Frau Holle.

In Tokyo schneit es nicht oft. Selbst wenn es schneit, bleibt der Schnee nicht lange liegen. Vorgestern hat es aber einfach so lange geschneit, dass wir morgens schöne weiße Dächer bestaunen konnten. Das sah schon schön aus.

Nun muss ich zugeben, dass ich Schnee eigentlich nicht mag. Schnee ist kalt, wird matschig und generell haben wir in Deutschland für gewöhnlich zu viel davon. Hier ist es zur Abwechslung aber auch mal ganz schön, zumal der Schnee sofort wieder weggetaut ist. Mit einem großen Rumms ging es für die Schneemassen wieder herunter von den Dächern. Ab jetzt ist wieder Sonnenschein angesagt!

Aber an Kinderlieder habe ich mich erinnert. Das ist ja sowas, das ich irgendwie ganz tief im Kopf verstaut habe, selbst als ein Mitarbeiter fragte, ob es einfache deutsche Kinderlieder gäbe, die wir aus Spaß mit den Kindern auf Arbeit singen könnten, fiel mir kein einziges ein.

Ab Morgen geht’s übrigens wieder zur Arbeit, Mochi-Party steht an, und ich kann mich ja nicht ewig zuhause verkriechen!

Ja, Papa.

Ich bin doch etwas kränker als ich dachte. Deswegen soll ich erstmal für einige Zeit zuhause bleiben. Habe ich gar keine Lust drauf, denn so verpasse ich einige Sondertage auf Arbeit. Aber vielleicht kann ich mich ja doch auf Arbeit schleichen.

Um zwölf Uhr ruft der Göttergatte an.

Er: Wie war’s?

Ich: Ich soll erstmal zuhause bleiben, weil es sein kann, dass ich die Kinder infizieren könnte.

Er: Oh. Geht’s dir so schlecht?

Ich: Es geht mir nicht schlecht, ich bin nur schwach und hab Symptome.

Er: Gut. Aber du darfst nicht einfach nach draußen gehen.

Ich: Heh?

Er: Nicht dass dir wieder langweilig wird und du doch draußen herumstreunst.

Ich: Niemals!

Er: Irgendjemand, den ich kenne, macht das.

Ich: Ich weiß nicht wovon du redest.

Er: Nicht einfach rausgehen und durch die Gegend streifen!

Ich: Verstanden!

Er: Gut, gut.

Manchmal vertraut der mir aber auch gar nicht. Als müsste ich rausgehen um meine Langweile zu bekämpfen. Wofür haben wir denn das Internet?

Schrecklich krank.

Ich bin krank. Ganz schrecklich.

Seit letzter Woche fallen auf Arbeit immer wieder Personal und auch Kinder aus, viele mit Fieber, Übelkeit und allem was mit einer Erkältung zusammenhängt. Das ist kein Wunder, denn die Temperaturen sind plötzlich abgesackt (4°C! Wo gibt’s das denn?). Teils gab es in Tokyo gestern Schneeregen, und wenn japanische Häuser (in Tokyo) auf etwas gar nicht vorbereitet sind, dann sind das Temperaturen unter 10°C.

Während in Deutschland die Fenster alle superisoliert sind um dann in die dicke Wand eingepasst zu werden, gibt es hier zwar auch riesige Fenster, aber bei denen ist es offensichtlich wichtiger gewesen, sie gegen Erdbebenschäden zu sichern, als sie gegen Kälte zu isolieren, es zieht nämlich durch. Die Wände sind dünn, wenn auch nicht (nur) aus Papier. Wenn wir also jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen, frieren wir. Die Klimaanlage läuft schon ab 4:20 Uhr, aber wenn es draußen zu kalt ist, funktioniert das auch nicht mehr so super (die Flüssigkeit kann die Kälte nicht mehr abtransportieren). Eine Heizung haben wir nicht. Wir retten uns mit Wärmflasche, beheizbarem Teppich und warmem Frühstück.

Auf jeden Fall erwachte ich heute, nachdem ich am Morgen den Mann verabschiedet hatte, um Neun. Das ist für mich, als würde jemand mit normalen Aufstehzeiten bis Nachmittags um Vier schlafen, mindestens. Das letzte Mal ist das passiert, als wir die Nacht fast durchgemacht hatten.

Ich bin also krank. Schrecklich krank. Eigentlich schon seit spätestens Dienstag, aber ich habe mich immer heroisch zur Arbeit geschleppt und Kinder bespaßt. Irgendwie habe ich ja auch eine Verantwortung für die Kleinen, auch wenn mich einige von ihnen zur Weißglut treiben können.

Wie auch zu Schulzeiten bin ich natürlich nicht zu krank, um im Internet mehr oder minder interessante Seiten zu lesen oder Videos zu sehen. Ist ja nicht so, als hätte jemand meine Hände abgehackt und mir die Augen verbunden – ich bin einfach nur erkältet. Und nein, ich kann natürlich nichts Sinnvolles tun, denn ich bin krank!

Eine monströse Grapefruit habe ich gestern schon gekauft, die wird heute geschlachtet und dann gibt’s so viel Vitamin C das alle Bakterien freiwillig abhauen. Ansonsten muss mich meine Krümelmonsterwärmflasche retten.

Karuta.

Manchmal unterbrechen wir unseren langweiligen Kindergartenalltag mit Spezialaktivitäten.

Heute war Karuta-Tag.

Karuta ist ein Kartenspiel, bei dem man (in der japanischen-Version) zwei Kartensets hat: Einmal Karten, die auf dem Tisch (Boden) verteilt werden, und einmal die dazu passenden Karten, die vorgelesen werden. Wenn die Vorlese-Karte gelesen wurde, müssen die Spieler möglichst schnell die dazu passende Karte auf dem Tisch finden.

Ist also soweit ganz einfach, bringt es aber ziemlich, wenn die Kinder Vokabeln lernen sollen. Wir haben es mit den kleinen mit Bildkarten gemacht, in zwei Gruppen, damit alle eine Chance haben.

Lief soweit ganz gut, diesmal ist keine Karte auseinandergerissen worden (anders als die Ice Cream-Karte eines anderen Sets. RIP.), und die Kinder waren ganz stolz auf jede einzelne errungene Karte. Darüber habe ich mich dann gleich auch mit einem Mädchen, dass mich gestern noch ganz schrecklich fand, wieder vertragen. Juche! So kann das gehen.