Die liebe Zukunft.

Es gibt so ein paar Dinge, die mich nicht ruhig schlafen lassen. Ungewissheit gehört dazu.

Ich arbeite seit drei Jahren für eine Firma, die ich nicht mag. Angefangen bei komplett unterschiedlichen Arbeitsbedingungen für Muttersprachler und Nichtmuttersprachler*, über den absoluten Unwillen Geld zu investieren, die Unfähigkeit neue Mitarbeiter zu schulen und dann bei der Abwesenheit von Richtlinien noch immer nicht endend… Es macht keinen Spaß für diese Firma zu arbeiten.

* Muttersprachler arbeiten 8 Stunden pro Tag für ab 240,000Yen; Nichtmuttersprachler arbeiten 9 Stunden pro Tag plus einen Samstag im Monat für ab 210,000Yen und müssen für Feiertage Urlaubstage opfern. Und deswegen arbeite ich nicht Vollzeit.

Außerdem ist es nicht unbedingt meine Berufung Kindern Englisch beizubringen. Ich bin nicht gelernte Kindergärtnerin, ich habe nichts in der Richtung studiert, und langsam kristalisiert sich immer weiter heraus, dass ich etwas Anderes machen sollte. Dringend.

Der Zeitpunkt passt auch: Ich habe mein 永住権 (Eijûken; Ewiges Wohnrecht) in der Tasche, ich werde für immer hier bleiben, ich sollte also möglichst schon gestern angefangen haben nach einer Arbeit zu suchen, die ich wirklich langfristig machen möchte. Hier komme ich jetzt nicht mehr weg.

Das wäre natürlich schön und gut, wüsste ich, was das ist. Und würde es mir vor lauter unnötiger Sorge und Versagensanst nicht die Kehle zuschnüren, sobald ich im Internet nach Stellenangeboten suche. Auch wäre es hilfreich, würde ich mich nicht immer auf den Teil der Stellenausschreibung konzentrieren, auf den ich nicht zu 100 Prozent passe. Es ist für mich wirklich eine Tortur, zumal ich natürlich ganz genau weiß, wie irrational ich bin.

Mein Mann hat sich bereit erklärt mir zu helfen. Wo ich ein großes “Für diesen Job sind Sie leider nicht qualifiziert”-Schild sehe, findet er eine Möglichkeit meine bisherige Arbeitserfahrung so zu formulieren, dass es passt.

Dieses Thema beschäftigt mich derzeit auf jeden Fall ziemlich. Vielleicht schreibe ich auch über den ganzen Bewerbungszirkus. Mal schauen. 🙂

Einfach unterschreiben.

2012 haben sich einige Gesetze bezüglich Ausländern geändert. Das hat viele gute Dinge mit sich gebracht, zum Beispiel braucht man keine 再入国許可書 (Sainyûkokukyokasho; Wiedereinreiseerlaubnis) mehr, wenn man das Land für weniger als zwölf Monate verlassen will ohne sein Visum zu verlieren. Außerdem wird jetzt das Visum und die 在留カード (Zairû Card; Residence Card) von derselben Behörde gehandhabt, vorher musste man zur Einwanderungsbehörde um sein Visum abzuholen und dann zum heimischen Bürgeramt um seine Karte ändern zu lassen. Auch sonst gibt es einige positive Veränderungen, über die ich mich natürlich freue.

Dummerweise hat dieser ganze Berg guter Neuigkeiten auch ein Problem mit sich gebracht: Um alles zu vereinheitlichen, gilt nun alles was im Reisepass unter “1. Name” steht als Name, es kann nichts ausgelassen werden. Warum sollte man etwas auslassen wollen? Weil dort zum Beispiel auch der Geburtsname, Geb., steht. Nur auf Deutsch. Ohne Erklärung. Weil japanischen Behörden vorgeschrieben ist alles aus dieser Zeile auf die Residence Card zu schreiben, steht nun bei vielen ein elendig langer Name, zum Beispiel Tanaka Geb Müller Franziska. Unter anderem Banken akzeptieren nur den ganzen Namen, Frau Tanaka hätte auf ihrer Bankkarte also タナカ ゲップ ミュラー フランツィスカ stehen. Auf ihrem Führerschein auch. Selbst wenn sie nur eine Mitgliedskarte des DVD-Verleihs oder der Bibliothek haben wollte, dürfte Frau Müller jedes Mal wieder erklären, dass das Geb ein Fehler der japanischen Behörden ist und nur angibt, dass sie mal anders hieß.

Ich persönlich habe das Problem nicht, ich weiß schon warum ich immer zu Einwanderungsbehörde in Chiba gehe…

Auf jeden Fall gibt es eine Petition, damit sich vielleicht mal etwas an der Geb.-Geschichte ändert. Man könnte zum Beispiel auf einem international verwendeten Ausweisdokument einfach verzeichnen, dass Geb. “Birth Name” bedeutet. 😉

Um ein wenig zum Erfolg der Petition beizutragen, würde ich euch bitten einmal zu klicken und zu unterschreiben.

Vielen Dank. 🙂

Blutgruppen, und warum Japaner sie wichtig finden.

Irgendwann fragen einen die meisten Japaner, welche Blutgruppe man hätte. Das Gespräch läuft meiner Erfahrung nach fast immer folgendermaßen ab:

Japaner: Welche Blutgruppe hast du?

Ich: Ich glaube A/B/AB/O*.

Japaner: Habe ich mir gedacht!

Ich: Okay…

* Blutgruppe 0 (Null) ist in Japan Blutgruppe O.

Viele Japaner glauben daran, dass die Blutgruppe den Charakter beeinflusst, und dass man deswegen vom Charakter auf die Blutgruppe schließen kann. Um 1914, 14 Jahre nach der Entdeckung der Blutgruppen durch den Österreicher Karl Landsteiner, begann ein japanischer Arzt zum Zusammenhang zwischen Blutgruppe und Charakter zu forschen. Spoiler Alert: Es gibt keinen.

Blutgruppe und Kompatiblität - Mit A, B, O, AB und dem Sternzeichen die derzeitige Beziehung eindeutig verstehen.

Blutgruppe und Kompatiblität – Mit A, B, O, AB und dem Sternzeichen die derzeitige Beziehung eindeutig verstehen.

Irgendwie ist das aber nicht bei allen Japanern durchgesickert und so gibt es im Fernsehen und in Zeitschriften Blutgruppen-Horoskope. Wie Horoskope mit Sternzeichen, nur simpler. Dass die kompletter Quatsch sind, verstehen die meisten Leute noch. Doch selbst mein Mann, der eigentlich genau weiß wie unsinnig es ist, versucht die Blutgruppe von Leuten anhand von Charaktereigenschaften zu erraten. Das ist irgendwie sehr tief verankert.

(Kommentar meines Mannes und meiner Schwiegermutter: 日本人の常識だよ! (Für Japaner ist das Allgemeinwissen!))

Aber welche Blutgruppe passt eigentlich zu welchem Charakter?

Blutgruppe A: Aufmerksam, sensibel und einfühlsam, nimmt Rücksicht auf andere Personen, unterstützt alle um sich herum, hält sich selbst zurück um keinen Konflikt zu provozieren, muss erst von etwas überzeugt sein um daraufhin zu handeln, lässt nicht die Sau raus, liebt Ordnung, teilt Dinge schnell in Schubladen ein, ist ausdauernd, fleißig und ein sicherer Autofahrer.

Blutgruppe B: Macht Dinge in seiner eigenen Geschwindigkeit, denkt nicht so sehr an andere und zieht sein eigenes Ding durch, hält sich nicht an Regeln und dreht manchmal am Rad, optimistisch, mag Menschen und öffnet jedem sein Herz, hält keine Fassade aufrecht, hat Angst Freunde zu verlieren, wird schnell einsam, ändert schnell die Meinung und den Standpunkt, ist flexibel, pragmatisch, jagt seinen Träumen nicht hinterher, macht gern einen drauf, verliebt sich schnell, mag Feste, und hängt sich nicht an gescheiterten Beziehungen auf.

Blutgruppe AB: Perfektionist, sehr materialistisch und von Begehren getrieben, psychisch belastbar, jagt seinen Träumen und Idealen hinterher, denkt logisch, leicht verletzlich, hat einen etwas komplizierten Charakter, gibt seinem Privatleben Priorität, hasst es, wenn Leute sich einmischen, hat viele Hobbies, wissbegierig, Bücherwurm, hat weit ausuferndes Wissen, hat einzigartige Ideen, wirkt immer jugendlich, hat märchenhafte Hobbies (was auch immer das ist) und führt einfache Beziehungen.

Blutgruppe 0: Realist, denkt wirtschaftlich, finanziell unabhängig, stark in schweren Zeiten, romantisch, träumt davon auf einen Schlag reich zu werden, ambitioniert, zielstrebig, ist wie ein Elternteil oder eine große Schwester und kümmert sich um jüngere oder weniger erfahrene Menschen, ist anfangs sehr reserviert, taut aber auf, ist nicht auf Details fixiert sondern sieht die großen Zusammenhänge und liebt sehr intensiv, will den geliebten Menschen aber nur für sich.

So. Falls es euch noch nicht aufgefallen ist: A und O sind die “guten” Blutgruppen, die beinhalten, was für Japaner einen guten Menschen ausmacht. Natürlich sind einige Eigenschaften nicht ideal, aber das war wahrscheinlich um nicht allen A und O-Menschen einen Heiligenschein aufsetzen zu müssen.

B ist schwach und wankelnd, außerdem egoistisch und würde wahrscheinlich als “nicht für die japanische Gesellschaft brauchbar” eingestuft werden. AB ist zu individuell in einer Gesellschaft, die Gleichsein idealisiert. Ihr seht also, wenn jemand nur anhand seiner Blutgruppe eingeschätzt wird gibt es in Japan Gewinner und Verlierer.

Aber immerhin sind es mehr Gewinner als Verlierer, denn in Japan haben ca. 40% Blutgruppe A, 30% Blutgruppe 0, 20% Blutgruppe B und nur 10% Blutgruppe AB. 70% sind also “Gewinner”.

Mein Mann und meine Schwiegermutter waren übrigens felsenfest davon überzeugt, dass in China die meisten Blutgruppe B hätten, weil Chinesen so unhöflich und selbstbezogen seien. Nachdem ich mit ihnen dann mal durch den schönen “Blood type distribution by country” (Blutgruppenverteilung nach Land)-Artikel auf Wikipedia gegangen bin, stellten sie fest, dass das wohl doch keinen Zusammenhang haben könne. In China haben laut diesem Artikel 47.7% Blutgruppe 0, dieselbe wie die gesamte Schwiegerfamilie.

1409569342265Übrigens beantwortete ich die Frage am Anfang dieses Eintrags immer mit “Blutgruppe A”, weil meine Mutter mir gesagt hatte, dass das so sei. Bei einer Untersuchung wurde meine Blutgruppe mitgetestet, ich sei in Wirklichkeit Blutgruppe 0. Bei einer Blutuntersuchung beim Arzt fragte ich, ob man nicht meine Blutgruppe und den Rhesusfaktor mittesten könnte und jetzt habe ich einen Blutgruppenausweis.

Gerüchten zufolge ist sowas auch für etwas anderes als Zukunftsvorhersagen gut. 😉

Ich bin 永住者!

(Jaha, zwei Einträge an einem Tag!)

Als ich im März den Antrag auf 永住権 (Eijûken; ewiges Wohnrecht*) stellte, wurde mir gesagt, dass ich wohl mindestens acht Monate warten müsse, bis eine Entscheidung gefällt sein würde. Ich ging also davon aus, dass es eher ein Geburtstagsgeschenk für mich selbst werden würde und habe zwar immer mal dran gedacht, aber saß nicht ständig vorm Briefkasten und habe gewartet.

* Auf Deutsch heißt das “Niederlassungserlaubnis”, was aber irgendwie nicht richtig klingt. Ewig! Für immer!

Am Donnerstag war dann plötzlich die Briefkarte von der 入国管理局 (Nyûkoku-Kanri-Kyoku; Einwanderungsbehörde) da. Große Freude, ich bin dann am Freitag ein wenig früher von der Arbeit gegangen und nach 千葉 (Chiba) gefahren um meine neue 在留カード (Zairyû Card; Aufenthaltskarte) abzuholen.

20140905_165208Anders als beim Antragstellen musste ich diesmal keine Ewigkeiten warten, sondern hatte meine Karte schon nach dreißig Minuten in der Hand! 😀

Die Karte sieht aus wie jede andere Aufenthaltskarte, nur der Status wurde von 日本人の配偶者等 (Nihonjin no Haigûsha nado; Ehepartner eines Japaners, etc.) in 永住者 (Eijûsha; Permanent Resident) geändert und bei der 在留期間 (Zairyû-kikan; Aufenthaltsdauer) und dem 満了日 (Manryôbi; Ablaufdatum) stehen keine Daten, sondern Sternchen. Läuft nämlich nicht mehr ab. FUCK YEAH!

Die Karte selbst muss ich alle sieben Jahre erneuern lassen, das nächste Mal also 2021.

Was bringt mir das nun überhaupt?

Nichts unglaublich Tolles, aber erstens muss ich nicht mehr alle paar Jahre drölfzighundert Formulare ausfüllen und Dokumente einsammeln um ein Visum zu beantragen, zweitens ist das neue Visum unabhängig von meinem Mann und drittens hörte ich, dass so ein Visum durchaus gut ist um bei Banken Vertrauen aufzubauen, wenn man zum Beispiel einen Kredit braucht.

Dinge die ich selbst mit dem tollen Wisch nicht kann: Wählen. Mich zur Wahl stellen. In einer öffentlichen Institution arbeiten. Bei der Armee** arbeiten. Dinge, die ich eh nicht geplant hatte.

Permanent Residency ist auch nicht dasselbe wie Staatsbürgerschaft. Die bekommt man entgegen anderslautender Gerüchte durchaus auch, muss seine ursprüngliche Staatsbürgerschaft aber abgeben. Und mal ganz im Ernst: Ich habe einen europäischen Pass und jetzt ein Visum, mit dem ich so lange in Japan bleiben kann, wie ich will – Was will ich mit einem japanischen Pass?

** Welchen Begriff verwenden wir derzeit? Sind wir noch bei Selbstverteidigungsstreitkräften, oder darf man es inzwischen Armee nennen?

Ich freue mich natürlich riesig, dass ich nie wieder Ewigkeiten in diesem hässlichen Warteraum mit den unerzogenen chinesischen Gören* verbringen muss, mal schauen ob wir am Wochenende noch ein wenig feiern. 🙂

* Es sind immer chinesische Gören.