Update.

Der Herbst hat Einzug gehalten, und irgendwie passiert nichts, worüber sich ein ganzer Eintrag verfassen lassen würde. Letzten Sonntag hatten wir einen Taifun, der mich kaum schlafen ließ, aber über Taifune schrieb ich schon mal.

Deswegen, ein kleiner Zwischenstand.

Ich habe ein Sozialleben! Letztes Wochenende war ich mit Mitarbeiterinnen trinken. Wir waren in zwei verschiedenen Läden, haben viel gequatscht, relativ viel getrunken und hatten Spaß. Zurück nach Hause ging’s mit der letzten Bahn.

Bei meinem Mann läuft es auch besser! Wir frühstücken zusammen und zum Abendessen ist er auch meist zuhause. Hoffentlich bleibt das erstmal ein wenig so. Heute ist er in der Firma um zu klären wie es nach der jetzigen Baustelle weitergeht.

Meine Koreanischstunden zeigen langsam Wirkung. Ich werde regelmäßig gelobt und irgendwann kann ich auch mehr sagen als “Ich habe einen Kaffee bestellt. Jetzt ist ein Kaffee vor mir. Der Kaffee ist heiß.” (auf dem Niveau befindet sich das im Moment). Sprachenlernen macht mir noch immer viel Spaß und lässt Ehrgeiz in mir aufkommen.

Ab morgen fange ich tatsächlich mit Hot Yoga an. Bitte achtet nicht auf das Datum des verlinkten Beitrags. 😉 Ich freu mich drauf, es ist ja schon seit längerem bitter nötig.

Außerdem bekomme ich am 25. und 26. Oktober wahrscheinlich Urlaub und wir werden wahrscheinlich nach 金沢 (Kanazawa) fahren. Hundert Prozent sicher ist es noch nicht, aber höchst wahrscheinlich. Urlaub! Wegfahren!

Gegenseitige Rücksichtnahme.

Gegenseitige Rücksichtnahme wird in Japan groß geschrieben. Das merkt man besonders beim Bahnfahren. Man stellt sich nämlich an den Markierungen, an denen die Türen sich befinden werden, an. So hat man eine schöne Reihe, und keiner versucht sich offensichtlich vorzudrängeln. In der Bahn selbst wird man angehalten, sein Handy auf Vibrationsalarm zu stellen (マナーモード; Manieren-Modus) und nicht zu telefonieren. Außerdem gibt es Sondersitze für ältere Herrschaften, Schwangere und körperlich eingeschränkte.

Es herrscht keine Atmosphäre, in der man großen Lärm verursachen will. Das ist eine Art unsichtbare Vereinbarung, die man eingeht sobald man einsteigt. Als ich im März in Berlin in der Bahn saß, fühlte ich mich oft unwohl. Leute reden laut, telefonieren und machen generell Lärm, der nach einem Jahr in Japan unglaublich bedrohlich wirkt. Gesprochen wird in Japan nur in normaler Lautstärke und (meist) nicht über fünf Sitze hinweg, und Musik, die aus Ohrhörern dringt, erklingt auch selten. Das ist sehr entspannt und lädt zum Schlafen ein. Doch!

Die unsichtbare Vereinbarung gilt offensichtlich nicht für die älteren Herrschaften oder Kinder. Beinahe immer, wenn ein Handy laut klingelt, tut es das meist in den tiefen einer Tasche an der Hand eines älteren Herrn oder einer älteren Dame. Diese müssen erst mitbekommen, dass das ihr Handy ist, dann herausfinden, wo es sich befindet, um dann den Anruf anzunehmen – meist mit einem kurzen “Ich kann grad nicht, ich sitze in der Bahn”. Na das hat es mir gebracht. Neben älteren Frauen in einem Café zu sitzen ist auch schrecklich, denn sie sind laut. Schrecklich laut. Aber zurück zu Bahnen.

Heute hatte ich ein kleines Mädchen mit seiner Mutter in meiner Bahn. Ich sehe auf Arbeit genug verzogene Kröten, auf dem Heimweg versuche ich ihnen aus dem Weg zu gehen. Sie stiegen leider nach mir ein und es gab keine anderen Sitzplätze mehr. Auf jeden Fall fing die Tochter an auf dem iPhone mit Hilfe ihrer Mutter irgendein Spiel zu spielen. Mit Ton. Nervig, aber ich hätte dabei noch schlafen können. Schlaf war offensichtlich auch das Ziel der Krötenmutter, denn plötzlich erklangen mysteriöse Stimmen, und das Kind sah sich in einer vollbesetzten Bahn ohne Kopfhörer in relativ großer Lautstärke einen Anime an. Die Mutter schlief. Währenddessen streckte das Kind sich auf dem Sitz hin und her, den neben ihr sitzenden Mitreisenden vollkommen ignorierend, streckte ihre Füße gegen eine Metalstange und erfreute sich seines Lebens. Das ist mir tatsächlich das erste Mal, seit ich nach Japan gezogen bin, passiert. Anime auf voller Lautstärke im Zug.

Das Problem der Japaner ist, dass sie nichts sagen. Sie gucken nur und sind genervt. Es gibt es den Ausdruck 空気を読む (Kûki wo yomu; wörtl. “die Luft lesen”), was die Fähigkeit, die Atmosphäre oder Stimmung zu fühlen, beschreibt. Statt Dinge direkt gesagt zu bekommen, wird oft erwartet, dass man sie irgendwie “spürt”. Als wäre man mit einer Frau zusammen 😉 Es wäre unhöflich jemandem direkt zu sagen, dass er etwas nicht tun sollte, deswegen produziert man eine eisige Stimmung, und erwartet, dass das Gegenüber es bemerkt. Wenn jemand so etwas nicht mitbekommt, ist er KY, abgeleitet von 空気読めない (Kûki yomenai; “die Luft nicht lesen können”). Die Mutter war eindeutig KY. Ich sage dann meist auch nichts, obwohl ich so gern würde. Ich hatte auch die perfekte Chance, denn Krötenmutter und Kröte stiegen an meiner Station aus. Natürlich nicht ohne dass mir das Kind auf die Füße trat. Gesagt habe ich trotzdem nichts, was natürlich vollkommen falsch war, aber ich kann mir immerhin sagen, dass ich das Kind zumindest streng angesehen habe. Lies die Luft, Kind!

Als was arbeite ich eigentlich genau?

Nachdem die Frage in meinem letzten Eintrag aufkam, dachte ich mir, dass ich das vielleicht doch mal erklären sollte.

Japaner sind nicht dafür bekannt, besonders gutes Englisch zu sprechen, und weil viele Eltern das als Problem erkannt haben, schicken sie ihre Kinder in sogenannte 英会話教室 (Eikaiwa-Kyôshitsu; Lernzimmer für englische Kommunikation). Dort sollen sie von Muttersprachlern die Sprache beigebracht bekommen, meist mit einer oder zwei Wochenstunden. In so einem Verein unterrichte ich nicht. Das habe ich kurzzeitig gemacht und fand es furchtbar anstrengend und hatte keinen Spaß dabei.

Köpfe zusammenstecken beim Insektengucken.

Ich arbeite in einem internationalen Kindergarten, das heißt, dass die Kinder von zehn bis 14 Uhr auf Englisch unterrichtet und bespaßt werden. Wir haben je nach Alter vier unterschiedliche Klassen, die auf Englisch unterrichtet werden, mit vier verschiedenen Lehrern (drei Muttersprachlern und mir); außerdem eine japanische Klasse für die ganz kleinen Kinder.

Vor allem in meiner Klasse, mit den Zwei- bis Dreijährigen, geht es weniger ums stumpfe Pauken, als darum, Spaß an der Sprache zu finden und Englisch zu verstehen und sprechen zu wollen. Ich rede die meiste Zeit auf Englisch, wenn es etwas gibt, dass die Kinder unbedingt verstehen müssen, auch auf Japanisch, aber das ist sehr selten. Meine japanische Mitlehrerin redet mit den Kindern auf Englisch und Japanisch und mit mir auf Englisch (wenn die Kinder in der Nähe sind). Meine derzeit 17 kleinen Monster hören also jeden Tag vier Stunden lang Englisch und der ganze Ablauf erfolgt in der (Fremd-)Sprache.

Es gibt Dinge, die wir jeden Tag wiederholen (ABC, Zahlen, Wetter und Phonics (Laute)), und Phrasen, die wir immer wieder verwenden, aber ich versuche natürlich den Kindern auch immer wieder Neues beizubringen. Das klappt soweit auch ganz gut, ich bekomme nur immer wieder neue Zweijährige in die Klasse, die natürlich noch nicht so weit sind und das gesamte Tempo herunterziehen. Die meisten Kinder verstehen sehr gut was ich will, ich versuche mich auch so einfach wie möglich auszudrücken, und haben Spaß am Lernen. Der ABC-Song ist auch reinster Rock’n’Roll. 😉

Außerdem bringen wir ihnen ganz grundlegende Dinge bei, zum Beispiel sich ordentlich die Hände zu waschen, sich selbst anzuziehen, ordentlich aufzuräumen, Tischmanieren (soweit es geht), und generell friedliches Beieinandersein. In meiner Klasse wird ihnen noch nicht das Schreiben beigebracht, wir bereiten sie aber darauf vor. Eigentlich ist das unsere Hauptaufgabe: Die Kinder auf die nächste Klasse, in der’s ans Eingemacht geht, vorbereiten. Meist macht es Spaß, manchmal ist es aber auch eine Woche durchgehend nur anstrengend.

Anders als meine ausländischen Mitarbeiter arbeite ich nicht Vollzeit, sondern nur fünf Stunden am Tag, da ich als Nichtmuttersprachlerin schrecklich bezahlt werden würde. So ist es ein überdurchschnittlich gut bezahlter Job, zumal ich jeden Tag die gleichen Arbeitszeiten habe und mit den gleichen Kindern zu tun habe. Um es in Zahlen zu fassen* verdiene ich in einem durchschnittlichen Monat ca. 1450€ und bekomme das Geld für meine unglaublich teure Monatskarte (fast 300€) erstattet.

Eine Ausbildung in die Richtung habe ich übrigens nicht, meine Mitlehrerin schon.

* Damit hat man spannenderweise in Japan auch ein viel kleineres Problem als in Deutschland.

Elterngespräche.

Im Moment finden auf Arbeit Elterngespräche statt. Ich habe selbst keine Kinder und weiß nicht, ob es für die Eltern ganz wichtig ist, aber mir wäre es bei den meisten Kindern lieber, ich könnte ihnen einfach etwas Kleines ins Muttiheft kritzeln und nur die, wo wirklich mal mit den Eltern gesprochen werden sollte, einladen.

Meine jetzige Gruppe ist nämlich ziemlich toll. Natürlich super anstrengend, aber hey, welche 17-köpfige Gruppe von Zwei- bis Dreijährigen ist das nicht? Aber sie lernen schnell, benutzen Englisch tatsächlich auch von sich aus* und streiten kaum. Sehr entspannt, und die Kinder, die noch nicht ganz auf der Höhe sind, sind meist einfach noch zu jung und werden das Level in ein paar Monaten auch erreicht haben.

Solche Gespräche sind also nach fünf Minuten eigentlich vorbei, irgendwie versuchen wir aber mindestens 20 Minuten zu füllen, damit die Eltern nicht für nichts gekommen sind, und die Gespräche verlaufen im Kreis. Etwas nervig, zumal es bei den Kleinen dann hauptsächlich um ihr Toilettenverhalten geht.

Der Großteil der Gespräche ist jetzt aber vorbei. Am Mittwoch “durfte” ich bis 19 Uhr auf Arbeit sein, um vier Gespräche nach 17 Uhr abzuwickeln, aber auch das haben wir (meine japanische Mitlehrerin und ich) überlebt und nächsten Donnerstag sind dann endlich alle Termine abgearbeitet. Freiheit!

* Die Sätze, die zustande kommen, sind natürlich absolut unvollständig oder mit Japanisch versetzt, aber damit habe ich kein Problem. Das klingt dann so:

Claudia, yellow flowerがたくさんあるよ! (Claudia, da sind viele gelbe Blumen!)

Claudia, YuutoがPunchingしてる! (Claudia, Yuuto schlägt!)