So sauer.

Normalerweise ruft mein Mann mich an, sobald er von der Arbeit zur Bahnstation läuft. Dann kann ich mit der unglaublichen Macht der Mathematik eineinhalb Stunden hinzuaddieren, und weiß, wann er vor der Tür stehen und sein Abendessen verlangen wird. Ich verlasse mich also darauf, dass ich ganz viel Zeit habe um alles Mögliche vorzubereiten.

Letztens stand er einfach vor der Tür. Um halb sieben. Eigentlich ein schöner Umstand, aber ich reagiere auf Planänderungen allergisch und war sehr überrumpelt.

Ich: Warum hast du nicht angerufen?

Er: Ich wollte ganz schnell nach Hause kommen und habe mich ganz doll beeilt auf dem Weg zur Station.

Ich: Du hättest mir ja in der Bahn eine E-Mail schicken können*!

Er: Ich konnte nicht.

Ich: Warum?

Er: Mein Handy hat mich keine Mail schicken lassen.

Ich: Eh?

Er: Es ist total sauer, und wollte keine Mails mehr schicken.

Ich: Wie jetzt?

Er: Versuch doch mal mit ihm zu reden!

Ich: Hey, Handy! Handy! Handy!

Handy schweigt.

Er: Siehst du!

Ich: Da kann man nichts machen. Warum ist es denn so sauer?

Er: Wahrscheinlich, weil ich den Stecker nicht rausziehe, wenn es fertig geladen wurde.

Ich: Aha. Na gut.

Und wir aßen Abendessen.

* In der Bahn wird nicht telefoniert. Das steht überall und wird auch angesagt, und eigentlich hält man sich dran. Außer man ist ein alter japanischer Mann, dann muss man sich offensichtlich an keine Regeln mehr halten und kann seiner Umwelt auf die Nerven gehen.

Lady Luck.

Der Mann und ich sind schon seit längerer Zeit volljährig, und dürfen damit vollkommen legal unser Geld für Glücksspiel aus dem Fenster werfen. Hatten wir aber beide noch nie gemacht, und als wir vor zwei Wochen viel Zeit totzuschlagen hatten, sahen wir einen Lotto-Bingo-Los-Laden und entschlossen uns, das Glück herauszufordern.

Aus dem gesamten Angebot entschieden wir uns für zehn 幸運の女神 (Kouun no Megami)-Lose zu je 200 Yen. Da gibt es im Bestfall 30 Millionen Yen (ca. 300,000€) zu gewinnen, Geld, dass wir gern hätten, aber wer nicht?

Jedes Los hat eine Gruppe und eine Ziffer, um wirklich zu gewinnen muss man also die richtige Losnummer in der richtigen Nummer haben. Die Lose werden entweder durcheinander oder alle aus derselben Gruppe verkauft, das kann man sich aussuchen. Wir haben willkürlich ein total zusammengewürfeltes Paket ausgesucht, in der Hoffnung, dass das irgendetwas bringen würde.

Letzten Donnerstag war die Bekanntgabe der Gewinnnummern, und wie erwartet sind wir nicht reich geworden. Schade ist’s, aber es ist halt Glücksspiel.

Ganz witzig war’s trotzdem.

Montag Morgen.

Kurz für fünf, der Handywecker summt. Der Göttergatte schleicht sich aus dem Zimmer, und macht sich fertig für die Arbeit. Seit die Sonne später aufgeht habe ich morgens nicht die Energie mit ihm aufzustehen. Also ziehe ich um in sein Bett, dort ist’s generell viel besser, ziehe die Vorhänge auf und schlafe weiter bis um sechs.

In dieser Stunde habe ich die eigenartigsten Träume, und eigentlich sollte ich dieses erneute Schlafen einfach sein lassen. Danach bin ich nicht erholter, aber dafür ist es draußen schon heller. Der Sonnenaufgang meldet sich auch immer später und morgens ist’s kalt. 15°C, na vielen Dank.

Trotzdem, die warme Decke beseite schieben, aufstehen, durchs Internet huschen. Es könnte ja irgendjemand irgendetwas geschrieben haben. Schnell überlegen, was ich die Woche auf Arbeit mit den Kindern machen will. Das Thema ist noch immer “Sport”, und ich überlege, ob ich nicht einfach ein allgemeines Herbstthema hineinmische.

Um 6.45 fange ich dann an zu lernen. Im Moment noch immer Kanji, die mir sonst beim JLPT das Genick brechen werden. Eine Kollegin gab mir auch den unnötigsten Tipp aller Zeiten.

Ein Freund von mir macht das schlau, der lernt jeden Tag ein Kanji.

Offensichtlich ist es besser, kontinuierlich zu lernen, als wie ich, drei Wochen vorm großen Test jeden Tag zwei Seiten mit Kanji abzuarbeiten, aber mit der “Ein Kanji pro Tag”-Methode braucht man über fünf Jahre für die 2000 verlangten Kanji. Warte ich mal noch ein bisschen…

Auf jeden Fall schreibe ich zwei Seiten aus dem Lehrbuch (falls es jemanden interessiert: 「日本語能力試験」対策 日本語総まとめN1 漢字) ab, und hoffe, dass die Lesungen irgendwo tief in meinem Kopf so gespeichert werden, dass ich beim eigentlichen Test zumindest “so ein Gefühl” habe, in welche Richtung es gehen könnte. Leider muss man in diesem Mal 70% richtig haben, um zu bestehen, das ist ein wenig mehr als Raten, da brauche ich auch Glück. Woher bekomme ich auf die Schnelle ein vierblättriges Kleeblatt, und darf ich das mit den in den Prüfungsraum nehmen?

Nach etwas über einer Stunde bin ich mit dem Lernen fertig, und mein Kopf brummt. Hätte ich mich doch bloß ans Lernen gewöhnt, als ich noch jung und frisch war!, würde er gern schreien, doch er hat keine Kraft mehr. Ich mache derweil den Haushalt, das geht auch auf Auto-Pilot, und dann muss ich auch schon raus. Raus, in die Kälte, raus, wo die kleinen Biester lauern, hoffen, dass die ganz anstrengenden Biester heute bei Mama zuhause bleiben.

Wie man kleine Mädchen (mich) zum Weinen bringt.

Da ich über deutsche Behörden gern lästere, eine kurze Geschichte vom Anfang des Jahres.

Als ich in Japan geheiratet habe, hat sich mein Nachname nicht automatisch geändert. Dafür bin ich mit allen Dokumenten, um gleichzeitig auch die Ehe anzumelden, zum Standesamt in Deutschland gegangen. Leider war die nette Mitarbeiterin, die mein Ehefähigkeitszeugnis, das ich zum Heiraten brauchte, ausgestellt hatte, nicht da, und so geriet ich an ihre grantlige Mitarbeiterin.

Grantina: Also, den Namen kann ich Ihnen nicht ändern, und sowieso machen wir das heute gar nicht!

Ich: Warum können Sie das nicht ändern?

Grantina: Na da brauchen wir erstmal eine Apostille, dass das Ausgangsdokument authentisch ist, und Ihr Mann muss der Namensänderung zustimmen. Sonst geht das nicht.

Ich: Ich habe gelesen, dass es ein Abkommen gibt, wegen dem man keine Apostille braucht.

Grantina: Da kann ich Ihnen nicht helfen.

Ich war also gerade aus Japan wiedergekommen, wo ich auch schon Probleme mit der deutschen Botschaft hatte, denn die war einfach nach Osaka geflohen, und jetzt machte mir die grantige Frau noch zusätzlichen Stress, von dem ich wusste, dass er unnötig war. Vor dem Tisch der Beamtin schrumpfte ich auf fünf Jahre zusammen, und fühlte mich sehr hilflos – nichts, was ich sagte, konnte Grantina umstimmen, und ich musste mich beugen. Nicht einmal Tränchen konnten die harte Schale der Grantina, gestählt von dreißig Jahren im Standesamt, erweichen.

Bei einem Telefongespräch mit einer Mitarbeiterin der japanischen Botschaft wurde mir versichert, dass man das noch nie gehört habe, dass eine Apostille benötigt würde, aber da müsste jemand in Japan mit den Dokumenten zu einem japanischen Amt gehen. Also stecke ich pflichtbewusst alle Dokumente und eine Erklärung für meinen Mann zum Unterschreiben, dass bitte mein Name sofort geändert werden soll, in einen Briefumschlag.

Drei Tage später ein Anruf aus dem Standesamt, die nette Mitarbeiterin, die mir vorher schon geholfen hatte, am anderen Ende der Leitung.

Nettina: Ich bin grad erst von einer Weiterbildung zurückgekommen und habe mit der Kollegin gesprochen, und was die Ihnen erzählt hat stimmt ja sogar nicht. Natürlich können wir Ihren Namen ändern!

Ich: Eh?

Nettina: Die Apostille braucht man nur, wenn Zweifel an der Authentizität der Papiere hat, und die sind bei Ihnen absolut unnötig.

Ich: Ich habe die Dokumente jetzt schon nach Japan geschickt. Was soll ich jetzt machen?

Nettina: Lassen Sie sich das zurückschicken und machen Sie dann einen Termin bei mir und wir regeln das.

Und so dauerte es zwei Wochen länger meinen Namen zu ändern, als ich mir das gedacht hatte. Warum diese zwei Wochen so wichtig brauchte? Weil ich einen neuen Pass brauchte um mein Visum zu beantragen, und das Visum um nach Japan zu fliegen. Das Visum sollte auf meinen neuen Nachnamen ausgestellt werden, damit ich nicht in Japan auf Japanisch Probleme haben würde. In der Situation hing also sehr viel davon ab, was die gute Frau Grantina auch wusste, und sie konnte sich nicht herablassen einmal in eines der vielen Handbücher zu sehen. In denen steht so etwas nämlich.

Dieses Bittstellerdasein in Deutschland geht mir noch mehr auf den Senkel, seit ich im japanischen Bürgeramt nur gut behandelt werde. Irgendwie funktioniert alles, auch wenn es manchmal länger dauert. Niemand erzählt mir irgendetwas, nur damit mein Fall abgehakt ist, sondern es wird herumgesucht und nachgefragt. Ich weiß natürlich nicht, ob das in allen Situationen so ist, aber ich fühle mich weniger kleingemacht als in der Heimat, und das ist mir viel wert.