Geburtstags-Wetter.

Am Samstag hatte ich Geburtstag.

Meine Geburtstage sind sonst spektakulär unspektakulär, ich gehe meist mit Freunden essen, aber dieses Jahr hatte ich zumindest eine Attraktion: Monsterregen.

Am Morgen nieselte es vor sich hin, und mein Mann und ich beschlossen, nach Heizteppichen zu gucken. Unsere Wohnung gleicht vor allem um fünf Uhr morgens eher einem Außenposten an der Antarktis, während wir lieber auf Hawaii wären. Als wir nach kurzer Zeit mit dem Herumgucken fertig waren, sah die Welt schon ein wenig düsterer aus.

Aus Ermangelung an Ideen ging es weiter nach Toyosu zum Lalaport, einem riesigen Einkaufszentrum, wo wir die Zeit noch ein wenig weiter totschlagen konnten. Um die Mittagszeit aßen wir in einem Restaurant mit Blick auf die tokyoter Bucht, wo wir einem Regenschirm ohne Besitzer dabei zusehen konnten, wie er in rekordverdächtiger Geschwindigkeit durch die Gegend flog. Aber klar, ist ja auch am Meer, da ist der Wind halt stärker.

Denkste. Nach einem Umweg über Tokyo waren wir wieder am Heimatbahnhof und wollten zum geheimniskrämerischst vom Mann reservierten Abendessen laufen, doch Wind und Regen waren nicht bereit für fünf Minuten mal die Füße still zu halten, und so mussten wir, gebückt hinter dem Schirm laufend, durch das Mistwetter. Ich war in Sicherheit, aber noch nicht mein Mann. Der hatte angeblich seinen Schlüssel verloren, und musste wieder raus in den Sturm. Zurück kam er nicht mit Schlüssel, sondern mit einem großen Blumenstrauß und nasser Jacke. In Überraschungen ist er gut, und unerschrocken in der Ausführung. Ein echter Samurai!

Auf dem Rückweg hatte sich das Wetter zum Glück etwas beruhigt, wir sind trotzdem lieber mit dem Bus gefahren, denn unsere Bäuche waren zu schwer. Diese Woche soll übrigens die ganze Zeit die Sonne scheinen…

So sauer.

Normalerweise ruft mein Mann mich an, sobald er von der Arbeit zur Bahnstation läuft. Dann kann ich mit der unglaublichen Macht der Mathematik eineinhalb Stunden hinzuaddieren, und weiß, wann er vor der Tür stehen und sein Abendessen verlangen wird. Ich verlasse mich also darauf, dass ich ganz viel Zeit habe um alles Mögliche vorzubereiten.

Letztens stand er einfach vor der Tür. Um halb sieben. Eigentlich ein schöner Umstand, aber ich reagiere auf Planänderungen allergisch und war sehr überrumpelt.

Ich: Warum hast du nicht angerufen?

Er: Ich wollte ganz schnell nach Hause kommen und habe mich ganz doll beeilt auf dem Weg zur Station.

Ich: Du hättest mir ja in der Bahn eine E-Mail schicken können*!

Er: Ich konnte nicht.

Ich: Warum?

Er: Mein Handy hat mich keine Mail schicken lassen.

Ich: Eh?

Er: Es ist total sauer, und wollte keine Mails mehr schicken.

Ich: Wie jetzt?

Er: Versuch doch mal mit ihm zu reden!

Ich: Hey, Handy! Handy! Handy!

Handy schweigt.

Er: Siehst du!

Ich: Da kann man nichts machen. Warum ist es denn so sauer?

Er: Wahrscheinlich, weil ich den Stecker nicht rausziehe, wenn es fertig geladen wurde.

Ich: Aha. Na gut.

Und wir aßen Abendessen.

* In der Bahn wird nicht telefoniert. Das steht überall und wird auch angesagt, und eigentlich hält man sich dran. Außer man ist ein alter japanischer Mann, dann muss man sich offensichtlich an keine Regeln mehr halten und kann seiner Umwelt auf die Nerven gehen.

Lady Luck.

Der Mann und ich sind schon seit längerer Zeit volljährig, und dürfen damit vollkommen legal unser Geld für Glücksspiel aus dem Fenster werfen. Hatten wir aber beide noch nie gemacht, und als wir vor zwei Wochen viel Zeit totzuschlagen hatten, sahen wir einen Lotto-Bingo-Los-Laden und entschlossen uns, das Glück herauszufordern.

Aus dem gesamten Angebot entschieden wir uns für zehn 幸運の女神 (Kouun no Megami)-Lose zu je 200 Yen. Da gibt es im Bestfall 30 Millionen Yen (ca. 300,000€) zu gewinnen, Geld, dass wir gern hätten, aber wer nicht?

Jedes Los hat eine Gruppe und eine Ziffer, um wirklich zu gewinnen muss man also die richtige Losnummer in der richtigen Nummer haben. Die Lose werden entweder durcheinander oder alle aus derselben Gruppe verkauft, das kann man sich aussuchen. Wir haben willkürlich ein total zusammengewürfeltes Paket ausgesucht, in der Hoffnung, dass das irgendetwas bringen würde.

Letzten Donnerstag war die Bekanntgabe der Gewinnnummern, und wie erwartet sind wir nicht reich geworden. Schade ist’s, aber es ist halt Glücksspiel.

Ganz witzig war’s trotzdem.

Montag Morgen.

Kurz für fünf, der Handywecker summt. Der Göttergatte schleicht sich aus dem Zimmer, und macht sich fertig für die Arbeit. Seit die Sonne später aufgeht habe ich morgens nicht die Energie mit ihm aufzustehen. Also ziehe ich um in sein Bett, dort ist’s generell viel besser, ziehe die Vorhänge auf und schlafe weiter bis um sechs.

In dieser Stunde habe ich die eigenartigsten Träume, und eigentlich sollte ich dieses erneute Schlafen einfach sein lassen. Danach bin ich nicht erholter, aber dafür ist es draußen schon heller. Der Sonnenaufgang meldet sich auch immer später und morgens ist’s kalt. 15°C, na vielen Dank.

Trotzdem, die warme Decke beseite schieben, aufstehen, durchs Internet huschen. Es könnte ja irgendjemand irgendetwas geschrieben haben. Schnell überlegen, was ich die Woche auf Arbeit mit den Kindern machen will. Das Thema ist noch immer “Sport”, und ich überlege, ob ich nicht einfach ein allgemeines Herbstthema hineinmische.

Um 6.45 fange ich dann an zu lernen. Im Moment noch immer Kanji, die mir sonst beim JLPT das Genick brechen werden. Eine Kollegin gab mir auch den unnötigsten Tipp aller Zeiten.

Ein Freund von mir macht das schlau, der lernt jeden Tag ein Kanji.

Offensichtlich ist es besser, kontinuierlich zu lernen, als wie ich, drei Wochen vorm großen Test jeden Tag zwei Seiten mit Kanji abzuarbeiten, aber mit der “Ein Kanji pro Tag”-Methode braucht man über fünf Jahre für die 2000 verlangten Kanji. Warte ich mal noch ein bisschen…

Auf jeden Fall schreibe ich zwei Seiten aus dem Lehrbuch (falls es jemanden interessiert: 「日本語能力試験」対策 日本語総まとめN1 漢字) ab, und hoffe, dass die Lesungen irgendwo tief in meinem Kopf so gespeichert werden, dass ich beim eigentlichen Test zumindest “so ein Gefühl” habe, in welche Richtung es gehen könnte. Leider muss man in diesem Mal 70% richtig haben, um zu bestehen, das ist ein wenig mehr als Raten, da brauche ich auch Glück. Woher bekomme ich auf die Schnelle ein vierblättriges Kleeblatt, und darf ich das mit den in den Prüfungsraum nehmen?

Nach etwas über einer Stunde bin ich mit dem Lernen fertig, und mein Kopf brummt. Hätte ich mich doch bloß ans Lernen gewöhnt, als ich noch jung und frisch war!, würde er gern schreien, doch er hat keine Kraft mehr. Ich mache derweil den Haushalt, das geht auch auf Auto-Pilot, und dann muss ich auch schon raus. Raus, in die Kälte, raus, wo die kleinen Biester lauern, hoffen, dass die ganz anstrengenden Biester heute bei Mama zuhause bleiben.