Japanische Regeln: In der Schule.

Erinnert ihr euch noch an eure Schulregeln? Auf meinem Oberstufenzentrum gab es die Regel, dass wer dreimal zu spät zum Unterricht erscheint, von der Schule fliegt. Drakonisch, aber angesichts eines Großteils der Schüler dort auch verständlich. Ansonsten erinnere ich mich nur an Regeln bezüglich des Verlassens des Schulgeländes. So richtig viele Regeln gab es also nicht, und die, die es so gab, waren nachvollziehbar.

In Japan gibt es viele Schulen, die nachvollziehbare Regeln haben. Vor allem in Grundschulen wird noch nicht viel reglementiert. Es gibt aber auch Bildungseinrichtungen, in denen komplett abstruse Regeln festgelegt werden. In den letzten Jahren wird verstärkt in den Medien über sie berichtet.

Die Schuluniform allein ist noch nicht genug

Die japanische Schuluniform soll die Schüler vom Individuum in eine Gruppe formen. Doch wie soll ein Gruppengefühl entstehen, wenn Schülerinnen nicht genau die vorgeschriebene Frisur haben? Oder gar einen langen Pony? Oder wenn die Haare der Schüler die Ohren berühren? Eben. Das geht nicht.

Deswegen gibt es Schulen, die von den Mädchen entweder kurze Haare oder zusammengebundene Haare (natürlich immer in einem Stil, der gerade nicht angesagt ist) fordern. Dass man sich die Haare weder färben noch eine Dauerwelle haben darf, ist eine sehr weit verbreitete Regel, die teilweise ungeahnte Ausmaße annimmt: Es ist wohl nicht ganz selten, dass ein Schüler mit natürlich hellen oder welligen Haaren aufgefordert wird, dies zu korrigieren.

Auch interessieren sich einige Schulen übermäßig für die Unterwäsche ihrer Schülerinnen: Weiß möge sie bitte sein.  Hintergrund ist wohl, dass man sie sonst möglicherweise vielleicht durch die Blusen der Schülerinnen sehen könnte, was die männlichen Schüler vom Lernen abhalten würde. Mit solchen Vorschriften kann man sogar gegen alle Geschlechter gleichzeitig sexistisch sein. 😀

Weitere komische Kleidungsregeln, die es so wohl wirklich gibt oder gegeben hat: Haargummis dürfen nur schwarz sein,  Schals sind gleich ganz verboten und Strumpfhosen im Winter sind auch Teufelszeug. Manchmal hat man das Gefühl, dass es in japanischen Schulen darum geht, den jungen Japanern das „Aushalten“ beizubringen.

Außerhalb der Schule

Einige Schulen mischen sich auch für meine Begriffe übermäßig ins Privatleben der Schüler ein. Da dürfen keine Nebenjobs angenommen werden, die Schüler nicht zum Karaoke oder Game Center gehen, und Beziehungen zu haben steht auch außer Frage. In der Präfektur Gifu gab es die Regel, dass man, auch wenn der Unterricht bereits vormittags geendet hatte, nicht vor 16 Uhr nach draußen gehen durfte.

Manche Schulen verlangen auch vor jeder Reise die Vorlage eines Formulars in dem Reisezeitraum, Reiseziel und Mitreisende aufgeführt sind. Was die Schule das angeht ist mir ein Rätsel.

Vielleicht bin ich da sehr deutsch, aber ich finde, dass Schule und Freizeit voneinander getrennt sein sollten. Mein Arbeitgeber versucht ja auch nicht, mir in private Angelegenheiten hineinzuquatschen. Außerdem ist die Schulzeit ja wohl einmal die beste Zeit, um allen möglichen Quatsch auszuprobieren, ohne große Konsequenzen fürchten zu müssen.

Ich denke aber, dass auch die Berichterstattung in den japanischen Medien etwas mit diesem Versuch, auch außerhalb der Schulzeit Kontrolle auf die Schüler auszuüben, zu tun hat. Zwar werden bei Verbrechen Kinder unter 18 Jahren im Regelfall nicht mit ihrem vollen Namen genannt, aber der Name ihrer Schule schafft es garantiert auf die Titelseiten der Nation. Und wir wissen doch alle, dass Karaoke zu Verbrechen führt, oder? 😉

Natürlich sind die meisten der oben genannten Beispiele Regeln, die von den Medien aufgegriffen wurden, weil sie zu weit gehen. Viele Schulen haben (bis auf die Sache mit den Haaren) verständliche Regeln.

Es gibt auch in Japan Schulen ohne Regeln. Sie sind aber leider in der absoluten Unterzahl. Weil ich das deutsche System gewohnt bin, würde ich mir für meinen Sohn natürlich eine Schule wünschen, in der er sich frei von unsinnigen Regeln entfalten kann.

Es gibt aber wohl auch tatsächlich Eltern, die strenge Regeln fordern. Denn wenn alles streng reglementiert ist, ist die Schule ein sicherer Ort an dem nie jemand gemobbt wird und in dem alle im Kreis sitzen und Kumbaya singen.

Nur halt nicht.

7 Gedanken zu „Japanische Regeln: In der Schule.

  1. Holger Drechsler sagt:

    Sehr seltsam die Regeln sind 😉
    In der grauen Vorzeit, also als ich noch Kind war, durfte man nur keine Abzeichen oder Symbole des „Klassenfeindes“ tragen. So zum Beispiel mein geliebtes an eine amerikanische Flagge angelehntes T-Shirt. Lange Haare bei Jungs gingen dagegen ab ca. 1973 schon wieder.

  2. Kes sagt:

    Verrückt! Wie soll man ein starker und selbstbewusster Charakter werden, wenn man sich selbst nicht finden darf? Wenn man jahrelang in ein Schema F gepresst wird? Mich wundern angesichts solcher Regeln nicht, wenn junge Erwachsene zu HIkikomori (https://de.wikipedia.org/wiki/Hikikomori) werden, also Menschen die sich aus der Gesellschaft ausklinken weil sie sich selbst nicht finden können und dem Gesellschaftsdruck nicht gewachsen sind.
    Kinder sollten sich ausprobieren, ihre Stärken und Schwächen, ihre Besonderheiten erkennen, dass was sie von anderen unterscheidet wahrnehmen. Aber ich sehe das natürlich aus meiner europäischen und sehr weltoffenen Sicht. Und ich bin mir nicht sicher, ob eine Gesellschaft, wie die japanische, die auf engstem Raum viele Menschen in Einklang bringen muss, um eine funktionierende Gesellschaft zu erhalten, das aushalten könne. Wenn man aufeinander so angewiesen ist und sehr rücksichtsvoll sein muss, sind Menschen mit übersteigertem Selbstwert sicher eine tickende Zeitbombe um den Zusammenhalt zu sprengen.

  3. Andrea sagt:

    Aus meiner meiner Lebenserfahrung heraus ist vielleicht der der Mittelweg der Beste. Freie Entfaltung mit klaren Grenzen und bei Überschreitung auch Konsequenzen.
    Sicher schwer umzusetzen da die Standpunkte sehr verschieden sind.‍♀️

  4. Kai Leonie sagt:

    Schuluniformen finde ich prinzipiell nicht schlecht. Ich bin mal eine zeitlang wegen meiner Kleidung gehänselt worden, war halt nicht modisch genug. Das wäre mit Schuluniform weggefallen. Andererseits hätten die bestimmt einen anderen Grund gefunden, mich zu hänseln. 😀
    Wenn man Schmuck verbietet: okay. Schmuck wäre ja wieder eine Möglichkeit, zu zeigen, dass einer viel Geld hat, der andere weniger. Aber Schals und Strumpfhosen? Wenn man schon gezwungen ist, im Winter einen Rock zu tragen, muss man doch wenigstens die Möglichkeit haben, sich trotzdem warm anzuziehen! Fahren nicht viele Schüler auch mit dem Fahrrad zur Schule? Und dann keine Strumpfhose? Brutal!
    Woher die Kein-Job Regel kommt, kann man ja noch halbwegs nachvollziehen. Ohne Job hat man mehr Zeit, sich auf die Schule zu konzentrieren. Andererseits lernt man durch einen Job auch wichtige Dinge fürs Leben. Dass es tatsächlich Schulen gibt, die einem die Freizeitgestaltung so vorschreiben, ist schon krass. Warum muss eine Schule denn wissen, wann und wohin ich in Urlaub fahre? O.o Vielleicht wollen sie ja eine Statistik machen: Schüler, die so und so lange dorthin fahren, haben meistens um 60% schlechtere Noten, als Schüler, die woanders hinfahren. Dann kann die Schule Reiseziele mit Gute-Noten-Garantie vorschlagen. 😀

    Bei mir früher gab es nur die Regel, dass man nur als Oberstufenschüler das Schulgelände während der Pausen verlassen durfte. Ansonsten wurden Schüler, die während des Unterrichts zu viel Unsinn gemacht haben, aus dem Klassenzimmer geworfen. Aber das haben die wohl gar nicht als Strafe empfunden…
    Ganz früher durften Oberstufenschüler im Raucherflur rauchen, das wurde aber dann zum Glück auch irgendwann abgeschafft. Dann gab es auf dem Schulgelände komplettes Rauchverbot.

  5. zoomingjapan sagt:

    Also ich hab mich mit meinen Schülerinnen (v.a. Jr. High und High School) über deren Schulregeln unterhalten, aber die meisten fanden es ganz normal und nicht seltsam, dass ihnen die Schule dieses und jenes vorschreibt. Naja, wenn man es nicht anders kennt.

    Kein Make-up, gewisse Frisuren, keine Ohrringe und Piercings oder Tattoos ja sowieso schon mal gar nicht. Kein Ausdruck der eigenen Individualität möglich. Ich denke mir auch immer, was geht das die Schule an? Solange man nicht nackt in den Unterricht geht ….. 🙂

  6. vinni sagt:

    Ich hätte Schuluniform auch nicht schlecht gefunden, keiner definiert sich über Klamotten und man muss sich nicht überlegen, was man anzieht. 😉 Aber Strumpfhosen/Hosen/Schal sollte trotzdem drin sein *bibber*

  7. Uta sagt:

    ich bin ganz froh, dass sich in Deutschlad keine Schuluniform durchgesetzt hat (die höchstwahrscheinlich so aussehen würde, wie an öffentlichen Englischen Schulen ( brauner Pullover mit Kordhose oder Midiskirt) order halt im klassischen Mormonenstyle (hochgesknöpftes Hemd mit Kravatte). Gerade in einer Zeit, wo man sich selbst findet, sollte man nicht eingeschränkt werden um Lehrern und Eltern ein Bild des „ordentlichen Schülers“ zu geben. Im Arbeitsleben muss man ja schon genug in „ordentlicher“ Kleidung rumlaufen (inbesondere in Japan) und da sollte man Kindern und Jugendlichen zumindest ein paar Jahre kreative Kleidung einräumen .

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