JLPT N1 – Und dann?

Wie einige von euch vielleicht wissen, habe ich den JLPT N1. Das ist der schwerste der Standard-Japanischtests für Ausländer. Tatsächlich entspricht der Test aber nur in etwa dem B2 bis C1-Niveau des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen (CEFR). Soll heißen: Da geht noch was.

Tatsächlich geht da noch so einiges, denn es gibt einige Dinge, die mir auf Englisch noch immer um vieles einfacher fallen. Ich habe nie in einem englischsprachigen Land gelebt, in Japan bin ich jetzt ingesamt schon fast acht Jahre.

Das hängt sicher mit verschiedenen Dingen zusammen: Zum einen ist Englisch dem Deutschen näher als Japanisch es jemals sein könnte. Natürlich kann man auch mit Englisch ins Fettnäpfchen treten wenn man 1:1 übersetzt, aber meist geht es irgendwie. Auf Japanisch ist so gut wie alles neu. Zum anderen habe ich auf Englisch so viele Filme gesehen und Bücher gelesen, dass mein Vokabular allein dadurch sehr gewachsen ist.

Auf Japanisch ist mein Vokabular sehr viel kleiner. Alles, was mich tagtäglich beschäftigt, kann ich ohne Probleme machen, aber wenn es dann mal um ein vollkommen neues Thema geht, oder gar um Ideologien und andere Kopfsachen, kann ich mich oft nicht so ausdrücken, wie ich es gern hätte. Es gibt auch immer noch viele Kanji, deren Bedeutung ich zwar verstehe, die ich aber nicht fehlerfrei lesen kann. Dass ich das letzte Mal 2011 wirklich Japanisch gelernt habe, hat damit sicher auch etwas zu tun.

Letztens kam mir dann wieder die Idee, die Asahi Shimbun (朝日新聞) zu abonieren, und seitdem lese ich wieder regelmäßig Zeitung. Seitdem wird mein Mann immer mal vom Mofa des Zeitungsträgers geweckt und ich sitze jeden Morgen etwa 40 Minuten im Wohnzimmer und lese Zeitung. Wenn ich die Muße habe, streiche ich alle Wörter an, die ich entweder nicht kenne oder nicht auf Anhieb lesen kann und schreibe sie auf meine persönliche Liste bei Anki.

Anki ist ein Karteikartensystem, wie man es sich früher manuell gebastelt hat (wenn man nicht, wie ich, Vokabeln einfach nicht gelernt hat), nur auf dem PC oder Handy. Es gibt vorgefertigte Sets, oder man bastelt sich halt sein eigenes, und dann kann man in der Bahn oder einfach, wenn man kurz Zeit hat, Vokabeln pauken. Meine Asahi-Shimbun-Vokabelliste umfasst derzeit 230 Wörter, von recht einfachen (著しい – ichijirushii – beachtlich) bis zu solchen, denen ich eher selten begegnen werde (装甲車 – Sōkōsha – Panzerwagen).

Ansonsten versuche ich wieder mehr auf Japanisch zu lesen. Mein Kindle ist mit dem deutschen Amazon verbunden, also lese ich auf ihm nur deutsche oder englische Bücher. Japanische Bücher sind zwar relativ günstig, nehmen aber mehr Platz weg und außerdem besteht die Gefahr, dass mir ein Buch aufs Gesicht fällt, wenn ich im Bett lese. Nachdem ich letztens über die Bücher von Higashino Keigo geschrieben habe, lese ich derzeit „Heilige Mörderin“.

Ich hoffe natürlich, dass das alles einen Effekt hat. Auch wenn nicht: Ich lese gerne die Zeitung. Im Internet gibt es viele Dinge, die einen vom Lesen ablenken, aber wenn ich morgens mit meiner Zeitung am Tisch sitze, habe ich meine Ruhe. 🙂 Außerdem bin ich jetzt endlich mal einigermaßen gut darüber informiert, was in Japan so geschieht.

Lest ihr die Zeitung? Und wie lernt ihr aktiv Sprachen?

7 Gedanken zu „JLPT N1 – Und dann?

  1. Rainer Stobbe sagt:

    Hallo Claudia!
    Meine 120%-prozentige Zustimmung zu Deiner „Taktik“, Dein japanisches Vokabular, etc. zu vergrößern! Unnötig zu erwähnen, dass ich es genauso gemacht habe – allerdings zu einer Zeit, als es noch kein Internet gab, die Alternativen also sehr begrenzt.
    Auch unser Sprachlehrer (Detlef Foljanty) hat für fortgeschrittene Lerner ein ähnliches Konzept eingebracht: Wir nahmen Artikel aus der Asahi Shimbun, die unser Institut abonniert hatte, und faßten zusammen und gaben auf Deutsch wieder, was dieser Artikel beinhaltete. Also nicht übersetzen, sondern mehr oder weniger zusammenfassen. Damit es keine Arbeit für den Papierkorb war, wurden die zusammengefassten Artikel in einer „Asahi Shimbun – Dahlemer Ausgabe“ sogar einem größeren Publikum zur Verfügung gestellt. Mit Genehmigung und Unterstützung der Asahi Shimbun selbst, übrigens.
    Papier ist geduldig, sagt man ja als Sprichwort – insofern gibt es einem die Zeit, in Ruhe und mit mehr Gründlichkeit japanisches Vokabular zu lernen…
    Ein schönes Wochenende noch!
    Beste Grüße,
    Rainer
    PS: Hier in Berlin ist übrigens gerade 桜満開 mit perfektem 花見Wetter….

  2. Isabella sagt:

    Ich lerne auch am Liebsten über Gespräche, Filme, Bücher oder Zeitschriften. Hinsetzen und Vokabeln lernen ist nicht so mein Ding, wenn man ein Wort in der Situation braucht ist der Ansporn es nachzuschlagen ja bekannterweise viel größer 😉
    Und noch eine Frage, in meinem Japanischkurs überlegen ein paar, mich mit eingeschlossen, den JLPT N5 zu machen. Im Internet höre ich aber meistens „Vor dem N3 braucht man gar nicht anfangen, das bringt einem eh nichts in Japan“. Hast du dazu eine Meinung? 🙂

    • Claudia sagt:

      Jeder JLPT bringt etwas. Es sieht bei einer Bewerbung gut aus und für den JLPT zu lernen bringt Motivation! Lass dir da bloß nichts einreden.
      Für Jobs, in denen du wirklich gut Japanisch sprechen und vor allem auch schreiben können musst, wird gern ab N2 gesehen.

  3. Anika sagt:

    Wie schaffst du es morgens 40min zum Zeitungslesen übrig zu haben? Selbst vor dem Kind bin ich immer ganz knapp aufgestanden um wenigstens annähernd an meine acht Stunden Schlaf zu kommen >.<
    Ich weiß nicht wieso, aber in Japan habe ich viel weniger Zeit als in Deutschland, trotzdem ich hier etwa gleich lang arbeite und einen sogar etwas kürzeren Arbeitsweg habe.. Ist das nur das Gefühl, weil man in Deutschland um 16:00 zu Hause war statt um 19:00?

    Ich kann keine Vokabeln mehr aktiv lernen, von Grammatik ganz zu schweigen. Ich lerne ausnahmslos durch Gespräche und TV. Aber das hört man meinem Japanisch auch an ^_-
    Während der Uni habe ich aber auch Zeitungsartikel lesen müssen. Schade, dass davon nichts hängen geblieben ist..

    • Claudia sagt:

      Wir haben einfach einen anderen Schlafrhytmus, deswegen habe ich morgens Zeit und du abends. 🙂 Mit einem Kleinkind zuhause hätte ich aber auch weder die Zeit noch die Muße.

  4. Saksalainen kokki sagt:

    Auf youtube erklärt der Gimmeaflakeman/Gimmeabreakman unter beiden Pseudonymen einen kleinen Teil der JNEWS bis ins kleinste Detail.
    Bis vor 2 Jahren täglich und die alten Videos sind noch da. Es gibt auch neue JNEWS Videos von ihm, aber nicht mehr so oft wie früher.

  5. Tin sagt:

    Hallo Claudia!
    Ich finde es super, dass du so fleissig japanisch lernst. Ich wohne schon seit langem in Deutschland und habe oft noch Probleme mit der deutschen Sprache. Zur Zeit besuche ich einen Englishkurs B2/C1 (Conversation), lerne aber sonst nicht viel englisch nebenbei. Ich interessiere mich auch fuer die japanische Sprache. Vielleicht werde ich einen Japanischkurs fuer Urlauber besuchen, mal sehen. 🙂
    Letztes Jahr waren meine Familie und ich fast 3 Wochen in Japan. Irgendwann moechten wir wieder hin. Wir waren auch in Hiroshima. Danach im Flugzeug habe ich einen japanischen Zeichentrickfilm ueber Hiroshimabombe gesehen, den Namen von dem Film habe ich leider vergessen.

    LG

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