Japanische Buzzwords: Bleibt mir mit eurem Ikigai gestohlen

Japanisch ist eine schöne Sprache. Sie ist ganz anders aufgebaut als Deutsch und wo Deutsch sehr konkret ist, wird im Japanischen viel impliziert. Außerdem hat sie, wie jede Sprache, unübersetzbare Wörter: Komorebi (木漏れ日), das Sonnenlicht, das durch Laub fällt, z.B.

Und dann gibt es Wörter, die total übersetzbar sind, aber von der westlichen Welt mit einer tieferen Bedeutung versehen wurden und jetzt in der westlichen Firmenwelt ein Eigenleben angenommen haben. Die, die japanischsprachige Mitarbeiter verwirrt zurücklassen, während sich anderssprachige Executives gegenseitig zu ihrer Hipness beglückwünschen.

Vielleicht ist dieser Artikel ein wenig Therapie für mich und ihr müsst da jetzt auch durch.

Wenn ich in 15 Jahren in Japan irgendetwas gelernt habe, dann, dass Japaner die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen haben. Japaner sind genauso oberflächlich und tiefgründig, wie alle anderen Menschen auf diesem Planeten. Deswegen: Eine kleine Entzauberung.

Ikigai

Ich hasse, wie “Ikigai” im Westen verwendet wird. Wenn ich eine englische Präsentation sehe, in der “Ikigai” erwähnt wird, bekomme ich sofort juckenden und eiternden Ausschlag auf meinem Hintern und Krätze.

By Eugenio Hansen, OFS – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=125614092

Ikigai (生き甲斐) ist eine simple Verbindung des Verbs ikiru (生きる, leben) mit kai (甲斐). Kai ist nicht 1:1 ins Deutsche übersetzbar, es ist in etwa “sich lohnen” oder “nutzen”, häufig hört man es in Sätzen wie

準備した甲斐があったね。
Junbi shita kai ga atta ne.
Es hat sich gelohnt, das vorbereitet zu haben.

oder auch

仕事にやり甲斐を感じない。
Shigoto ni yarigai wo kanjinai.
Ich finde meine Arbeit nicht lohnenswert.

Ikigai ist, was das Leben lebenswert macht. Ganz einfach. Das kann für jemanden die Familie sein, das Malen, der Sport, die Lieblingsband, das entspannte Frühstück am Sonntag Morgen. Für manche ist es vielleicht sogar der Beruf (Gratulation dazu!).

Aber es ist nicht “Wofür du bezahlt wirst” und schon gar nicht, was ich auch schon gesehen habe, “Was die Firma braucht”. Dieser Kapitalismus im Endstadium hat in meinem Innersten nichts zu suchen.

Kaizen

Ein weiteres viel zu häufig in selbstbeweihräuchernden Power Point-Präsentationen auftauchendes Wort ist “Kaizen”. Damit gemeint sind kontinuierliche Verbesserung und Optimierung von kleinen Dingen auf dem individuellen Level im Kontrast zu Anordnungen von oben.

Kaizen (改善) bedeutet tatsächlich “Verbesserung”. Nicht mehr, nicht weniger. Große Verbesserungen sind eingeschlossen, die Kontinuität ist nicht impliziert.

“Kaizen” im Management-Kontext wird in Japan deswegen mit Katakana (カイゼン) geschrieben oder gleich Toyota Produktionssystem (トヨタ生産方式 Toyota Seisan Hōshiki) genannt. Von daher ist das nämlich in den Westen übergeschwappt.

Genba

Auch von Toyota kommt der Begriff “Genba” (oder “Gemba”, ist beides richtig). Damit gemeint ist der Ort, an dem Wert geschaffen wird. Bei Toyota ist das in den Fabriken. Die Idee dahinter ist, dass die Menschen, die normalerweise hinter dem Schreibtisch sitzen, direkt an den Ort des Geschehens gehen sollen, um Prozesse etc. zu verstehen.

Ein Genba (現場) ist der Ort des Geschehens. Der Begriff ist sehr dehnbar und man hört ihn ständig. Z.B. wäre da der Satsuei Genba (撮影現場), der Ort, an dem etwas gefilmt oder fotografiert wird. Oder der Uwaki Genba (浮気現場), der Ort, an dem jemand fremdgeht. Möglicherweise auch ein Toyota-Executive.


Aber auch außerhalb von Power Point ist Japanisch seit Jahren angesagt.

Shinrin-Yoku

Kennt ihr das? Ihr seid gestresst, der Alltag ist euch zu viel. Und dann geht ihr im Wald oder anderweitig im Grünen spazieren, und plötzlich fühlt ihr euch viel leichter? Gratulation, ihr seid Meister der jahrtausendealten Kunst des “Shinrin-Yoku”.

Okay, jahrtausendealt ist vielleicht übertrieben. Aber doch bestimmt Jahrhunderte? Nein. Nicht einmal ein Jahrhundert. Der Begriff wurde in den 1980er Jahren erfunden.

Shinrinyoku (森林浴) bedeutet “Waldbaden”. In Deutschland nennt man das “Waldspaziergang”. Euer Waldspaziergang wird nicht spiritueller, wenn ihr ihn “Shinrin-Yoku” nennt. Das ist die Oatmeal-isierung der Haferflocke.

Ma

Ma (間) bezeichnet den Raum zwischen zwei Dingen. Die Leere, die Platz für einen Gedanken oder einen anderen Menschen macht.

Tatsächlich ist es ein wichtiges Konzept in der japanischen Kunst. Vor allem in Filmen sieht man das oft: Die Momente der Stille, die natürlich in den Rhythmus passen. Keine bedeutungsschweren Pausen, einfach durchatmen. Ma ist neutral.

Das westliche “Ma” hingegen wird oft zu einem Gegenentwurf hochstilisiert. Minimalismus, ästhetische Leere. Dabei ist Ma per Definition etwas, das zwischen zwei Dingen existiert. Ein weißes Blatt Papier ist kein Ma.


Als jemand, der über Japan schreibt, freue ich mich natürlich über das anhaltende Interesse an Japan und der japanischen Sprache.

Aber wie die japanische Sprache zu etwas mystifiziert wird, das inhährent besser als die simple, deutsche Version ist, finde ich verrückt. Natürlich gibt es japanische Worte, die Konzepte zusammenfassen, die im Deutschen eine lange Erklärung benötigen würden. Bei den meisten Modeworten ist das aber nicht der Fall.

Und bei manchen, wie “Ikigai”, werde ich fuchsteufelswütend und möchte den Firmen-PC aus dem 45. Stock schmeißen. Ein Glück, dass wir die Fenster nicht öffnen können. Vielleicht eine Gelegenheit für “Kaizen”?

4 Gedanken zu „Japanische Buzzwords: Bleibt mir mit eurem Ikigai gestohlen

  1. Holger Drechsler sagt:

    Danke für diese Klarstellungen. Einerseits sind das natürlich westliche Überdehnungen und mystisches Bedeutungshineininterpretieren, andererseits zeigt es aber auch, das man sich im Westen ein wenig vor der japanischen Kultur verneigen möchte, wenn auch ungeschickt und im falschen Winkel 😉

  2. Kumo sagt:

    Danke für diesen Beitrag, ich rolle regelmäßig meine Augen über das “Waldbaden”, wenn mir das jemand wieder als den heißen Scheiß verkaufen will. (Ich arbeite in einem naturnahen Verlag, da kommt das tatsächlich öfter vor…).. Es gibt Studien, dass Naturerfahrungen uns gut tun und die Stimmung aufhellen – aber warum kann man da nicht einfach bei den Fakten bleiben und muss es mit nem japanischen Begriff und scheinbar-mystisch-exotischen Überbau aufbauschen? 😀

  3. Ben sagt:

    Danke für die Oatmealisierung der Haferflocke. Musste mal eben den Bildschirm wieder sauber machen. 😀

    Man kann es gut mit den ganzen Anglizismen vergleichen. Für fast alles gäbe es ein entsprechendes deutsches Wort, aber bestimtme Gruppen wollen sich dadurch abgrenzen und schlauer/cooler/sonstwas daherkommen, wenn sie statt Hausmeister jetzt Facility Manager sagen.

  4. nephi88 sagt:

    „Vielleicht ist dieser Artikel ein wenig Therapie für mich und ihr müsst da jetzt auch durch.“ 😀 Du hast so recht, auch wenn es dieses Phänomen scheinbar in allen Sprachen gibt. Modeworte finde ich auch ganz schlimm. Der Haferbrei schmeckt nicht besser, nur weil wir ihn mittlerweile „Porridge“ nennen 😀 ich finde es aber wirklich interessant zu lesen, wofür es in anderen Sprachen Begriffe gibt, die es im Deutschen nicht gibt und die sich eher durch eine Stimmung beschreiben lassen. Deshalb, trotz allem Ärgernis, ein wirklich interessanter Artikel 🙂

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