ergibt. Auf der Südseite des Bahnhofs Ochanomizu (御茶ノ水) findet man alles, was das Studentenherz begehrt. Was machen japanische Studenten, sobald sie die Oberschule abschließen? Natürlich, sie färben sich die Haare, lernen Gitarre zu spielen und schauen, wie sie am günstigsten in die Schneegebiete kommen, um Snowboard zu fahren.

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Als ich mich letztens auf der Suche nach einer gebrauchten E-Gitarre begab, war das Viertel also mein erster Anlaufpunkt.

Ochanomizu ist nur eine Bahnstation von Akihabara, Tokyos Mekka für elektronische Geräte und Anime und Manga (für Männer) entfernt. Wenn man den Bahnhof am Ochanomizubashi-Ausgang (御茶ノ水橋口) verlässt, sieht man auf der linken Seite bereits die ersten Gitarrenläden. An dem Ausgang bekommt man übrigens auch den Bahnhofsstempel, der passenderweise eine Gitarre zeigt.

Auf den gut 500 Metern der Meidai-Dōri (明大通り) befinden sich mehr als zehn Läden für gebrauchte Gitarren. Einige sind sehr klein, andere eher ausladend. Die meisten handeln mit Markengitarren, preislich etwa bei 100.000 ¥ (aktuell etwa 550 €, weil der Yen ein Witz ist) beginnend. Wenn man möchte, kann man aber auch ein Vielfaches in den Geschäften lassen.

Die Auswahl ist riesig, die Qualität gut. Generell ist Second Hand in Japan bei Weitem kein so großes Glücksspiel, wie in anderen Ländern. Das liegt unter anderem daran, dass Japaner sehr hohe Qualitätsansprüche haben und sich absolut nicht zu fein sind, sich zu beschweren, wenn diese nicht erreicht werden.

Ich habe in den Läden zwar so einige Gitarren angeschmachtet, aber als absoluter Anfänger wollte ich nicht gleich einen großen Batzen Geld in die Hand nehmen. Zwar gab es in einigen Läden auch einige günstigere Gitarren, aber keine, die mir wirklich zusagte. Letztendlich habe ich meine Gitarre im Internet gekauft, aber wenn ich upgraden will, komme ich sicher wieder nach Ochanomizu. 🙂

Wenn man die Meidai-Dōri hinuntergelaufen ist und am großen, auf Gibson-Gitarren spezialisierten Laden nach links auf die Yasukuni-Dōri (靖国通り) abbiegt, gibt es plötzlich statt Gitarrenläden haufenweise Geschäfte für Wintersportausrüstung.

Biegt man hingegen nach rechts in Richtung des Bahnhofs Jimbōchō (神保町) ab, sieht man überall nur noch Gebrauchtbuchhandlungen. Viele dieser meist sehr kleinen Läden sind auf ein bestimmtes Themengebiet spezialisiert. Da diese Läden meist privat geführt werden, sind viele von ihnen am Wochenende geschlossen. Es lohnt sich also, unter der Woche vorbeizuschauen.

Außerdem befindet sich in Jimbōchō das Jimbōchō Yoshimoto Manzai-Theater, in dem man sich wochentags abends und am Wochenende den ganzen Tag japanische Comedy live ansehen kann. Die Bühne ist kleiner, die Künstler ein wenig unbekannter und daher die Eintrittskarten ein wenig günstiger als in Shibuya. Den signifikantesten Unterschied stellt aber die Ausstattung dar: Nehmt auf jeden Fall das Angebot eines Sitzkissens an, die Sitze sind steinhart.

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Wer sich noch mehr wie ein Student fühlen möchte, kann in der Mensa der Meiji-Universität essen. Die Lounge Akatsuki (ラウンジ暁) befindet sich im 17. Stock des Liberty Towers (リバティータワー). Das Essen wird zwar keine Preise gewinnen, ist aber günstig und sättigend. Während der vorlesungsfreien Zeit ist das Menü begrenzt, dafür kommen aber nur wenige Besucher.

Mein Schwiegervater war übrigens auf der Meiji-Universität, weswegen wir uns letztes Jahr ein Spiel des Uni-Baseballteams angesehen haben.

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Auch wenn ich selbst nie wirklich Studentin war, mag ich Universitäten sehr gern. Vielleicht sogar genau deswegen. Ich habe wahrscheinlich eine sehr verklärte Vorstellung vom Studentenleben. Aber wie sollte es auch anders sein, schließlich gehen japanische Studenten offenbar nur gitarrespielend Snowboarden. 🙂

Übrigens: Wenn man schon einmal in Ochanomizu ist, kann man auch ein paar Anime-Schauplätze abklappern!

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Ein Gedanke zu „Ein Studentenviertel in Tokyo: Auf Gitarrensuche in Ochanomizu

  1. Holger Drechsler sagt:

    Der Fachbegriff aus dem Handel heißt Agglomerationseffekt, wenn sich die Geschäfte gleicher Ausrichtung häufen. Sie ziehen dann überdurchschnittlich mehr Kunden an. Und die Uni hat die Magnetfunktion. Im Handel wäre sie der Ankermieter. Deutsches Immobilienmaklerkauderwelsch.

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